Über die Streitmittel (anschließend an Seite [417] ff.).
Da der Spanische Erbfolgekrieg der letzte große Seekrieg unseres dritten Abschnittes ist, soll die innere Geschichte der drei großen Marinen hier gleich bis zum Jahre 1739 fortgeführt werden. Wir haben sie kennen gelernt bis 1697; Als genannter Krieg 1702 ausbrach, hatte sich kaum etwas geändert; große Wandlungen aber sollten während des Krieges und in der Zeit bis zum Beginn des nächsten Zeitabschnittes in den Marinen vor sich gehen: die alte, stolze Marine Hollands verschwand nahezu ganz; die französische sank tiefer und tiefer; die englische schritt fort auf ihrem Wege zur Beherrschung der Meere.
In Holland beginnt mit dem Spanischen Erbfolgekriege der Verfall der Marine.[256] Wir haben gesehen, daß sie im vorigen Kriege noch mächtig dastand; Wilhelm von Oranien war bestrebt, sie auch nach dem Frieden von Ryswijk so zu erhalten, da er voraussah, daß der Friede nicht lange dauern würde. Es handelte sich zunächst darum, die nötigen Mittel zu beschaffen, da die Admiralitäten stark verschuldet waren, besonders die von Seeland, Amsterdam und der Maas, die fast allein die Schiffe gestellt und während des Krieges kaum von den eigenen Provinzen, geschweige denn von den Landprovinzen, die zustehenden Gelder empfangen hatten.
Die Admiralität Amsterdam z. B. hatte von der Provinz Holland 4840000 Gulden und von den andern 1900000 Gulden zu fordern; man war hier sogar den meisten Kapitänen einen 8–17 monatliches Gehalt schuldig.
Es gelang Wilhelm, die Generalstaaten zur Aufnahme einer Anleihe von 12 Millionen zu bewegen; die Admiralitäten wurden dadurch in den Stand gesetzt, die Schiffe auszubessern, die Magazine zu füllen und ihren Kredit wieder herzustellen. Man setzte den Bau der 18 Linienschiffe, die schon vor dem Frieden bewilligt waren, fort und beschloß 1701 weitere 12 (II. und III. Klasse) auf Stapel zu legen. Wilhelm brachte ferner die Formierung von drei Regimentern Seesoldaten durch, die sich, wie die der englischen Marine; im kommenden Kriege nicht nur an Bord, sondern auch am Lande in Spanien sehr gut bewährten.
Der Schiffsbestand hatte im vorigen Kriege meist gegen 90 Linienschiffe betragen. Um 1700 waren infolge der Verluste und Ausrangierungen nur noch 74 — darunter 15 I. Klasse, 80–96 Kanonen; 16 II. Klasse, 70 bis 74 Kanonen; 24 III. Klasse, 60–68 Kanonen — vorhanden, doch war durch die Neubauten für baldigen Ersatz gesorgt. Die Marine hätte somit im Spanischen Erbfolgekriege ebenso mächtig auftreten können wie im Pfälzischen Erbschaftskriege, aber der Tod Wilhelms trat hindernd dazwischen. Da kein neuer Statthalter gewählt wurde, zeigten sich die Übelstände der früheren statthalterlosen Zeit aufs neue; der Ratspensionär von Holland war zwar bestrebt, die Marine weiter zu pflegen, er besaß aber nicht den Einfluß, den Oranien und auch de Witt besessen hatten. Mit der Statthalterwürde fiel auch die Stelle des Admiralgenerals weg, dessen Befugnisse wieder geteilt an die Generalstaaten, an die Regierungen der Provinzen und an die Admiralitäten übergingen; dem Seewesen fehlte der Mittelpunkt und die treibende Kraft. Die Landprovinzen hatten wie früher kein Interesse oder kein Verständnis für den Seekrieg, der fern im Mittelmeer geführt wurde, aber auch die Seeprovinzen ließen sich öfters mehr von Privatinteressen — Schutz des Handels — leiten. Den Admiralitäten wurden außergewöhnliche Mittel, wie sie zum Bau und zur Indiensthaltung größerer Schlachtschiffe nötig waren, nicht mehr bewilligt; die gewöhnlichen Mittel, die nur für die Erhaltung der Schiffe zum Handelsschutz bemessen waren, gingen bald wieder unregelmäßig und unvollständig, von den Landprovinzen häufig gar nicht ein; durch die Indienststellungen für den Krieg gerieten die Admiralitäten bald wieder in Schulden. So kam es, daß von 1701–1713 nur 21 Linienschiffe, nicht einmal die Zahl der 1697 und 1701 bewilligten, gebaut wurden, obgleich Heinsius 1703, 1706, 1710 Neubauten beantragt hatte.
Der Verfall der Marine trat schon bei den Rüstungen während des Krieges zutage. Die Beratungen über die jährlichen Indienststellungen wurden spät begonnen und träge geführt, das dann Beschlossene entsprach nicht der Größe der Marine; die Ausführung wurde infolge Geldmangels verzögert, ja blieb häufig hinter dem Beschlusse zurück. Die Engländer erhoben gegen Ende des Krieges die Klage, Holland habe es anfangs an der Hälfte und von 1707 ab an 2/3 der nach der Abmachung zu stellenden Streitkräfte (England 5/8, Holland 3/8 der gemeinsamen Flotte) fehlen lassen.
Wenn de Jonge, wie wir gehört haben, nachdrücklich Wilhelm von Oranien gegen den Vorwurf in Schutz nimmt (vgl. Seite [419], [422]), den Verfall der Marine verschuldet zu haben, so sagt er doch von diesem und von Heinsius später, daß sie beim Eingehen der Verbindlichkeiten für einen großen Land- und Seekrieg gleichzeitig die Kraft der Niederlande überschätzt hätten. Der Landkrieg nahm die Mittel sehr in Anspruch, für ihn stellte Holland ein weit größeres Kontingent als England. Der holländische Seehandel litt nicht allein durch den eigenen Krieg, sondern auch durch ungünstige Handelsverhältnisse in der Ostsee (nordischer Krieg; Epidemien an einzelnen Küsten dort), so daß auch die reichen Seeprovinzen die großen Opfer nicht mehr aufbringen konnten.
Es sind während des Krieges in Dienst gestellt, Linienschiffe:
| 1702 | 20 | Mittelmeerflotte | 15 | nördliche Gewässer | 1707 | 16 | Mittelmeerflotte | 16 | nördliche Gewässer | Ferner: 8 Fregatten bei der Mittelmeerflotte und 30–40 Convoi-Begleitschiffe jährlich. | ||||||||
| 1703 | 12 | 22 | 1708 | 14 | 17 | |||||||||||||
| 1704 | 18 | 17 | 1709 | 14 | 16 | |||||||||||||
| 1705 | 20 | 15 | 1710 | 14 | 7 | |||||||||||||
| 1706 | 18 | 12 | 1711 | 13 | — |