Château-Renault war mit seinem Geschwader von Brest (26. August) nach Lissabon gegangen; er sollte auf Portugal einen Druck dahin ausüben, der Verbindung mit Frankreich treu zu bleiben. Von dort ging er nach Cadiz (Ende Oktober). Hier traf er eine französische Flotte unter Vizeadmiral Comte d'Estrées, der durch Aufklärungsschiffe von Benbows Expedition unterrichtet war. Renault ging nun mit 14 Linienschiffen nach Westindien, nahm die Silberflotte in Vera-Cruz unter seinen Schutz (März 1702) und führte sie über Havanna nach Vigo; über seine Vernichtung dort werden wir bald Näheres erfahren.

D'Estrées hatte seit Mai an der spanischen Küste einige 20 Linienschiffe, von Toulon aber auch aus Brest, zusammengezogen und nach Cadiz geführt; ein weiterer Beweis, daß auch Frankreich die Wichtigkeit dieser Position erkannt hatte. Durch Renault wäre er sehr verstärkt gewesen, falls es nötig geworden wäre, der Flotte der Verbündeten entgegenzutreten. Nach Renaults Abfahrt verließ auch d'Estrées Cadiz, wo er nur einige Schiffe zurückließ. Er brachte spanische Truppen nach Neapel und Sicilien, wo Aufstände der Kaiserlich-Gesinnten begonnen hatten, und ging dann für den Winter nach Toulon zurück.

Zusammenstöße auf der See hatte also das Jahr 1701 noch nicht gebracht.

Das Jahr 1702. Angriff auf Cadiz. Vernichtung der Silberflotte in Vigo. Im September 1701 war der Vertrag zwischen den Seemächten und dem Kaiser geschlossen, nach dem die spanischen Niederlande besetzt, die italienischen Provinzen für den Kaiser erobert werden und die Seemächte das Recht haben sollten, überseeische spanische Besitzungen für sich zu erwerben. England und Holland beschlossen daraufhin, frühzeitig im Jahre 1702 wieder eine große gemeinsame Flotte aufzustellen.

Es ist nun bisher angenommen, daß man mit dieser Flotte zunächst einen Vorstoß gegen Cadiz, als den reichen und wichtigen Stützpunkt des spanischen Handels nach Amerika, habe machen wollen und daß dann die Seestreitkräfte weiter vornehmlich gegen diesen Handel und gegen die spanischen Kolonien verwendet sein würden. Dies hätte ja auch dem zum Vorteil der Seemächte im Vertrage aufgenommenen Satze in erster Linie entsprochen. Corbett sagt aber, nach den neuesten Forschungen sei es zweifellos, daß Wilhelm III. und mit ihm Marlborough die Einnahme von Cadiz nicht hauptsächlich als einen Schlag gegen den Handel und daneben als eine Diversion, sondern von einem höheren strategischen Standpunkte aus ins Auge gefaßt habe. Er habe von Anfang an beabsichtigt, die Seeherrschaft im Mittelmeer zu erringen, um die französischen Streitkräfte zu trennen, Frankreich von den Zufuhren im Mittelmeer abzuschneiden, in den Landkrieg in Italien einzugreifen, ja, in Frankreich selber vom Süden her einzudringen; hierzu war es nötig, den Verbündeten Stützpunkte zu verschaffen, die England dann wohl behalten wollte.

Da sich die Angaben der anderen Quellen über die Operationen wohl mit dieser Ansicht in Einklang bringen lassen und da anderseits jene Quellen über die Vorgeschichte der Cadiz-Expedition Näheres nicht enthalten, so sei eine solche nach Corbett gegeben:

Rooke legte im Januar 1702 dem Könige einen Plan für die Verwendung der Flotte vor. Er rechnete mit einer gemeinsamen Flotte von 80 englischen und 50 holländischen Linienschiffen; was sonst noch an Seestreitkräften vorhanden war, bestimmte er für den Schutz des Handels im Kanal. Von der großen Flotte sollten nur 30 Engländer und 20 Holländer mit 8000 Mann Landungstruppen nach dem Süden gehen, um „irgend etwas“ in Spanien oder Portugal zu unternehmen. Über die Verwendung des größeren Restes sagt der Plan nichts; er sollte wohl im Norden bleiben, um französischen Unternehmungen entgegenzutreten oder die feindlichen Küsten zu bedrohen. Es war dies also — so sagt Corbett — nicht viel mehr als die unbestimmte Defensivstrategie zur Zeit Elisabeths, gegen die schon Drake energisch gesprochen hatte.

Während nun Holland und die deutschen Fürsten mit diesem Plane wohl einverstanden waren, in der Hoffnung, daß dadurch französische Truppen von ihren Grenzen abgezogen würden, hatte Wilhelm III. (und Marlborough) eben mit den vorhin erwähnten Absichten die Inbesitznahme von Cadiz durch die Hauptflotte im Auge und hiermit stimmten der Kaiser und Prinz Eugen in Hinblick auf den Krieg in Norditalien und auf die Eroberung beider Sicilien überein. Mit Beziehung hierauf sagt Corbett: „Wenn nun bisher angenommen wurde, die Seemächte hätten anfangs den Krieg hauptsächlich gegen Handel und Kolonien führen wollen, das Unternehmen gegen Cadiz habe nur diesem Zwecke dienen sollen und nur durch Zufall — durch den Ausbruch des Landkrieges in Spanien 1704 — sei die Haupttätigkeit der Seestreitkräfte ins Mittelmeer verlegt, so ist das nicht zutreffend; Wilhelm schaute weiter. Es wird dies schon durch die erste Instruktion bewiesen, die Rooke erhielt, als der Krieg (4. Mai) erklärt war. (Die Order war nicht mehr vom Könige unterzeichnet, aber in seinem Sinne gehalten.) Sie besagte, Rooke solle Cadiz oder — falls sich herausstellte, daß dieser Platz zu stark oder von einer zu großen Flotte gedeckt sei — Gibraltar, Vigo, Ponta Vedra, Coruña oder sonst einen geeigneten Hafen nehmen und den Landtruppen dort ein genügend starkes Geschwader lassen, um ihn zu halten; dann erst solle ein Teil der Flotte mit 2000 Mann nach Westindien abgezweigt werden. Angriffe auf spanische Kolonien standen also nach Zeit und Bedeutung erst in zweiter Linie, einen Stützpunkt für Operationen im Mittelmeer zu gewinnen, war die Hauptsache. Die Befehle für die Flotte in späteren Jahren, auch ehe Karl III. in Portugal landete, bestätigen dies und zeigen auch, daß man schon damals daran dachte, Frankreich vom Mittelmeer aus anzugreifen. Marlborough sagte später im Oberhause, er habe Befehl von der Königin erhalten, mit Prinz Eugen über einen Angriff auf Toulon zu unterhandeln, dessen Eroberung Ihre Majestät von Beginn des Krieges an als das beste Mittel zu seiner Beendigung erkannt habe.“

Nach vorstehendem ist anzunehmen, daß die Operationen für das Jahr 1702 dem Plane Wilhelms entsprechend angesetzt sind, sie wurden aber nicht mit der nötigen Tatkraft begonnen und durchgeführt. Der König befand sich in den Niederlanden, wurde bald schwer krank und starb vor der Kriegserklärung. Die Königin Anna führte zwar die Politik in seinem Sinne fort, konnte aber den Widerstand, der sich dem geplanten Vorgehen zur See von gewisser Seite entgegenstellte, nicht überwinden; Marlborough, der dieses mit aller Kraft weiter vertrat, befand sich bei dem Heere auf dem Festlande.