Zu verstehen ist nicht, weshalb Pointis so lange in Cadiz geblieben war. Colomb sagt: „Gedrängt, wieder auszulaufen, habe er geantwortet, bei der Anwesenheit von 30 (!) feindlichen Schiffen in Lissabon müsse er in Cadiz bleiben, bis er Verstärkung erhalte; von hier aus könne er wenigstens Zufuhren nach Gibraltar hindern.“ Ein Fehler war es allerdings wohl gewesen, sein Geschwader nicht so stark zu bemessen, daß er ein Wintergeschwader der Verbündeten unter allen Umständen von der belagerten Stadt abhalten konnte.

Leake unterstützte einige Zeit die Belagerten durch Beschießen der Parallelen und durch Bootsangriffe auf das feindliche Lager bei Algeciras. Seine Lage war nicht ungefährlich, weil die Winterstürme einsetzten, in denen seine Schiffe viel Ankergeschirr verloren; auch trafen ständig Nachrichten ein, daß sich Pointis zum Inseegehen vorbereite, daß einige seiner Schiffe schon auf der Rhede von Cadiz lägen. Leake ging erst Anfang Dezember auf die Nachricht hin in See, daß ein neuer Transport für Gibraltar in Lissabon angekommen sei und beabsichtige, weiterzusegeln. Obgleich schwach bemannt, ließ er einige hundert Matrosen zurück, da der Prinz von Hessen infolge Krankheit und Verlusten nur noch über etwa 1000 Mann verfügte. Er beabsichtigte, vor Cadiz zu gehen und Pointis dort festzuhalten, während der Transport vorbeisegelte. Sturm und Gegenwinde hielten ihn in der Straße fest, und in dieser Zeit griff Pointis tatsächlich den Convoi an, aber ohne Erfolg.

Pointis lag unter englischen und holländischen Flaggen bei Kap Spartel; der Convoi, 20 Transporter und 4 Kriegsschiffe, näherte sich ahnungslos. Als aber die Franzosen zu früh eine umfassende Formation einnahmen, schöpfte der Convoiführer Verdacht und benutzte die zufällig eintretende Windstille, seine Schiffe durch Boote aus der Gefahr schleppen zu lassen; nur zwei Fahrzeuge fielen dem Feinde in die Hände, zwei andere retteten sich nach Lissabon.

Der größere Teil des Convois erreichte Gibraltar und warf 2000 Mann und reichliche Vorräte hinein, so daß die Festung vorläufig wieder gesichert erschien. De Pointis kehrte nach Cadiz zurück, und auch Leake ging auf die Nachricht, daß die Franzosen hier in den inneren Hafen eingelaufen seien, Anfang Januar 1705 zum Ausrüsten und Bodenreinigen nach Lissabon.

Die Jahre 1705 und 1706. Entsatz von Gibraltar und Einnahme von Barcelona. 1705 begannen die Operationen zur See um den Besitz von Gibraltar, ehe die großen Flotten in Dienst gestellt waren. Französisch-spanischerseits hatte man wegen der Belagerung dieser Stadt den Krieg an der portugiesischen Grenze vernachlässigt, und doch war kein Erfolg errungen worden. Die Festung stand eher günstiger da; denn auch im Januar und Februar trafen, unbelästigt von Pointis, noch mehrere nur schwach bedeckte Transporte mit Kriegsmaterial und Verstärkungen von Lissabon dort ein. Ludwig XIV. rief jetzt den Marschall Tessé von der portugiesischen Grenze ab, um die Belagerung zu leiten. Dieser faßte die Aufgabe schärfer an und verlangte vor allem die Unterstützung durch die Flotte, insbesondere durch Pointis. So schrieb er z. B. an Condé: „Die Engländer zeigen uns, daß man zu jeder Zeit die See halten kann; sie fahren darauf wie die Schwäne auf Euerem Flusse bei Chantilly.“ Pointis erhielt nun den schärfsten Befehl, einzugreifen, trotz seiner weiteren Vorstellungen in Paris und Madrid, daß er besser erst Verstärkungen erwarte. Am 16. März traf er dann mit 13 Linienschiffen vor Gibraltar ein und wurde hier vom Marschall zu einem gemeinsamen Angriff festgehalten, obgleich er bat, auf See gegen Zufuhren für die Stadt kreuzen zu dürfen. Als Seemann fürchtete er, vor Anker sowohl durch die Frühjahrsstürme als auch durch einen plötzlichen Angriff zu sehr gefährdet zu sein; beides sollte ihn gleichzeitig treffen, ehe der gemeinsame Angriff reif war.

