Vigo 23. Oktober 1702.
Die Flotte der Verbündeten segelte am 22. Oktober trotz rauhen und unsichtigen Wetters in die Bucht von Vigo ein; unbehindert, weil sich außerhalb der Enge nur bei der Stadt einige schwache Befestigungen befanden. Der Kriegsrat der Flaggoffiziere setzte den Angriff für den nächsten Tag an: 15 englische und 10 holländische Linienschiffe, meist über 70 Kanonen und mit allen Flaggoffizieren, sollten in 7 Gruppen von 3–5 Schiffen die Sperre forcieren, unterstützt von den Mörserbooten und Brandern; etwa 4000 Mann sollten landen und die Befestigungen des Südstrandes nehmen. Am 23. mit Tagesanbruch wurde dem Plane gemäß verfahren. Vizeadmiral Hopson führte die erste Gruppe (5 Engländer), Vizeadmiral van der Goes die zweite (3 Holländer) und nur diese beiden kamen zur Verwendung.
Die Landung ging (2000–3000 Mann) unter dem Schutze einiger Schiffe ohne Widerstand vor sich; spanische Milizen (8000? Mann), die dem Feinde entgegentraten, wurden leicht in die Flucht geschlagen und darauf die Befestigungen trotz tapferer Gegenwehr (300 bis 500 französische Seesoldaten nebst einigen Spaniern) genommen. Das Landungskorps besetzte Redondela und machte hier reiche Beute an schon gelandeten Gütern; wenn sich auch zahlreiche Mannschaften der Schiffe am Lande befanden, so war doch kein Widerstand organisiert, allgemeine Flucht riß ein. Der Angriff zu Wasser war weniger leicht, wurde aber mit Bravour durchgeführt. Mit der Landung hatten die Schiffe Anker gelichtet, mußten aber wegen Windstille gleich wieder ankern. Als bald darauf Wind aufsprang, kappte Hopson sofort sein Kabel und sprengte unter äußerstem Segeldruck die Sperre; der Wind schlief wieder ein, so daß seine Hinterleute nicht dicht aufgeschlossen bleiben und die Sperre nicht beiseite drängen konnten, zwei Holländer z. B. blieben hängen und mußten sich mit Beilen loshauen. Ein englisches Linienschiff legte sich zwar vor die Nordbatterie und kämpfte sie nieder, aber Hopson lag allein zu Anker hinter der Sperre in schwerem Kampf mit den flankierenden Franzosen, bis bei[518] wieder aufkommendem Winde nach und nach die Schiffe der beiden Gruppen durchsegelten.
Nun begann das Vernichtungswerk. Auf den feindlichen Schiffen herrschte Verwirrung und Schrecken, Renault gab selber bald den Befehl, die Schiffe anzuzünden oder auf Strand zu setzen. Der Widerstand war sehr gering; nur Hopsons Flaggschiff wurde durch einen Brander in Flammen gesetzt, mit Mühe wurde das Feuer gelöscht. Bis Sonnenuntergang waren 6 französische Linienschiffe und 5 noch reich beladene Galeonen genommen, die übrigen Schiffe verbrannt oder gesunken. Der Verlust der Verbündeten war sehr gering, nur Hopsons Schiff hatte gegen 100 Tote, am Lande waren etwa 40 Mann gefallen. Der Verlust der Gegner war bedeutender, vornehmlich an Gefangenen, doch wurden diese bis auf die Offiziere — worunter Renault, mehrere französische Kapitäne und auch der spanische Admiral — freigelassen.
Wohl mit Recht sagt Colomb, daß es von Renault richtiger gewesen sein würde, nur die Galeonen in die innere Bucht zu legen und mit den Kriegsschiffen den Gegner in der äußeren Bucht zu erwarten, wo er die Breitseiten aller Schiffe hätte zur Verwendung bringen können. Er muß seine Stellung für unbedingt sicher gehalten haben; es ist doch auch auffallend, daß man während der drei Wochen nicht alle Schätze der Galeonen geborgen hatte. Renault wurde zwar später Marschall, doch nicht wieder zur See verwendet; man traute seinem Stern nicht mehr.
Der Erfolg war groß. Frankreich verlor bei Beginn des Krieges ein stattliches Geschwader, Spanien einen großen Teil seiner Hilfsmittel. Die Silberflotte mit der Bergwerksausbeute von zwei Jahren soll eine der reichsten gewesen sein, die je gefahren ist. Portugal erkannte die Macht der Seemächte. Colomb nimmt diesen Fall als Beispiel für das Gelingen von Unternehmungen gegen Land, wenn man die See beherrscht. Daß die Verbündeten die See beherrschten, war eine Folge der falschen Kriegführung der Franzosen, hervorgerufen durch falsche Sparsamkeit oder Unverständnis. Man hätte eine Flotte zur Aufnahme Château-Renaults zusammenziehen können; in Brest, Toulon sowie den kleineren Häfen waren Divisionen im Dienst und an Schiffen fehlte es überhaupt noch nicht.
Für Rooke war der Vorfall von großem Nutzen. In England wie in ganz Europa war der Eindruck großartig, er verdunkelte in diesem Jahre die Erfolge Marlboroughs und Eugens; in Holland wurden Dankgottesdienste und Freudensalute in allen Grenzfestungen angeordnet. Der Admiral wurde wieder beliebt, besonders im Unterhause, und die Klagen Ormonds im Oberhause über mangelhafte Unterstützung seitens der Flotte hatten keinen Erfolg. Rooke verteidigte sich dagegen mit der schlechten Vorbereitung der Expedition; eine Sache, auf deren nähere Untersuchung die Minister und die Admiralität lieber nicht eingingen.
Seine Abneigung gegen die Pläne der Regierung zeigte Rooke nochmals gleich nach Vigo. Einige Tage nach dem Ereignis traf Shovel ein, ihm überließ der Chef die weiteren Maßregeln für Verladen der Beute und Kanonen, Segelfertigmachen der Prisen, Zerstörung des Nichtmitzunehmenden, Einschiffen der Truppen; er selbst ging mit dem größten Teil der Flotte, darunter die ihm so sehr am Herzen liegenden Dreidecker, nach England. Shovel folgte einige Tage später. Vergeblich hatten wiederum der Prinz von Hessen und Ormond gebeten, auch die Stadt Vigo zu nehmen, dem Landungskorps ein starkes Geschwader zu lassen und so den gewünschten Stützpunkt zu schaffen. Rooke ging nicht darauf ein, er hatte auch sofort seine Transporter mit Proviant und Material nach der Heimat vorausgesandt. Corbett sagt: „So hat Rooke doch seinen Willen behalten. Der Plan der Regierung war gescheitert, er aber hat „etwas an der Küste getan“ (wider Erwarten sogar einen großen Erfolg erzielt) und seine Schiffe vor dem Winter heimgebracht.“
Die Flotte wurde nach Rückkehr aufgelöst, die großen Operationen waren zu Ende.