Die Jahre 1703 und 1704. Einnahme von Gibraltar, Schlacht bei Malaga. Das Jahr 1703 bringt uns wenig Tatsachen, eigentlich nur Pläne, die erst in späteren Jahren zur Ausführung kommen. Im Winter 1702/03 fanden in London Beratungen über die nächsten Operationen statt, denen auch Marlborough und de Almonde beiwohnten; es war für dieses Jahr dem Kaiser versprochen worden, ihn bei der Eroberung beider Sicilien zu unterstützen. Es wurde beschlossen, schon im Februar 30 englische und 12–15 holländische Linienschiffe ins Mittelmeer zu senden; da man annahm, daß Rooke nicht damit einverstanden sein würde, sollte er „mit Rücksicht auf seine Gesundheit“ die Admiralität übernehmen. Diesen Plan ließ man jedoch fallen, entweder weil die Schiffe wegen der späten Rückkehr im Vorjahre nicht fertig geworden waren, oder und wahrscheinlicher weil der Kaiser infolge der ungarischen Unruhen keine Truppen stellen konnte. Man setzte nun eine 96 Schiffe starke Flotte im Kanal fest, von der nur 35 Linienschiffe unter Shovel für das Mittelmeer abgezweigt werden sollten. Der Befehl für diese[266] lautete: den Frühjahrs-Levanteconvoi sicher bis Malta zu führen; die Verträge mit den Barbaresken zu erneuern und sie womöglich zur Kriegserklärung gegen Frankreich zu bewegen; Toskana und Venedig, die zu Frankreich neigten, zu strenger Neutralität zu zwingen; das Adriatische Meer für Österreich freizuhalten, dieses in Norditalien sowie die habsburgische Partei in Neapel zu unterstützen; bei günstiger Gelegenheit Cadiz, Toulon oder andere spanische oder französische Häfen anzugreifen; endlich im September/Oktober den Levanteconvoi heimzuführen. (Nach Corbett war in einem Begleitschreiben der Hauptwert auf Sicherung der Convois gelegt.) Shovel sollte frühzeitig segeln, wurde aber sehr verzögert und dadurch gehindert, etwas von Bedeutung auszuführen; der Rest der Seestreitkräfte war noch tatenloser, für die Flotte im Kanal stellte Holland kein Schiff.

Holland stellte in Dienst: 12 Linienschiffe für die Nordsee, hauptsächlich zur Deckung der erwarteten Ostindienfahrer; 10 Linienschiffe gegen Dünkirchen und gegen eine Division Galeren in Ostende. Es sollte 18 Linienschiffe für das Mittelmeer stellen, brachte es aber nur auf 12, die erst am 25. Juni in Spithead eintrafen. Außer Amsterdam und Maas klagten die Admiralitäten über Geldmangel; Wilhelm von Oranien fehlte eben.

Die Hauptflotte der Engländer unter Rooke trat frühzeitig, aber nur nach und nach zusammen; genaue Angaben fehlen, englische Quellen nennen sie „vast“. Ihre Order war „so altmodisch wie möglich, ganz nach Rookes Geschmack“ (nach Corbett): Im Kanal und in der Biscaya die Küsten bedrohen, um französische Truppen vom Landkriege abzuziehen, den Handel zu stören und die feindlichen Divisionen in den Häfen festzuhalten. Selbst hierin wurde nichts geleistet. Rooke blieb untätig in Spithead; als Ende April bekannt wurde, daß ein Geschwader von Brest nach Toulon gehen wolle, erhielt er ausdrücklichen Befehl auszulaufen; er schützte Krankheit vor und gehorchte erst, als man mit seiner Ablösung drohte. Die Flotte kreuzte dann den Sommer über, ohne mit dem Feinde zusammenzustoßen, zu obengenannten Zwecken; dazu würde auch die Hälfte der Streitkräfte genügt haben.

