Der Frage, wie weit hiernach die englische Klage berechtigt erscheint, werden wir bei den Schlußbetrachtungen über den Krieg näher treten.

Kennzeichnend für die ungünstigen Verhältnisse aber ist, daß von 1707 an auf die Flotte im Mittelmeer aus Sparsamkeit nur ein Admiral kommandiert wurde; man erinnere sich an die übergroße Zahl der Flaggoffiziere auf den Flotten früherer Zeiten.

So hatte der Ruf der holländischen Marine schon während des Spanischen Erbfolgekrieges sehr gelitten, und es kann nicht wundernehmen, wenn die Engländer sie nicht mehr für voll ansahen, wenn bei gemeinschaftlichen Unternehmungen die englischen Befehlshaber auf die holländischen, wie diese häufig klagen, immer weniger Rücksicht nahmen.

Immerhin hat die holländische Marine in diesem Kriege noch eine Rolle gespielt, dann aber wurde ihr Verfall in wenigen Jahren ein vollkommener. De Jonge sagt: „Der Frieden von Utrecht ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Niederlande im allgemeinen und in der der Marine im besondern. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach die Republik, gestützt auf ihre Seemacht, in allen großen politischen Angelegenheiten, in allen Kriegen und bei allen Friedensschlüssen ein gewichtiges Wort mit. Von jetzt an aber hält sie sich zurück, vermeidet den Krieg mit Ängstlichkeit, schließt Verträge über Verträge selbst mit Gefährdung der Ehre des Staates, um den Frieden zu erhalten, und verwahrlost ihre Land- und Seestreitkräfte.“ Wir werden der Marine der Niederlande von jetzt an nur noch als einer sehr untergeordneten begegnen, sie war nicht mehr imstande, den an sie herantretenden Anforderungen zu genügen.

Nach Utrecht blieb die Lage der Admiralitäten in dem traurigen Zustande, wie er nach dem Tode Oraniens eingetreten war. Außergewöhnliche Mittel wurden nicht mehr bewilligt, die Landprovinzen zahlten Jahre hindurch nicht einmal die gewöhnlichen Beiträge. Mühsam gelang es den Seeprovinzen, innerhalb der nächsten zehn Jahre die Schulden ihrer Admiralitäten zu decken, darunter jahrelang rückständige Gehälter der Offiziere sowie Pensionen für Witwen und Waisen.

Von 1715 an erforderte der nordische Krieg eine Machtentfaltung Hollands (und Englands) in der Ostsee zum Schutze des Handels. In diesem Jahre gelang es noch, 12 Linienschiffe zu entsenden; 1716 waren es nur 2 Linienschiffe und 4 Fregatten, 1717 kein Segel. Die Folge war, daß in diesem Jahre nur 200 Kauffahrer zur Ostsee gingen gegen sonst 500. 1718 beabsichtigten die Generalstaaten deshalb, 30 Kriegsschiffe auszurüsten, aber nur 12 waren aufzubringen. Ähnlich war es im Mittelmeer, wo seit 1716 die Belästigung des Handels durch die Raubstaaten wieder zunahm. Erst 1721 konnte man 4 kleine Linienschiffe und 4 Fregatten dagegen aufstellen, später bis 1740 nur noch kleine Divisionen von Fregatten. 1727 und 1729 entsandte man allerdings 5 und 9 Linienschiffe. Diese waren aber ursprünglich in Dienst gestellt, da man eine Störung des europäischen Friedens befürchtete; welch unbedeutende Macht für einen solchen Fall! Gegen die Seeräuber mußte man Kaperbriefe ausgeben und die alte Bestimmung, nach der die Levantefahrer zum Selbstschutz stark armiert und bemannt sein sollten, wieder streng durchführen.

Man war nicht imstande, das Material in seiner Stärke zu erhalten; die Schiffe verrotteten auf den vernachlässigten Werften und der Ersatzbau war ganz unbedeutend. Bis 1723 wurden nur in Amsterdam 9 Schiffe gebaut, dann bis 1740 bei allen Admiralitäten etwa 50, unter allen diesen nur 30 Linienschiffe. Um 1740, bei Beginn des nächsten Abschnitts, war der Schiffsbestand: 1 zu 90 Kanonen, 1699 erbaut und in Seeland wohl nur deshalb erhalten, weil diese Provinz das Flottenflaggschiff zu stellen hatte; 5 zu 72 Kanonen, darunter 3 von 17151719 erbaut; 8 zu 64 Kanonen, 15 zu 52 bis 58 Kanonen. Insgesamt waren 29 Linienschiffe und 22 kleinere Fahrzeuge vorhanden, von denen 14 und 17 zu Amsterdam gehörten.

