Gleich nach Übergabe der Stadt gingen die fünf holländischen Schiffe der Division v. d. Dussen, die jetzt fast zwei Jahre im Dienst waren, heim und nahmen von Lissabon einen Convoi mit. Almonde hatte die Erlaubnis, mit den übrigen Schiffen im Mittelmeer zu überwintern, um weiter die Seeherrschaft zu behaupten, falls die Hauptmacht der Engländer ein Gleiches täte. Diese jedoch erklärten, es sei wegen Mangels an Vorräten und an Material zum Instandsetzen nicht möglich. So wurde nur ein Wintergeschwader gebildet, aber auch dieses war genötigt, zur Wiederinstandsetzung nach Lissabon zu gehen. Leake machte infolge ungünstiger Winde eine unglaubliche Reise: Er war von Ende Oktober bis zum 4. Februar unterwegs, so daß beinahe Hunger- und Wassernot an Bord entstand; das Flaggschiff „Prince George“ begrub auf dieser Reise 50 Mann. Es kennzeichnet die Verhältnisse jener Zeit, daß dieses Schiff, das mit Shovel von England gekommen war und stets Krankheit an Bord gehabt hatte, vom 1. April 1705 bis zum 4. Februar 1706 gegen 300 Mann verlor.
Wie die Erfolge in Spanien 1705 nur infolge des Ausbleibens der französischen Flotte möglich geworden waren, so wurden sie im Jahre 1706 dadurch wieder in Frage gestellt, daß die Seestreitkräfte der Verbündeten nicht rechtzeitig genügend stark auftreten konnten. Die Franzosen gingen früh im Jahre gegen Karl III. vor. Marschall Tessé griff Katalonien von Spanien aus an, indem er die Pässe an der portugiesischen Grenze nur besetzt hielt; der Herzog von Noailles rückte von Roussillon aus vor. Tessé warf den König bis nach Barcelona zurück und belagerte mit 40000 Mann die Stadt, Toulouse unterstützte Tessé dabei mit 30 Linienschiffen, die Belagerungsmaterial sowie sonstige Vorräte brachten und auch an der Beschießung der Stadt teilnahmen. Peterborough stand in Valencia, zu schwach, um einzugreifen; man hatte französischerseits alles getan, Erfolge zu erringen, ehe die Verbündeten Verstärkungen senden konnten und die See wieder beherrschten.
Als die französischen Vorbereitungen in England bekannt wurden, erhielt Leake den Befehl, sein möglichstes zu tun, um die Pläne des Gegners zu vereiteln. Zu ihm war eine Verstärkung von 4 holländischen Linienschiffen, nebst einem Convoi mit Ausrüstungsmaterial, gestoßen, aber ein großer Teil seiner alten Schiffe war noch nicht seeklar. Trotzdem ging er am 9. März mit 18 Schiffen in See.
Es lag in seiner Absicht, schon am 8. zu segeln, weil er erfahren hatte, daß das Auslaufen der westindischen Galeonen aus Cadiz bevorstehe. Als aber das Geschwader am genannten Tage den Tajo abwärts segelte, wurde es durch scharfes Feuer der Außenforts zum Wiederankern gezwungen. Auf die Beschwerden antwortete die portugiesische Behörde, es sei aus Versehen geschossen; die Forts hätten Befehl gehabt, das Auslaufen sämtlicher Kauffahrer zu hindern, damit die Abfahrt des Geschwaders geheim gehalten würde. Nach Annahme der englischen Offiziere aber sind die Kriegsschiffe tatsächlich absichtlich zurückgehalten, um sie zum Schutz des erwarteten Brasilienconvois zur Verfügung zu haben. Jedenfalls wurde das Unternehmen, das die besten Aussichten hatte, durch die Verzögerung von einem Tage vereitelt. Am 11. abends erfuhr Leake von einem holländischen Freibeuter, daß die Galeonen am 10. Cadiz verlassen hätten, auch fing er am 12. zwei Schiffe, die 24 Stunden später gesegelt waren; er hätte also ohne die Verzögerung wohl sicher seinen Zweck erreicht. Jetzt erschien ihm eine Verfolgung aussichtslos, weil der Wind den Galeonen günstig war.
Infolge ungünstigen Windes traf Leake erst am 10. April in Gibraltar ein. Hier stieß am 14. der Rest seiner Flotte, 12 Linienschiffe nebst Transportern mit zwei englischen Regimentern, zu ihm, so daß er nun 30 Linienschiffe stark war. Auf die Nachricht vom König Karl, daß Barcelona von Tessé und Toulouse belagert und schon sehr bedrängt sei, beschloß der Kriegsrat, nach Altea zu segeln, um dort genaue Nachricht über die französische Flotte einzuziehen und diese, wenn sie nicht stärker als 30 Schiffe sei, anzugreifen; die englischen Regimenter wurden zur Verstärkung der nur schwachen Besatzungen auf die Schiffe verteilt. Am 29. in Altea angekommen hörte der Admiral von einem holländischen Kauffahrer, daß ihm ein Transport mit Truppen aus Holland unter Bedeckung von 6 Linienschiffen auf dem Fuße folge; dieser traf am nächsten Tage ein und gleichzeitig die Nachricht, daß ein englisches Geschwader von 14 Schiffen unter Sir George Byng nahe. Leake wartete auch diesen ab und ging dann, 50 Schiffe (36 englische, 14 holländische), 6 Fregatten, 2 Brander, 2 Mörserboote stark, nach Barcelona weiter. Auf der Höhe von Tortosa (6. Mai) kam eine neue Nachricht vom König Karl: Die Stadt könne sich nur noch wenige Tage halten, Montjuich sei genommen, der Sturm stünde bevor; nur sofortiges Erscheinen der Flotte könne retten, Toulouse sei 28 Schiffe, 6 Fregatten, 10 Galeren und 5 Mörserboote stark. Leake gab seinen Schiffen sofort den Befehl, ohne Aufrechterhaltung einer Formation Segel zu pressen. Am Morgen des 7. Mai trafen die ersten Schiffe vor Barcelona ein, sie fanden die Rhede leer; Toulouse war, wie im vorigen Kriege Tourville, auf die Kunde vom Nahen des Gegners nach Toulon aufgebrochen; nach französischen Angaben hatte er Befehl, seine Flotte keiner ernsten Gefahr auszusetzen.
