In diese Jahre fällt wohl die Ausbildung des dem englischen Seeoffizierkorps des 18. Jahrh. eigentümlichen Charakters im Gegensatz zu dem des französischen (vgl. Seite [319]); bei der Verschmelzung des Soldaten und des Seemanns gewann der Seemann die Überhand. Macaulay sagt: „In der Marine Karls II. gab es Sailors und Gentlemen, aber die Seeleute waren keine Gentlemen und diese keine Sailors.“ Man muß dabei beachten, daß die Gentlemen eben das militärische Element darstellten. Als nun die Offiziere im allgemeinen den seemännischen Dienst übernahmen, verdrängte der Seemann allmählich den Gentleman und mit ihm den militärischen Ton und Geist. „Selbst Männer aus guter Familie, wie die Admirale Wilhelms III., Herbert und Russell, die wirklich Seeleute waren, konnten nur als solche gelten, indem sie die derben Manieren der Teerjacken annahmen.“ Zwischen dem Spanischen Erbfolgekrieg und den großen Seekriegen des nächsten Abschnittes liegen nun 30 Jahre, in denen die englischen Offiziere viel zur See fuhren, aber nie beachtenswerten Gegnern entgegenzutreten hatten. Da wuchs wohl ihre Lust und ihr Interesse am rein seemännischen Dienste immer mehr, und so ist es gekommen, daß sie später — im Gegensatz zu den Franzosen und längere Zeit zu ihrem Nachteile — mehr ihren Ruhm in geschickten Segelmanövern als in der Entwicklung der militärischen Leistungsfähigkeit ihrer Schiffe suchten, daß sogar der Taktik für Verbände zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Auch für die Mannschaft wurde von 1700 ab manches getan. Es wurden die Zahlung eines Handgeldes beim Eintritt, Zulagen für gute Führung sowie Pensionen für Witwen und Waisen der Gefallenen eingeführt; das Hospital in Greenwich für Invalide wurde gegründet. Eine wichtige Änderung betraf die Seetruppen. Man hatte bei diesen — seit 1664 bestehend, jedoch zeitweise und so auch 1699 aufgelöst — bisher nicht nur den Zweck im Auge gehabt, auf den Schiffen gute Gewehrschützen und Landungsmannschaften zu haben, sondern sie dienten auch zur Auffüllung der Besatzungen. Am Lande wurden sie auf den Werften beschäftigt; Leute, die hier und an Bord einige seemännische Erfahrung gewonnen hatten, wurden dann gern als Matrosen eingestellt. 1702 wurden nun 6 neue Regimenter gegründet, aber nicht mehr als Schule und Ersatz für Matrosen; eine Versetzung zu diesen wurde verboten. Sie waren so eine rein militärische Truppe, stets zur Verfügung der Admiralität für überseeische Expeditionen; als eine stehende Truppe im Gegensatz zu den Matrosen trugen sie jetzt noch mehr als schon bisher zur Hebung der Disziplin und des militärischen Geistes an Bord bei. Es war dies wichtig, denn immer noch mußte bei Einstellung der Matrosen zum Pressen, wobei man in der Wahl der Personen wenig wählerisch war, gegriffen werden; der ungemein stark zunehmende Seehandel schuf zwar zahlreiche und vorzügliche Seeleute, aber diese waren bei Ausbruch eines Krieges über die ganze Erde zerstreut.
Corbett sagt: „Einer der Hauptbeweggründe Wilhelms III. zur Errichtung der Seeregimenter 1702 ist gewesen, eine stehende Truppe für Expeditionen in dem bevorstehenden Kriege zu haben. Gegen ein stehendes Heer hatte sich das Parlament 1699 energisch gewehrt, da waren auch die bisherigen Seetruppen weggefallen; als ein Teil der geliebten Marine wurden sie wieder bewilligt. Daß sie 1704 bereit waren, hat die Erwerbung von Gibraltar und Port Mahon für England sehr begünstigt; 1702 wurde die Entsendung der Flotte ins Mittelmeer durch Mangel an Soldaten sehr verzögert.“
England übernahm im Spanischen Erbfolgekriege wie im vorigen Kriege die Hauptleistung zur See, es verpflichtete sich, 5/8 der gemeinsamen Seestreitkräfte zu stellen; mit dem Nachlassen Hollands mußte es seine Kräfte noch mehr anspannen. Beim Frieden von Utrecht stand die englische Marine allein noch groß da und wurde in der Zukunft so erhalten.
Der Verlauf des Seekrieges.[261]
Schon im Jahre 1701 begannen England und Holland zu rüsten. Eine starke gemeinsame Flotte wurde im April in Portsmouth unter Admiral Sir George Rooke zusammengezogen, um beim Ausbruch des Krieges bereit zu sein.