In gleicher Weise ging das Personal zurück. Bei den geringen Indienststellungen verließen in den Jahren nach dem Kriege viele Offiziere, Deck- und Unteroffiziere, den Dienst, um zu den großen Kompagnien oder ins Ausland zu gehen; der Dienst wurde nicht mehr gesucht. Die im Dienst bleibenden Offiziere wurden alt in ihrem Range und hatten keine Aussicht auf Beförderung, denn freiwerdende höhere Stellen blieben unbesetzt. Der Ersatz wurde infolgedessen ungenügend und, da die Stellen (auch in der Verwaltung) oft nach Gunst vergeben wurden, minderwertig. Auch für die Deck- und Unteroffiziere fand sich nur spärlicher und schlechter Ersatz; ebensowenig waren gute seeerfahrene Matrosen zum Eintritt zu bewegen. Selbst bei den wenigen Indienststellungen machte die Bemannungsfrage die größten Schwierigkeiten; Disziplin und Kriegsfertigkeit litten natürlich unter solchen Umständen. Zu Beginn des nächsten Abschnittes war Holland nicht imstande, auch nur ein größeres Geschwader schlagfertig in Dienst zu stellen; erst ein neuer Statthalter, Wilhelm IV. 1747, versuchte, die Marine wieder zu heben.

Als die Republik in den Österreichischen Erbfolgekrieg hineingezogen war, verpflichtete sie sich (April 1744), zu einer gemeinsamen Flotte mit England 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten zu stellen. Wer sollte dieses Kontingent kommandieren? In Seeland waren vorhanden: ein Leutnantadmiral, zu alt und zu gebrechlich, um an Bord zu gehen; ein Kontreadmiral, völlig taub; ein Vizeadmiral. Nach altem Brauch mußte aber der Leutnantadmiral von Holland führen und die Admiralitäten von Amsterdam und der Maas verfügten nur noch über einen Kontreadmiral von 72 Jahren. Dieser (Grove) wurde deshalb sofort zum Leutnantadmiral der Maas ernannt, drei schon bejahrte Kapitäne zum Leutnantadmiral von Amsterdam, zum Vize- und zum Kontreadmiral; außer Grove, der die Streitkräfte 1717/1718 in der Ostsee kommandiert, hatte keiner der neuen Flaggoffiziere je einen größeren Verband von Schiffen geführt. Von den zu stellenden Schiffen stießen zunächst nur 8 Linienschiffe und erst im August zu den Engländern — die Fregatten waren zur Aufnahme des ostindischen Convois entsandt — und als die vereinigte Flotte kaum vier Wochen in See war, mußten drei Schiffe wegen Krankheit an Bord einen Nothafen aufsuchen; weitere 8 Linienschiffe stießen erst im Winter zur Flotte. Um dieses Geschwader zu bemannen, hatte man Werbeoffiziere nach Hamburg, Bremen und Kopenhagen gesandt, aber dort nur wenig befahrene Matrosen erhalten; man mußte noch mit Sträflingen aus den Gefängnissen auffüllen. Brauchbare Unteroffiziere fehlten, Feuerwerkerpersonal mußte z. B. in Dänemark angeworben werden. Viele der Offiziere waren minderwertig, sie und auch die Kommandanten hatten keine Übung im Geschwaderfahren. Der tüchtigste der Admirale (Schrijver, mit 58 Jahren noch verhältnismäßig jung) erwähnte dies später in einer Denkschrift für den neuen Statthalter und fügte hinzu: „und der Geschwaderchef konnte sie nicht belehren, da er es selber nicht verstand. Wenn die Flotte mit einem gleichstarken Feinde, der Ordnung gehalten hätte, zusammengekommen wäre, so würde das holländische Kontingent durch Unordnung wohl eine Niederlage herbeigeführt haben.“

In Frankreich[257] war, wie wir gehört haben (Seite [422] ff.), die Marine seit Colberts Tode zurückgegangen, besonders unter dem Marineminister Louis de Pontchartrin; und es ging weiter mit ihr bergab. 1699 übernahm Jerôme de Pontchartrin, der Sohn von Louis, der schon mehrere Jahre unter seinem Vater gearbeitet hatte, das Ministerium. Er gilt gemeiniglich als ein schlechter Marineminister, doch ist das Urteil über ihn wohl durch seine vielen Feinde getrübt. Er war 39 Jahre alt, klug, unterrichtet und von festem Willen, aber auch tyrannisch, hart, ehrgeizig und eifersüchtig in Hinsicht auf seine Autorität. Zweifellos ehrlich bestrebt, den schnellen Verfall der Marine aufzuhalten, beschleunigte er ihn durch seine Fehler, aber ihm allein darf man doch die Schuld nicht aufbürden. Der Hauptgrund war der Mangel an Geld. Jerôme war nicht, wie sein Vater, gleichzeitig Finanzminister, konnte also die Mittel nicht selbst bestimmen. Schon sein Vater hatte nach dem Frieden 1697 das Budget der Marine von 25 Millionen auf 18 herabgesetzt; Jerôme forderte später ununterbrochen genügende Mittel und sagte die traurigen Folgen falscher Sparsamkeit voraus.