Englische Quellen sagen, Byngs Schiffe (wohl die bodenreinsten) seien die ersten Schiffe auf der Rhede gewesen. Nach de Jonge waren es die besten Segler Wassenaers, der die Vorhut führte. Nach Corbett sahen die ersten Schiffe die Nachhut Toulouses gerade noch am Horizont verschwinden.
Noch an demselben Tage ankerte die ganze Flotte und die Soldaten wurden in die Stadt geworfen. Barcelona, und damit Katalonien, war gerettet. Ja, die Belagerer, insbesondere die spanischen Truppen, scheinen durch das so plötzliche und gerade noch rechtzeitige Erscheinen Leakes völlig entmutigt worden zu sein. Marschall Tessé sah sich am 10. Mai genötigt, die Belagerung abzubrechen; er ließ über 100 Geschütze und sogar die Verwundeten zurück. Das französische Heer litt auf seinem Rückzuge nach Roussillon sehr unter Angriffen der katalonischen Bergbewohner: „eine verlorene Schlacht hätte nicht schlimmer sein können“ (nach Bonfils).
Colomb sagt (gekürzt): „Barcelona ist die Wiederholung der Geschichte Gibraltars. Beide Plätze werden durch gemeinsame Angriffe von Land und See genommen, bei denen die Admirale infolge der günstigen Aussicht auf Erfolg die deckende Flotte vielleicht stärker eingesetzt haben — bei Gibraltar durch das Abzweigen so vieler Schiffe für die Beschießung, bei Barcelona durch das Ausschiffen so zahlreicher Leute — als richtig scheint, denn nur bei vollständiger Beherrschung der See waren die Unternehmungen möglich. Der Feind versucht dann, die Festungen während der Abwesenheit der verbündeten Flotte durch Land- und Seestreitkräfte wiederzunehmen, doch wurden ihre Seestreitkräfte im letzten Augenblick vertrieben.“ Man kann hier wohl sagen „ihre nicht genügend starken Seestreitkräfte“ und hinzusetzen „teilweise infolge glücklicher Zufälle für den Gegner“.
Die Entsetzung Barcelonas war wie die Gibraltars 1705 gewissermaßen wieder ein Nachspiel des Vorjahres, ein Unternehmen, das den Verbündeten durch das frühzeitige Vorgehen des Gegners im neuen Kriegsjahre aufgezwungen und nur vom Wintergeschwader ausgeführt wurde; dieses war allerdings durch die Verstärkungen, insbesondere durch die beschleunigte Entsendung Byngs mit 14 Schiffen der Hauptflotte, schon zur Größe der bisherigen Sommerflotten im Mittelmeer angewachsen. Eine andere Operation von Bedeutung, die für dieses Jahr geplant war, eine Landung bei Rochefort unter dem Admiral of the fleet Shovel, kam wohl infolgedessen nicht zur Ausführung. Erst im Juli konnte Shovel seine Flagge heißen; er wartete dann vergeblich auf ein holländisches Kontingent und wurde endlich durch Gegenwinde bis in den September bei Torbay festgehalten; dann war die Jahreszeit zu weit vorgeschritten. Dieses englische Kanalgeschwader beteiligte sich nur im Juni an der Belagerung und Einnahme der Stadt Ostende durch das Heer in Flandern.
Zu diesem Landungsplane schreibt Corbett: „Marlborough behielt stets als Hauptziel im Auge, Frankreich vom Mittelmeer aus anzugreifen; ihm war auch die beschleunigte[544] Entsendung Byngs zu verdanken. Er wollte sogar in Person mit 20000 Mann in englischem und holländischem Solde nach Italien gehen, um hier mit Prinz Eugen, mit dem er sich besser verstand als mit den holländischen und deutschen Führern, vereint aufzutreten. Vom Ratspensionär Heinsius unterstützt, hatte er die Generalstaaten fast für diesen Plan gewonnen, als die Franzosen am Rhein über Ludwig von Baden Vorteile errangen. Jetzt sahen die Generalstaaten die linke Flanke der Stellung in den Niederlanden bedroht, wollten nur noch 10000 Mann bewilligen und verlangten, daß Marlborough selber in den Niederlanden bliebe. Er fügte sich wiederum, betrieb aber dafür ein Unternehmen, dem er wenigstens den Wert einer für den Krieg in Italien und Katalonien nutzbaren Diversion beilegte. (Er selbst ging zu gleichem Zweck energisch vor, schlug die Schlacht von Ramiliers und bedrohte die Franzosen weiter in Flandern.) Im Frühjahr 1706 hatte ein französischer Réfugié, Comte de Guiscard, eine Landung an der Mündung der Charente vorgeschlagen, um von dort aus den Aufstand in den Cevennen wieder zu beleben. Die Landungskräfte sollten vorzugsweise aus Réfugiés gebildet werden, doch wollte auch Marlborough einige Regimenter stellen.«