Die von Natur sehr starke Lage der Festung war damals noch nicht ausgenutzt, der Fels noch nicht befestigt Im Mittelalter war die an der Westseite des Felsens terrassenförmig liegende Stadt nur mit Stadtmauer und Türmen umgeben, eine Mole (die alte) bildete den Galerenhafen. Später waren die Mauern durch modernere Umwallungen ersetzt, ein Fort im Süden der Stadt am Strande erbaut, durch eine neue Mole ein Hafen für Segelschiffe geschaffen und dieser durch kleine Kastelle auf dem Molenkopfe sowie am Strande geschützt; immer blieb es nur eine Befestigung zum Schutz gegen Überfälle der Barbaresken. Eine Citadelle war nicht vorhanden, weil das alte maurische Schloß in der Stadt als solche aufgegeben und ein Ersatz noch nicht geschaffen war; die bei Beginn des Krieges von französischen Genieoffizieren geplanten Verbesserungen hatte man noch gar nicht in Angriff genommen. Die Besatzung betrug kaum 100 Mann regulärer Truppen, die sonst zur Verfügung stehenden waren in den wichtigeren Häfen Andalusiens zusammengezogen; mit der Miliz gebot der Gouverneur kaum über 500 Mann und 100 Geschütze, eine Macht, für die selbst die vorhandenen Befestigungen noch zu ausgedehnt waren.
Nachdem der Angriff beschlossen war, ankerte die Flotte in der Tangerbucht. Hier wurden die Dispositionen ausgegeben und die Vorbereitungen getroffen. Ein kleines Geschwader wurde nach Osten gesandt, um auf der Höhe von Malaga als Vorposten gegen die Franzosen zu dienen, die Flotte segelte am 31. Juli zur Ausführung des Angriffes nach Gibraltar hinüber.
Voran liefen 17 Linienschiffe nebst den 3 Mörserbooten unter Kontreadmiral Byng; sie waren zum Angriff von See aus bestimmt und ankerten am 1. August dicht unter der Stadt. Rooke mit dem Rest der Flotte, auf dem auch die Seesoldaten der[527] Schiffe Byngs eingeschifft waren, legte sich auf die Westseite der Bucht von Gibraltar. Sofort wurden 1800 Seesoldaten gelandet; sie marschierten unter Befehl des Prinzen von Hessen nach der Landenge und schlossen die Stadt vom Festlande ab; der Prinz ließ diese im Namen König Karls zur Übergabe auffordern. Byng war von den Batterien mit Feuer empfangen, da er aber vor der Beantwortung der Aufforderungen die Feindseligkeiten nicht eröffnen sollte, warpte er seine Schiffe aus dem Feuerbereich. Während der Nacht traf keine Antwort ein. Byng gab am 2. August morgens den Befehl, die Beschießungsstellung einzunehmen. Während der Ausführung, die den ganzen Tag bis in die Nacht hinein in Anspruch nahm, kam die Antwort des Gouverneurs, daß er die Stadt als treuer Soldat verteidigen werde; Rooke sandte nun noch 5 Schiffe. Die Schiffe wurden folgendermaßen in eine Linie gelegt: 6 Holländer, 60–70 Kanonenschiffe unter v. d. Dussen, gegenüber der alten Mole; 10 Engländer, 70 Kanonenschiffe unter Byng, gegenüber der Stadt und dem Südfort; 6 Engländer, unter Kapitän Hickes, gegenüber der neuen Mole.
Der 2. August ging ohne ernstlichen Kampf hin. Die Spanier versuchten von Zeit zu Zeit durch ihr Feuer die Manöver zu hindern; Byng ließ während der Nacht, um den Feind zu beschäftigen, von den außer der Linie liegenden Mörserbooten einige Bomben werfen und ein französisches Schiff, das an der alten Mole lag, durch Boote verbrennen. Am 3. August mit Hellwerden war die Stellung eingenommen und zwar so nahe am Lande, daß z. B. Byng nur 1 bis 2 Fuß Wasser unter dem Kiel hatte. Die Spanier eröffneten wieder das Feuer, dieses wurde jetzt aber von allen Schiffen der Verbündeten breitseitweise beantwortet. Man sah noch die Einwohner, Frauen und Kinder, aus der Stadt nach der Kirche S. Maria von Europa, auf der Südspitze des Felsens gelegen, flüchten, dann nahm der Pulverrauch alle Aussicht, so daß Rooke durch Boote zunächst den Befehl geben mußte, das Feuer der oberen Batterien einzustellen, um überhaupt ein Zielen zu ermöglichen, später das Feuer ganz abzubrechen, um den Erfolg festzustellen. Es war gegen Mittag, der Feind hatte seit einer Stunde nicht mehr geantwortet. Das Feuer der Verbündeten scheint nicht viel Wirkung gehabt zu haben — nach de Jonge; die anderen Quellen schweigen darüber — nur auf Hickes' Division wurde bemerkt, daß das Fort auf der Südmole außer Gefecht gesetzt war und daß die Besatzung floh. Hickes sandte die Meldung an Byng, daß eine Landung hier Erfolg verspreche. Byng ließ seine sämtlichen Boote armieren und bat Rooke um die der übrigen Schiffe; schon ehe diese kamen, ging Hickes mit seinen Booten vor, die Byngs schlossen sich nach und nach an. Beim Nahen der ersten Boote begannen die Flüchtlinge aus der Kirche nach der Stadt zurückzuströmen; als das Flaggschiff dieses durch einige Schüsse hindern wollte, hielten die andern Schiffe es für das Signal zur Wiederaufnahme des Feuers, was für kurze Zeit geschah.
