Und noch ein zweiter Umstand trat ihm hindernd entgegen. Wir wissen, daß seit Colbert die Verwaltungsbehörden in der Marine eine größere Macht besaßen als die militärischen, daß die Seeoffiziere stets bestrebt waren, diese Macht zu brechen und daß infolgedessen für den Dienst höchst nachteilige Reibungen zwischen den „officiers de plume“ und den „officiers d'épée“ auftraten. Als Jerôme sein Amt übernahm, war der Admiral von Frankreich, Graf von Toulouse (Sohn der Montespan), kein Kind mehr, und durch ihn wurde der Widerstand der Seeoffiziere wesentlich gestärkt. Dies mußte die Tätigkeit des Ministers lähmen; anderseits wird ihm aber vorgeworfen, er habe aus Eifersucht die Rüstungen und die Operationen der Flotte, die Toulouse kommandierte, gehemmt. Unter ihm blieb allerdings, wie unter seinem Vater, während des größten Teiles des Krieges die Tätigkeit der Seestreitkräfte auf den kleinen Krieg beschränkt, aber es ist doch die Frage, ob er es wie dieser aus Mangel an Verständnis für die Kriegführung zur See, oder gar aus Eifersucht getan hat, oder ob er nicht durch die Schwächen der Marine dazu gezwungen war. Gleich bei Beginn des Krieges 1701 entsandte er eine größere Flotte, 1705 eine solche von 50 Linienschiffen und 1706 eine von 30, sie waren nie stark genug oder zu spät bereit, um Erfolge zu erzielen; auch in den Zwischenjahren wurde gerüstet, man zog aber die Kräfte nicht zusammen, und von 1707 ab fanden keine bedeutenden Indienststellungen mehr statt. Stets litt die Marine unter Geldmangel und unter dem schon eingerissenen innern Verfall; sie konnte ihre Kraft nicht entfalten, verlor dadurch an Bedeutung in den Augen des Königs, seiner Räte und sogar des Volkes, was wieder noch geringere Fürsorge für sie zur Folge hatte.
Der Geldmangel führte weitere schlimme Zustände herbei; die Verwaltung geriet in Schulden. Die Lieferanten konnten nicht bezahlt, das technische Personal und die Arbeiter auf den Werften nicht gelöhnt werden; die besten verließen den Dienst und, um den Rest zu behalten, mußten häufig die Vorräte in den Arsenalen usw. zu Schleuderpreisen verkauft werden. Das Einreißen von Unehrlichkeit im Personal der Verwaltung, für das der Finanzminister 1702 gegen 100 neue Stellen geschaffen und an „Meistbietende“ verkauft hatte, war eine Folge dieser Mißwirtschaft.
Auch auf das Personal der Flotte wirkte sie demoralisierend, der Kreuzerkrieg half dabei. Viele der unregelmäßig besoldeten Offiziere nahmen Dienst auf den von Privaten ausgerüsteten Schiffen und auch auf den vom Staate armierten waren sie auf ihren Vorteil bedacht; im Offizierkorps gingen Disziplin und das Gefühl für Ehre und Pflicht verloren. Ebenso stand es mit der Mannschaft. Da sich bei der Bestechlichkeit der Beamten die Inskribierten, die über einige Mittel verfügten, vom Dienste freimachen konnten, war selbst bei den geringen Indienststellungen der Bedarf nur durch Pressen zu decken; mit Härte mußte diese Maßregel durchgeführt werden, wie Verbrecher wurden die Leute ihren Schiffen zugeführt.
Was aus dem Schiffsmaterial unter solchen Verhältnissen wurde, ist klar; die Schiffe verwahrlosten auf den Werften, an Ersatz verlorener oder verbrauchter wurde nicht gedacht. 1696 besaß die Marine 135 Schiffe über 40 Kanonen und 20 von 34–36 Kanonen; 1712 nur 85 Linienschiffe und 10 von 10–44 Kanonen, sämtlich in schlechtem Zustande.
Chabaud-Arnault sagt (Seite [122]): „Dahin war es mit der Marine unter Jerômes de P. Amtstätigkeit gekommen, gewiß teilweise durch seine Schuld, aber mehr noch infolge der Verhältnisse und durch die Schuld der anderen Minister und Ludwigs XIV. selber, der der Größe seiner Marine nicht mehr die Wichtigkeit beilegte wie ehemals.“
Während der Regentschaft 1715–1723 sank die Marine noch tiefer; Kardinal Dubois wagte nichts zu ihrer Hebung zu tun, um nicht Englands Eifersucht zu erregen. An Stelle des Marineministers trat unter dem Admiral von Frankreich (Toulouse) eine Kommission, bestehend aus einem Präsidenten, Marschall Victor d'Estrées, 3 Seeoffizieren und 3 Verwaltungs-Beamten. Toulouse und d'Estrées hatten wohl den guten Willen, Ordnung in der Verwaltung herbeizuführen, die Schiffe zu erhalten, Disziplin und Geist der Offiziere zu heben; aber auch sie scheiterten am Geldmangel: die guten Kräfte der Werften verließen weiter den Dienst; die Bleibenden und so auch viele Offiziere lebten im Elend; die Seestädte entvölkerten sich. Für 1729 wird der Schiffsbestand nur noch auf 45 Linienschiffe, 10 Fregatten und 10 Transporter angegeben.
Mit der Mündigkeit Ludwigs XV. wurde wieder ein Marineminister ernannt: der Graf de Maurepas, der Sohn Jerômes de Pontchartrin; er blieb es 26 Jahre hindurch. Er war klug, tätig und von bestem Willen beseelt, aber auch er kämpfte vergebens. Wieder fürchtete der jetzige Leiter Frankreichs, Kardinal Fleury (Premierminister 1723–1743), die Eifersucht Englands, und das Marinebudget betrug nur 8 Millionen; unter Ludwig XIV. war es selbst in Friedenszeiten nie unter 18 Millionen gesunken und das Geld war jetzt weit weniger wert. Trotzdem verlor Maurepas den Mut nicht; er strebte an, ein wenn auch geringes so doch gutes Schiffsmaterial zu beschaffen. Doch der Geldmangel erschwerte dies ungemein, die Ersatzbauten wurden in grünem Holz ausgeführt und hatten keine lange Lebensdauer, der Zustand der Werften blieb schlecht.
Ebensowenig Erfolg hatten seine Bestrebungen, das Personal zu heben. Aber wie konnte er Lust und Liebe zum Dienst in einem Offizierkorps erwecken, in dem seit 20 Jahren jede Beförderung stockte; der Etat war auf die Hälfte herabgesetzt, es gab gardes de la marine von 40 Jahren. Die Reibungen zwischen den Offizieren und den Beamten nahmen immer mehr zu. Die Schiffskommandos weigerten sich häufig, den Anweisungen der Verwaltung zu folgen, die gelieferten Vorräte und Ausrüstungsgegenstände anzunehmen, Abrechnungen einzureichen, ja sogar das Personal in den Stellungen zu verwenden, für die es überwiesen war; man gab ihnen aber auch erbärmliche Mannschaft, unbrauchbare Bordbeamte, die Ausrüstung wurde ohne Verständnis und von schlechter Beschaffenheit geliefert.