Die Disziplin der Mannschaft — gepreßt, widerrechtlich festgehalten, unregelmäßig gelöhnt, schlecht gekleidet und verpflegt — sank soweit, daß man bei Außerdienststellungen Zivilarbeiter heranziehen mußte, da die Besatzung im Hafen nicht arbeiten wollte; selbst auf Rhede gingen die Leute fast nach Belieben an Land, man mußte zufrieden sein, wenn sie beim Auslaufen zur Stelle waren.

Maurepas gelang es immerhin, einiges Gute zu schaffen. Nach und nach führte er eine mildere Behandlung der Dienstpflichtigen ein und die vielfach fortgezogene Küstenbevölkerung mehrte sich wieder, das Wachsen der Kauffahrteimarine sowie das Aufblühen der Kolonien unter Fleury wirkte mit; in das System der Einschreibung für den Seedienst kam wieder Ordnung. Er vervollkommnete den wissenschaftlichen Unterricht der Offiziere, stellte Schul- und Übungsschiffe in Dienst und entsandte in alle Meere Fahrzeuge zu geographischen und hydrographischen Arbeiten; er gründete Schulen für Marineärzte. So wird von ihm wohl mit Recht gesagt, daß er dem späteren Aufschwung der Marine vorgearbeitet habe.

Am Schluß des Abschnittes stand die Marine aber noch traurig da. Der Schiffsbestand 1742 war nur 48 Linienschiffe, 15 Fregatten, 14 Transporter[258]; die Fahrzeuge waren in mangelhaftem Zustande, die Werften ohne fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine leer. Das Offizierkorps war von 1140 im Jahre 1696 (1040 um 1701) auf 660 Köpfe gesunken. Früher hatte man in Kriegszeiten auch noch eine große Unterstützung durch tüchtige Kräfte der Handelsmarine gehabt (Jean Bart, Trouin usw. stammten daher), die besonders auf kleineren Fahrzeugen, Transportern, Kapern verwendet wurden; die guten Elemente dieses Ersatzes zogen sich, von den aktiven Offizieren immer hochmütiger behandelt, nach und nach ganz zurück. Bei Ausbruch des Krieges 1744 machte nur die Bemannung mit Matrosen weniger Schwierigkeit als früher.

Chabaud-Arnault sagt (Seite [133]): „Die französische Marine hat von 1713–1744 keine Geschichte, sie wurde durch die leitenden Staatsmänner zur Untätigkeit, ja zu beispielloser Demütigung verdammt, um nicht Eifersucht und Mißtrauen bei den Engländern zu erregen. In zwei Kriegen, in denen die Flotte eine wichtige Rolle hätte spielen können (1719 Quadrupelallianz gegen Spanien; 1733 Polnischer Erbfolgekrieg), blieb sie in den Häfen, nur mit einigen Schiffen wurden unbedeutende Demonstrationen gemacht; im ersten Kriege wurden sogar französische Truppen auf englischen Schiffen an die feindlichen Küsten geworfen.“

In England[259] schritt die Entwicklung der Marine stetig fort. Der Schiffsbestand betrug:

Schiffe:I. KlasseII.III.IV.V.VI.Gesamt
(96–100 K.)(80–90 K.)(60–74 K.)(40–54 K.)(28–32 K.)(16–20 K.)
1688911394012 6117
170281245441816153
1727(100 K.)(90 u. 98)(80 u. 70)(60 u. 50)(40)(20) (und 14 Sloops
4–10K.)
71316, 2424, 402429177
Dreidecker.

Die Gesamtzahl von 1727 war schon um 1714 erreicht. Auch später wuchs der Bestand weiter, besonders in der III., V. und VI. Klasse. Nach einigen Quellen (z. B. Campbell) soll er in den dreißiger Jahren auf 70 Linienschiffe und 19 Schiffe von 50 Kanonen gefallen sein. (dagegen sagt Clowes, die Marine sei seit 1727 ständig gewachsen), doch waren nach derselben Angabe um 1744 wieder 90 Linienschiffe über 64 Kanonen und 84 Fregatten (wohl Klasse IV–VI) vorhanden.

Die Tabelle zeigt, wie die Entwicklung stetig in der früher geschilderten Weise (Seite [174] ff.) fortschreitet. Schon 1702 sehen wir einen geringen Zuwachs in der III. und IV. Klasse, einen bedeutenden in der V. und VI. 1727 haben sich die Grenzen der Klassen sehr verschoben, in allen ist die Armierung weit stärker geworden und auch der Tonnengehalt gewachsen.[260] Die Zahl der Schiffe von 60 Kanonen aufwärts ist sehr gewachsen, die der I. und II. Klasse jedoch nicht mit. Auch später nimmt der Bestand der III., V., VI. Klasse weiter zu. Die Schiffe der III. Klasse, bald nun 64–84 Kanonen, werden als die geeignetsten Schlachtschiffe erkannt, die der V., nun 30–40 Kanonen, und der VI., nun 20–30 Kanonen, als die geeignetsten Fahrzeuge gegen Kreuzer und Handelsschiffe; die Schiffe der IV. Klasse, nun 50–60 Kanonen, sind für die Linie zu leicht, für letzteren Zweck zu schwer; sie werden im Kolonialdienst verwendet.

In Hinsicht auf die Machtentfaltung der englischen Marine in dem jetzt zu besprechenden Kriege sind leider keine Angaben über die jährlichen Gesamtindienststellungen vorhanden; die Schilderung der Ereignisse sowie die späteren Schlußbetrachtungen werden zeigen, daß man sie auf 70–80 Linienschiffe und alle vorhandenen kleineren Fahrzeuge annehmen kann.

Dem Personal ward weiter Fürsorge zuteil. Wir wissen, daß nach dem ersten englisch-holländischen Kriege der Seeoffizierstand anfing, ein Lebensberuf zu werden, daß man anstrebte, Personen der besseren Stände heranzuziehen; schon 1676 waren Bestimmungen erlassen, die dies begünstigen sollten. Um 1700 wurde der Halbsold eingeführt, auf den alle Kommandanten, erste Offiziere und Master, wenn sie ein Jahr als solche gedient, ein Anrecht hatten. 1728 wurde in Portsmouth eine Marineschule (naval academy) mit Schlußprüfung als Vorbildungsschule gegründet. Jedoch nicht alle Offiziere besuchten diese; lange Jahre noch bis 1794 soll es (nach Clowes) vorteilhafter gewesen sein, als Page eines Admirals oder Kapitäns (Junker?) einzutreten. Seit 1688 gab es eine Rangliste, von 1700 an erschien sie von Zeit zu Zeit im Druck. Es entwickelte sich also immer mehr ein festes Seeoffizierkorps und dieses blieb in Übung, da die englische Marine auch nach dem Frieden von Utrecht mehrfach gezwungen war, große Flotten aufzustellen (Nordischer Krieg 1714 bis 1721; Quadrupelallianz gegen Spanien 1718–1720; 1733 eine aufs neue drohende Verwicklung mit Spanien; stets gegen die Barbaresken) und stets eine große Anzahl von Schiffen zur Wahrung der maritimen Interessen im Dienst halten mußte; auch wurden überzählige Offiziere zur Handelsmarine beurlaubt.