Die Landung fand keinen Widerstand, brachte aber doch empfindliche Verluste, da ein Pulvermagazin im Molenkastell durch Unvorsichtigkeit der ohne Ordnung Vordringenden aufflog; mehr und mehr verstärkt setzten sich die Gelandeten vor dem Südfort fest. Während des ganzen Tages hatte auch der Prinz von Hessen angegriffen; die Verteidiger waren überall hart bedrängt und die geflohenen Familien von der Stadt abgeschnitten, da schloß denn der Gouverneur auf eine erneute Aufforderung die Übergabe ab. Die Besatzung verließ am 4. August mit allen militärischen Ehren die Stadt. Diese wurde im Namen Karls III. in Besitz genommen; die Eroberung hatte den Verbündeten etwa 280 Mann gekostet, fast das Dreifache der Besatzung an regulären Truppen.
Rooke soll die nach der Übergabe geheißte Flagge Karls niedergeholt und die englische geheißt haben. Corbett sagt, nach neuern Forschungen in spanischen Quellen sei dies nicht der Fall gewesen, und die alte Behauptung sei wahrscheinlich dadurch hervorgerufen, daß die Engländer auf den eroberten Werken zunächst ihre Flagge gesetzt hätten.
So war Gibraltar im Namen König Karls erobert. England besetzte es aber vorläufig und behielt es nach dem Friedensschluß; König Philipp V. mußte damit seine Anerkennung seitens Englands bezahlen. Englische Quellen sagen, die Stadt würde spanisch geblieben sein, wenn Karl III. den Thron behalten hätte. Da England schon lange einen Stützpunkt im Mittelmeer, besonders zur Beherrschung der Straße, wünschte, dürfte dies wohl nicht so ganz ausgemacht sein. Schon in diesem Kriege wurde Gibraltar ein beliebter Sammelpunkt für die Seestreitkräfte der Verbündeten, wenn es auch wegen Mangel an Einrichtungen noch nicht als Stützpunkt dienen konnte; dies blieb Lissabon bis zur Erwerbung Port Mahons.
Die Besitzergreifung Gibraltars hat dem Namen Rookes eine bleibende Erinnerung gesichert, das richtige Urteil und der Mut der Verantwortung, die er durch diese Tat bewiesen hat, sind ihm hoch angerechnet. „Mit Recht“, sagt hierüber z. B. noch Mahan, „denn Rookes richtigem Urteil und seinem Mut der Verantwortung verdankt England den Schlüssel zum Mittelmeer.“ Neuere englische Autoren, Corbett und Clowes, urteilen aber einschränkender. So führt Corbett aus, daß die Einnahme der Stadt keineswegs eine so hervorragende militärische Leistung gewesen wäre, als die sie so lange angesehen sei. Sie sei auch von andern Admiralen der Flotte, z. B. Byng, für keine schwere Aufgabe gehalten worden, aber „Rooke had always the grand manner and he approached it with all the pomp of a great operation“. Die gegebene Beschreibung dürfte dies bestätigen: 22 Linienschiffe und 2000 Mann gegen schwache Befestigungen und kaum 100 Soldaten.
Ebenso spricht Corbett dem Admiral das Verdienst der Übernahme einer großen Verantwortung ab: Rooke wußte, daß Gibraltar von Oraniens Zeit, ja schon von Cromwells an ein Ziel der englischen Regierung war, der Platz war ja auch in seiner Order als einer der zu nehmenden bezeichnet; er wußte, daß die beiden Könige, denen er augenblicklich unterstellt war, es sehr gern sahen. Rooke führte eine Proklamation Karls an „seine Stadt Gibraltar“ mit sich, und der Prinz von Hessen war gewiß mit dem Plane einverstanden, wenn er nicht gar dessen Urheber im Kriegsrate gewesen ist. Rookes einziges Verdienst war, daß er den Widerspruch einiger seiner Unterführer, die mit Rücksicht auf die französische Flotte dagegen waren, überwand.
Corbett belegt auch (Teil II, Seite 276) mit einer Äußerung Marlboroughs, daß dieser stets damit gerechnet hat, Gibraltar für England zu behalten.