Holland hatte 24 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der größere Teil davon befand sich unter Leutnantadmiral Almonde bei der gemeinsamen Flotte; da sich aber Holland nach Besetzung der Grenzbefestigungen in den spanischen Niederlanden durch die Franzosen auch zu Lande bedroht sah, blieb der Rest der Linienschiffe bei Schooneveld, und zur Beschützung der Seegatten war eine große Zahl von Fregatten, Convoijers und flachgehenden Fahrzeugen in Dienst gestellt, Truppen waren mobil gemacht und Marlborough stand mit 10000 Engländern in Holland.
Die Flotte blieb lange untätig. Es lag wahrscheinlich (nach Corbett) in der Absicht Wilhelms III., als er sich im Sommer 1701 im Haag befand, um die Verhandlungen mit Frankreich auf Grund der letzten Vermittlungsvorschläge zu leiten, sie nach der spanischen Küste zu senden, um einen Druck auf den Gang der Unterhandlungen auszuüben oder um bei Ausbruch des Krieges sofort einen Angriff auf Cadiz zu unternehmen. Hierdurch wäre nicht nur der spanische Handel arg bedroht gewesen, sondern man hätte auch die Straße von Gibraltar beherrscht und die Verbindung der französischen Seestreitkräfte des Mittelmeeres und des Atlantik unterbrochen. Man mußte sogar darauf gefaßt sein, daß Frankreich sich dieses Stützpunktes bemächtigen würde. Ludwig XIV. hatte gezeigt, daß er mit einem Kampfe um die Seeherrschaft im Mittelmeer rechnete; unmittelbar nach Anerkennung des Testamentes Karls II. von Spanien hatte er die Regentschaftsjunta gebeten, die Befestigungen der spanischen Häfen, insbesondere die von Cadiz, Gibraltar und Port Mahon zu verstärken, und ihr zu diesem Zwecke Offiziere zur Verfügung gestellt. Rooke soll gegen diesen Plan gewesen sein, weil er sich wie die meisten Admirale jener Zeit scheute, so spät im Jahre nach dem Süden zu gehen, daß er gezwungen sein würde, im Herbst mit schweren Schiffen nach dem Kanal zurückzukehren. Wir wissen, daß auch im vorigen Kriege die Seeoffiziere sich sträubten, bis zum Herbst an der spanischen Küste zu bleiben, und damals standen ihnen die spanischen und portugiesischen Häfen zur Verfügung.
Als aber die Verhandlungen nicht fortschritten und man erfuhr, daß ein kleines französisches Geschwader unter Coëtlogon Anfang August mit Truppen und Kriegsmaterial von Brest nach Westindien auslaufen und ein zweites größeres (etwa 10 Linienschiffe) unter Vizeadmiral Château-Renault in See gehen solle, wurden die Operationen zur See begonnen; Rooke erhielt Befehl, Château-Renault zu beobachten, oder, falls dieser schon ausgelaufen, zum Schutz des Handels vor dem Kanal zu kreuzen. Von der Entsendung der großen Flotte nach dem Süden war also abgesehen, sei es, daß Rookes Einwendungen Erfolg gehabt haben, sei es, daß man es nicht für nötig hielt, weil man erfahren hatte, daß die übrigen französischen Schiffe in Brest erst zur Indienststellung im nächsten Frühjahr bestimmt seien. Ein Teil der Hauptflotte sollte jedoch nach dem Süden abgezweigt werden. Rooke ging am 25. August in See, erreichte am 13. September Ouessant und entließ hier das erwähnte Geschwader; er ging dann nach Brest, sah, daß Renault ausgelaufen war und kehrte nach Portsmouth zurück. Bald darauf wurde die Flotte aufgelöst und der Winterdienst eingerichtet.
Der abgezweigte Teil der Flotte — 25 englische und 10 holländische (Kontreadmiral Wassenaer) Linienschiffe — unter Vizeadmiral Benbow war zunächst bestimmt, auf der Route der spanischen Silberflotte, die unter französischer Bedeckung erwartet wurde, zu kreuzen. Sollte er sie auch vor Ausbruch des Krieges aufbringen, wie man es früher mit holländischen Convois gemacht hatte? In seiner Order war (nach Corbett) gesagt: Die Franzosen zu hindern, sich der Silberflotte zu bemächtigen und „to take care of it for those, who were intitled to it“. Später sollte Benbow dann mit 10 englischen Linienschiffen nach Westindien zur Verstärkung dieser Station gehen. Am 10. Oktober erreichte er die Azoren und hörte hier, daß die Silberflotte schon in Cadiz eingetroffen sei; tatsächlich war sie gar nicht gesegelt. Das französische Geschwader Coëtlogon hatte längere Zeit auf sie gewartet und war dann allein zurückgekehrt (in Brest Februar 1702); die Galeonen waren nicht fertig gewesen oder zurückgehalten, weil man die Bedeckung für ungenügend hielt. Der größere Teil des Geschwaders Benbows ging nach England heim, er selber traf am 13. November in Barbados ein; wir kommen später auf ihn zurück.[262]