Das langsame Sammeln der Hauptflotte und das späte Eintreffen der Holländer hielten Shovel auf, erst am 12. Juli ging er mit 35 Linienschiffen in See. Inzwischen waren zwei wichtige Punkte zu seinen Aufgaben hinzugetreten. Als Portugal sich offen gegen Frankreich erklärt hatte, rüstete Ludwig XIV. ein Geschwader in Toulon gegen dieses Land aus und auch das erwähnte Brestgeschwader war wohl dazu bestimmt — in diesem Jahre die einzigen Anzeichen für ein geplantes größeres Unternehmen von seiten Frankreichs. Ferner hatten sich in Südfrankreich die protestantischen Bauern erhoben (die Camisarden, Cevennenkrieg) und auch Savoyen zeigte sich den Verbündeten geneigt. Wenn man Savoyen gewann und den Empörern die erbetene Unterstützung, von Cette her, gewährte, mußten die Franzosen in Norditalien in sehr bedrängte Lage kommen. Hierfür erhielt Shovel entsprechende Befehle, auf Portugal brauchte bei seiner Abfahrt schon keine Rücksicht mehr genommen zu werden. Ludwig hatte die Indienststellungen in Toulon aufgegeben, da er die Rüstung der Verbündeten für das Mittelmeer überschätzte; Portugal wurde dadurch überzeugt, daß die Seemächte es schützen könnten. Dies war aber auch der einzige Erfolg der diesjährigen Mittelmeerexpedition, zu allem andern war sie zu spät in See gegangen.

Shovel erreichte erst am 5. August Lissabon. Der Vorschlag Almondes, Cadiz anzugreifen, fand im Kriegsrat keinen Anklang; Shovel erklärte, seine anderen Aufgaben, insbesondere die Unterstützung der Camisarden, gingen vor. Am 9. September auf der Höhe von Cartagena angekommen, beschloß der Kriegsrat, wegen der vorgerückten Jahreszeit nur 2 Kriegsschiffe mit Waffen und Kriegsmaterial an die gefährliche Küste bei Cette zu senden, mit der ganzen Flotte aber und mit den dorthin bestimmten Kauffahrern nach Livorno zu gehen; wieder schlug Almonde vor, gerade wegen der vorgerückten Jahreszeit die Kauffahrer nur unter einer Bedeckung segeln zu lassen und zu versuchen, mit der Flotte doch noch andere der gestellten Aufgaben zu lösen. Die nach Cette gesandten Schiffe kehrten bald zurück, die verabredeten Signale waren von den Aufständischen nicht beantwortet worden. Infolge ungünstiger Winde traf die Flotte erst am 30. Oktober in Livorno ein, die Zeit ihrer Heimfahrt war also schon längst gekommen. Die kurze Spanne, die allenfalls noch geopfert werden konnte, benutzte Shovel zur Einwirkung auf Toskana.

Großen Eindruck soll es in Livorno gemacht haben, als die Flotte auf die Nachricht, daß Karl von Österreich zum König von Spanien ausgerufen sei, Salut feuerte.

In Livorno hörte man, daß zwar noch keine österreichischen Truppen in Neapel seien, daß es aber sehr günstig gewesen wäre, wenn die Flotte dort erschienen wäre, wie Almonde vorgeschlagen hatte. Wir wissen, daß dieser schon im vorigen Kriege oft das Richtige geraten und auch durchgesetzt hatte. Jetzt aber, nach Wilhelms III. Tode, war das Verhältnis zwischen den englischen und holländischen Offizieren sehr viel schlechter geworden; diese beklagten sich mehrfach darüber, daß sie nicht mehr beachtet würden und natürlich gegen die überwiegende Stimmenzahl im Kriegsrate nicht durchdringen könnten.

Die Flotte ging dann nach England zurück, von dem holländischen Kontingent überwinterten 6 Linienschiffe in Lissabon. Erreicht war also nur, daß Frankreich sich im Mittelmeer nicht rührte, daß Toskana eingeschüchtert wurde, und vielleicht hat das Erscheinen der Flotte auch Savoyens Abfall von Frankreich beschleunigt. Eine zu den Barbaresken gesandte Flottenabteilung hatte zwar die Verträge erneuert, aber die Kriegserklärung gegen Frankreich nicht erreicht.

Ein nachgesandter Befehl, ein Geschwader für das Adriatische Meer zurückzulassen, traf Shovel nicht mehr. Er hätte ihn auch nicht befolgen können, da die Schiffe zu schlecht ausgerüstet waren und die Besatzungen sehr unter Krankheit litten.