In Lissabon war man in großer Sorge. Ein frühzeitiges Erscheinen der großen Flotte war für dieses Jahr in Aussicht gestellt, sie wurde aber nicht rechtzeitig fertig. Leake hatte Schwierigkeiten, seine Schiffe in Lissabon instandzusetzen. Anfang März war er noch nicht völlig seeklar. Da traf von England ein Transport mit Kriegsmaterial, sowie eine Division Linienschiffe unter Kontreadmiral Dilkes ein, so daß er um die Mitte des Monats in See gehen konnte. Er war 19 englische (23?), 4 holländische Linienschiffe, sowie 9 portugiesische Kriegsschiffe stark und führte 3 Regimenter (3000? Mann) an Bord; am Abend des 20. März erschien er vor der Bucht von Gibraltar.

Am 18. waren 8 französische Schiffe durch einen schweren Sturm vom Ankerplatz vertrieben und durch die Straße nach Osten gesegelt, Pointis selber wurde mit dem Rest seines Geschwaders am Morgen des 21. durch das Erscheinen des Feindes völlig überrascht; die Signalstationen, die sofort nach seinem Eintreffen längs der Küste bis nach Cadiz errichtet waren, hatten nichts gemeldet; kaum blieb ihm Zeit, Anker zu kappen und unter Segel zu gehen. Leake befahl sogleich allgemeine Jagd ohne Aufrechterhaltung einer Formation. Drei Franzosen wurden nach tapferer Gegenwehr genommen; dem Flaggschiff und dem fünften Schiff gelang es zwar, Enterangriffe abzuschlagen, sie wurden aber auf den Strand getrieben und setzten sich dort in Brand. Die durch den Sturm vertriebenen 8 Schiffe waren bis Malaga gelaufen; als sie das Geschützfeuer hörten, segelten sie von dort ohne Unterbrechung nach Toulon. Gibraltar war zum dritten Male und nunmehr in diesem Kriege endgültig gerettet. Leake landete Mitte April die Truppen; er war bis Malaga gegangen und auf der Rückfahrt durch stürmische Westwinde aufgehalten worden. Tessé hob Ende des Monats die Belagerung auf und ging zu der Armee an der portugiesischen Grenze zurück.

Die Befreiung Gibraltars ist gewissermaßen noch ein Nachspiel des Kriegsjahres 1704. Wenden wir uns jetzt zu dem eigentlichen Kriegsjahre 1705. Aus der allgemeinen Schilderung des Krieges wissen wir, daß die Seemächte und Portugal in diesem Jahre beabsichtigten, Spanien von Portugal und von Katalonien aus für Karl III. zu erobern; die Hauptseestreitkräfte wurden zur Unterstützung des Angriffs von Katalonien aus bestimmt.

Corbett sagt hierzu: „Es war dies gegen Marlboroughs Ansicht. Dieser hatte stets weiter im Auge, Frankreich vom Mittelmeer abzuschließen, Toulon anzugreifen, die Seeherrschaft im Mittelmeer völlig sicherzustellen und dazu einen Stützpunkt neben Gibraltar in diesem Meere zu gewinnen. Die Seeoffiziere waren ohne einen solchen Stützpunkt gegen ein Vorgehen auf Toulon, und Marlborough ordnete wie stets seine Ansicht der der Fachleute unter; außerdem waren Savoyen und Österreich nicht in Bewegung zu bringen, letzteres legte mehr Wert auf die Eroberung Spaniens.“ Wir wissen, daß Prinz Eugen 1705 zu schwach war, um viel ausrichten zu können.