Shovel erhielt bei Lizard Mitte Mai die Nachricht, daß Toulouse schon in See sei, er suchte ihn vergeblich vor dem Eingang des Kanals und ging dann nach dem Süden. Ende Juni vereinigte er sich mit Rooke, dessen Operationen wir jetzt folgen müssen, da sie allein für den Krieg von Bedeutung sind; in wie enger Verbindung sie mit dem Landkriege standen, zeigen die Befehle, die Rooke erhielt. Der erste Befehl hatte nur besagt, Portugal und König Karl bei der Eroberung Spaniens zu unterstützen und die Vereinigung der Franzosen zu hindern. Bald darauf wurde aber hinzugefügt, der Admiral könne auch an der Küste der Provence zur Unterstützung Savoyens auftreten, und dieser Zusatz erhielt Ende März eine genauere Fassung. Man hatte erfahren, daß Frankreich beabsichtige, Nizza und Villafranca zu erobern, um nach dem Abfall Savoyens eine sichere Verbindung mit dem Heere in Italien, auch über See, zu behalten. Rooke bekam deshalb Befehl, ins Mittelmeer zu gehen und sich so zu halten, daß er den Städten sofort Hilfe bringen könne, wenn er gerufen würde. Der Befehl war sonst ähnlich, wie der Shovel im Jahre 1703 gegebene: Unterstützung des Landkrieges in Norditalien; Abschneiden der Seeverbindung der französischen Heere, ihr Freihalten für die Kaiserlichen; auch der Befehl, die Vereinigung der Franzosen zu hindern, blieb bestehen. Aber der Wirkungskreis der Flotte war doch jetzt ausdrücklich ins Mittelmeer verlegt, mit dem Hinzufügen, daß König Karl auch an der Ostküste Spaniens erfolgreich unterstützt werden könne. Rooke erhielt aber gleichzeitig (nach Corbett) geheime Instruktionen und Marlborough stand jetzt in geheimer Beratung mit Prinz Eugen über ihr gemeinsames Vorgehen. Auch hatte der General den Herzog von Savoyen benachrichtigt, daß im Frühjahr 1704 eine mächtige Flotte erscheinen werde, um ihn zu unterstützen; er selbst wolle durch einen kräftigen Vorstoß Ludwig XIV. hindern, seine Truppen in Italien zu verstärken. Rooke wurde nun dahin verständigt, daß der Krieg in Spanien für die Flotte, ja für den ganzen Kriegsplan, nicht die Hauptsache sei. Mit dem Vorstoß Marlboroughs und Eugens an der Donau — dem linken Flügel der langen französischen Stellung solle durch Savoyen und die Flotte ein Angriff auf Toulon — die Mitte dieser Stellung und den Stützpunkt der französischen Macht am Mittelmeer — erfolgen, die Eroberung Spaniens sei nur als eine Diversion auf dem rechten Flügel anzusehen. Die Flotte habe sich an den Unternehmungen in Spanien nur soweit zu beteiligen, als zur Verbergung ihrer Hauptaufgabe nötig sei; wenn der Angriff auf Toulon gelungen wäre, solle Rooke versuchen, Neapel und Sicilien zu gewinnen. Dieser Plan sei streng geheim zu halten, gelte aber als Hauptrichtschnur der Flotte, solange Savoyen mitwirken wolle; nur die Unterstützung Nizzas und Villafrancas sowie das Festhalten der Toulonflotte gehe vor.

Corbett fügt hinzu: Dieses Programm war für Rooke allerdings kaum durchführbar und hing zu sehr von Savoyen ab. Und doch darf es nicht ganz als eine Illusion verworfen werden, sondern kann als einen Hinweis auf die große strategische Kraft betrachtet werden, die in einer Mittelmeerflotte (einer englischen?) liegt. Bei richtiger Auffassung der Lage und dementsprechender Verwendung seiner Streitkräfte konnte Rooke vier französische Armeen festhalten und sie hindern, Verstärkungen nach dem Hauptkriegsschauplatz abzugeben.

Rooke erhielt die letzte Order Ende April in Lissabon, als er von seiner Kreuzfahrt zurückkam, und machte sie im Kriegsrate bekannt, soweit sie nicht geheim war; es wurde beschlossen, sofort ins Mittelmeer zu gehen, um in Katalonien für König Karl zu operieren und doch für die bedrohten Städte bei der Hand zu sein. Am 8. Mai verließ Rooke mit 33 Linienschiffen und den 3 Mörserbooten Lissabon; bei Kap Palos wurden 6 Franzosen, die von Toulon ausgelaufen oder in Spanien gewesen waren, ohne Erfolg gejagt; gegen Ende des Monats traf die Flotte in Barcelona ein. Der Prinz von Hessen war der Überzeugung, daß sich die Stadt für König Karl erklären werde, sobald eine militärische Demonstration gegen sie gemacht würde; es wäre dies auch vielleicht eingetroffen, wenn nicht der Gouverneur ein tatkräftiger Mann gewesen. Am 30. Mai wurden 1600 Seesoldaten ohne Widerstand gelandet und dem Prinzen zur Verfügung gestellt, die Mörserboote legten sich in Schußweite bereit. Aber auf die Aufforderung zur Übergabe eröffneten die Spanier das Feuer gegen die Mörserboote und als diese am nächsten Tage einige Bomben geworfen hatten, wurde bekannt, daß der Gouverneur die vornehmsten Anhänger Karls verhaftet habe, daß andere geflohen seien und daß die Besatzung gewillt wäre, auszuhalten. Zu einer förmlichen Belagerung war das Landungskorps nicht stark genug, eine ernstliche Beschießung der Hauptstadt einer vorwiegend habsburgisch gesinnten Provinz wollte man vermeiden und Rooke mußte ja auch nach seinem Geheimbefehl alle Unternehmungen hier nur als Diversionen betrachten, war also geneigt, sich nicht zu weit einzulassen. Die Einschiffung der Soldaten wurde beschlossen, zu ihrer Deckung und zur Genugtuung der herbeigeströmten karlistischen Landbevölkerung warf man noch einige Bomben, dann ging die Flotte nach den Hyèren-Inseln in See. Eine Division wurde zur Erkundung gegen Toulon abgezweigt, vereinigte sich aber bald wieder mit der Hauptmacht. Bei den Hyèren erhielt Rooke vom englischen Gesandten in Lissabon die Nachricht, daß Graf Toulouse mit den Schiffen von Brest auf der Fahrt zum Mittelmeer an der portugiesischen Küste gesehen sei. Da eine der Hauptaufgaben der verbündeten Flotte war, eine Vereinigung der französischen Streitkräfte zu hindern, und da die andern nur gelöst werden konnten, wenn man die See beherrschte, beschloß der Kriegsrat (5. Juni) ganz richtig, Toulouse entgegenzugehen, ihn anzugreifen oder, falls er gesichert in Cadiz läge, nach Lissabon zu gehen, um Shovel, dessen Order man kannte, aufzunehmen und dann Toulouse zu folgen.

