Maria Theresia hatte bei ihrer Verheiratung auf die Erbfolge verzichtet; das einzige Kind Margarete Theresias verzichtete zugunsten ihres Vaters auf die Thronfolge in Spanien, als sie sich mit Max Emanuel von Bayern verband, doch erkannten weder Ludwig XIV. noch der Kurfürst diese Verzichte an. Erbberechtigt erschienen so: Der Dauphin von Frankreich, der Kurprinz von Bayern und der älteste Sohn Leopolds; der Dauphin und Leopolds Sohn auch schon von den Schwestern Philipps IV. her.

Man mußte sich also vereinbaren und legte Wert auf die letzte Willensmeinung des Königs von Spanien. Dieser war seinen deutschen Verwandten zugeneigt, aber die Partei der Königin arbeitete, von Frankreich beeinflußt, für das Haus Bourbon. Für die anderen Staaten handelte es sich aber im Hinblick auf das politische Gleichgewicht nicht nur darum, an welches der beiden Häuser Spanien fallen, sondern wohl noch mehr darum, ob es in seinem ganzen ungeheuren Umfange bestehen bleiben sollte. Dies war besonders wichtig für die Seenationen, weil bei ihrer Auffassung des Gleichgewichts der Einfluß der neuen politischen Gestaltung auf Handel und Schiffahrt, auf die Beherrschung des Ozeans und des Mittelmeeres schwer ins Gewicht fiel.

Zu Spanien gehörten: Neben Mailand und anderen Provinzen in Norditalien der Süden dieser Halbinsel, Sicilien, Sardinien, die Balearen; die spanischen Niederlande; auf der westlichen Halbkugel Kuba, Portorico und die großen Staaten Südamerikas, deren Bedeutung für den Handel man gerade zu erkennen begann; endlich große Besitzungen in Indien. Solange Spanien wie in den letzten Jahrzehnten ohnmächtig war, hatten die Seenationen gleichgültig auf diese große Ausdehnung, gerade in maritimer Hinsicht, geblickt. Anders wurde die Sachlage für sie, wenn eine stärkere Regierung in Spanien das Ruder führte, die vielleicht gar einen Rückhalt an einer anderen Großmacht hatte; wir werden sehen, daß während aller Verhandlungen, später während des Krieges und endlich beim Friedensschluß diese maritimen Interessen von größtem Einfluß waren.

Wegen der Wichtigkeit in maritimer Hinsicht — aber auch wegen des Charakters Ludwigs XIV. — mußte ein Erfolg Frankreichs bei der Lösung der Frage des Seenationen bedenklicher erscheinen als der der Gegenpartei; die Verhandlungen der Kabinette näherten sich infolgedessen immer mehr einer neuen Allianz gegen Frankreich, und wieder wurde Wilhelm III. von England die Seele dieser Bewegung. England und Holland fürchteten ganz besonders, wenn ein Bourbon den Thron Spaniens bestieg, den Einfluß Frankreichs in den spanischen Niederlanden, ein französisches Handelsmonopol im spanischen Amerika und die Beherrschung der Straße von Gibraltar zugunsten Frankreichs; dieses erschien ihnen sowohl im Hinblick auf den Handel wie vom militärischen Standpunkte aus gefährlich; hatte ihnen doch im letzten Kriege Cadiz als Stützpunkt gegen die Verbindung der französischen Streitkräfte von Toulon und Brest gedient.

Die Seenationen machten nun zunächst einen Vermittlungsvorschlag (im Haag 1688): Joseph, der Kurprinz von Bayern, sollte Spanien, Indien und die Niederlande erben; an Karl, des Kaisers Sohn, sollten Mailand und an einen Sohn Ludwigs Neapel und Sicilien fallen. So waren alle Erbberechtigten bedacht, und auch sie erreichten ihren Zweck; Frankreich erhielt zwar eine stärkere Stellung im Mittelmeer, aber dieser glaubten die Regierungen der Seestaaten gewachsen zu sein. Ludwig ging auf diesen Vorschlag ein, vielleicht nur um im Bunde mit England und Holland den Kaiser zu schrecken oder um für seine Umtriebe in Madrid Zeit zu gewinnen. Der Kaiser jedoch widersetzte sich, da er seiner Familie gerade die Mittelmeerstellung erhalten wollte, und alles flog in die Luft, als der Kurprinz 1699 plötzlich (an Gift?) starb.

In Spanien war die öffentliche Meinung gegen jede Lösung der Frage, die das Reich zersplitterte, und der Partei der Königin gelang es, den König zu bestimmen, in seinem Testament (Oktober 1700) Philipp von Anjou als Thronfolger einzusetzen; der König starb am 1. November 1700. Ludwig XIV. erkannte das Testament an, ohne auf seine Verhandlungen mit den Seemächten Rücksicht zu nehmen; er ließ seinen Enkel zum König ausrufen und sandte ihn im Januar 1701 nach Spanien. Anjou fand dort keinen Widerstand, er zog im April als König Philipp V. feierlich in Madrid ein; auch in Mailand und Neapel wurde er anerkannt, ebenso vom Papst und von Mantua. Er war aber ganz auf Frankreichs Unterstützung angewiesen, da in Spanien Heer und Flotte gänzlich verfallen waren.

Bei seiner Abreise sagte ihm Ludwig: „Sei ein guter Spanier, das ist deine erste Pflicht, aber vergiß auch nicht, daß du ein geborener Franzose bist, um stets die Verbindung zwischen beiden Ländern und damit den Frieden Europas aufrecht zu erhalten.“ Ludwig frohlockte auch schon mit dem Ausspruch: „Es gibt keine Pyrenäen mehr!“ Sein Triumph war berechtigt: die Vereinigung der Länder beim Hause Bourbon versprach große Vorteile für Frankreich, schon weil dieses dadurch einen alten Feind im Rücken verlor, der trotz seiner Schwäche oft die Erweiterungspläne nach Osten behindert hatte. Tatsächlich haben ja auch die beiden Königreiche dann lange Zeit, mit nur kurzer Unterbrechung, in einem auf Familienbeziehungen beruhenden Bündnisse gelebt, das nur wegen Spaniens Ohnmacht nicht gefährlich für das übrige Europa wurde.

Nun drohte der Krieg; die Bevölkerung der Seestaaten wollte aber nach den Leiden des letzten Kampfes noch Ruhe haben. Man versuchte deshalb, Ludwig zu einigem Nachgeben zu bewegen, und machte einen neuen Vermittlungsvorschlag, nach dem Anjou Spanien behalten sollte, aber Frankreich keine Handelsbevorzugung in den Kolonien gewähren dürfe; die italienischen Provinzen sollten sämtlich an Karl fallen, wodurch dem vorhin erwähnten Anspruch des Kaisers genügt wäre. Den Seemächten erschien es für ihre maritimen Interessen weit unbedenklicher, Süditalien in habsburgischen Händen zu sehen als in bourbonischen; es ist bemerkenswert, daß diese Lösung der Frage annähernd schließlich das Ergebnis des zehnjährigen Krieges wurde.