Corbett sagt hierzu: Auch nach seiner Geheiminstruktion mußte Rooke so handeln, da sich die Verhältnisse geändert hatten. Als der Gesandte Englands im April nach Turin kam, sah er, daß der Herzog dem Plane eines Angriffs auf Toulon nicht mehr geneigt war; Holland soll, mehr auf den Schutz seines Handels bedacht und deshalb gegen größere Unternehmungen im Mittelmeer gestimmt, von einer so gewagten Operation abgeraten haben. Auch wurde in England bekannt, daß Frankreich von dem Angriff auf Nizza und Villafranca abgesehen habe, um die dafür bestimmten Truppen zur Armee in Piemont (Belagerung Turins) stoßen zu lassen, sowie, daß die österreichischen Truppen in Norditalien zu schwach seien, um einen Erfolg in der Provence zu erzielen. Infolgedessen erging ein neuer Geheimbefehl an Rooke, nach dem neben der Beobachtung der Brestflotte der Hauptwert wieder auf den Krieg in Spanien gelegt wurde; der Admiral habe sich zu diesem Zweck dem König von Portugal und Karl III. zur Verfügung zu stellen. — Diesen Befehl, von Mitte Mai, kann Rooke allerdings bei den Hyèren nicht mehr erhalten haben, wohl aber vom Gesandten in Turin die Nachrichten, durch die er hervorgerufen war.

Schon am 7. Juni bekamen die Aufklärungsschiffe und am nächsten Tage die Flotte Toulouse in Sicht, 40–50 Segel, darunter etwa 25 Linienschiffe. Die Franzosen standen zu Luward und bildeten die Gefechtslinie; flauer Wind hinderte zwei Tage hindurch die Verbündeten, näher heranzukommen, sowie auch den Versuch, den Gegner von Toulon abzuschneiden — Clowes sagt, mit dem Abhalten eines Kriegsrates sei Zeit verloren worden. Da sich die Flotten immer mehr Toulon näherten und man damit rechnen mußte, daß aus diesem Hafen Verstärkungen entgegenkommen würden, brach man die Verfolgung ab und nahm die Reise nach Lissabon auf. Den Franzosen war die Vereinigung geglückt.

Rooke traf am 26. Juni in der Bucht von Lagos mit Shovel zusammen. Es war also kein Grund mehr da, nach Lissabon zu gehen, und die Flotte, jetzt 56–58 Linienschiffe, war selbst der vereinigten französischen gewachsen. Die Admirale, die jetzt nur noch diese im Auge hatten, wären gern ins Mittelmeer zurückgegangen, am nächsten Tage aber erhielt Rooke den offenen Befehl, sich ganz den beiden Königen zur Verfügung zu stellen. Er mußte also in Lissabon anfragen, und da er wußte, daß den Königen viel an einem Unternehmen in Andalusien, besonders gegen Cadiz, liege, erklärte er sich bereit, auf dem Weg ins Mittelmeer diese Stadt anzugreifen, falls genügend Landtruppen zur Verfügung ständen. Die Antwort erwartend, ging er zum Wassernehmen nach Malaga — er mußte sich mit Waffengewalt der Wasserplätze bemächtigen — und hielt dann die Straße von Gibraltar besetzt. Erst gegen Ende Juli traf die Antwort ein; sie war zustimmend, aber Truppen waren nicht verfügbar. Da faßte der Kriegsrat am 27., 20 Seemeilen östlich von Tetuan, den Beschluß, von Cadiz abzusehen, aber Gibraltar zu erobern.

Auf eine Eroberung der Stadt Cadiz zu verzichten, war wohl richtig. Zwei Jahre vorher war sie trotz der Verwendung eines großen Landungsheeres nicht gelungen, jetzt standen nur die Besatzungen der Schiffe zur Verfügung; man durfte auch nicht wagen, die ganze Flotte für eine nicht absehbare Zeit festzulegen, da doch mit dem Erscheinen der französischen Seestreitkräfte gerechnet werden mußte. Bei Gibraltar lag die Sache anders, die Befestigungen waren unbedeutend und die Besatzung schwach; beides war bekannt und man konnte von einem plötzlichen Angriff Erfolg erwarten, ohne viel aufs Spiel zu setzen. Ein Handstreich erforderte weder lange Zeit noch die Verwendung der ganzen Flotte — sogar weit weniger Schiffe, als tatsächlich dazu herangezogen wurden —, der Hauptteil konnte bereitgehalten werden, den Franzosen entgegenzutreten.