Über die Stärke der Flotte Shovels sind keine Angaben vorhanden, sie kann nicht bedeutend gewesen sein. Die auswärtigen Stationen und der Handelsschutz erforderten zahlreiche Schiffe; 36 Schiffe waren im Mittelmeer, und wie im Vorjahre hatte man ein Geschwader zur Beobachtung der französischen Küsten in Dienst gestellt; vielleicht war dieses für die Expedition in Aussicht genommen. Von dem erwarteten holländischen Kontingent erwähnt der sonst sehr genau berichtende de Jonge nichts. Nach de Jonge hatte Holland 1706 im Mittelmeer 18 Schiffe — gemäß der Abmachung, eine Vermehrung hier war erst für das Ende des Jahres vorgesehen — und 12 Schiffe, in zwei Geschwader wie früher geteilt, in den nördlichen Gewässern. Es hatte also seine Verpflichtungen erfüllt; zwar waren 5 Linienschiffe weniger im Dienst als im Vorjahre, doch fehlten diese im Norden: das Geschwader gegen die Galeren in Ostende, das nach der Eroberung der Stadt nicht mehr nötig war“.
Wenden wir uns nun wieder zum Mittelmeer. Nach dem Abzuge des französischen Heeres von Barcelona wurden auf 4 Kriegsschiffen 600 Mann nach Gerona geführt, um die Stadt gegen den nach Norden abziehenden Feind zu verstärken. In längeren Beratungen mit den Ministern und Generalen König Karls beschloß man dann, daß die Flotte alle in Katalonien entbehrlichen Truppen zu Peterborough bringen und mit diesen gemeinsam gegen Alicante, das bourbonisch gesinnt und stark besetzt war, vorgehen solle. Die Soldaten wurden in Valencia gelandet und von dort in Marsch gesetzt. In der Zwischenzeit segelte die Flotte nach Cartagena, wo die Partei Karls das Übergewicht hatte. Die Stadt war zwar nicht gleich zur Übergabe bereit, erkannte aber doch Karl III. an, als man Vorbereitungen traf, mit einigen Schiffen in den Hafen einzulaufen und gleichzeitig die Landungsabteilungen der Flotte an Land zu werfen (10. Juni). Nachdem dann in Altea Wasser genommen war, traf die Flotte am 7. Juli vor Alicante ein, und auch Landtruppen erschienen am 20. vor der Stadt; da diese aber nur 1300 Mann reguläre Soldaten, sonst bewaffnete Landbewohner, zählten, wurden von den Schiffen 800 Seesoldaten und 800 Matrosen nebst Geschützen gelandet. Die Belagerung wurde eröffnet, 12 Linienschiffe begannen mit Erfolg die Beschießung, indem sie nach und nach die Befestigungen niederkämpften und dann immer näher ankerten. Am 8. August wurden aus nächster Nähe zwei Breschen gelegt, die Stadt durch die Truppen am Lande sowie die Landungsabteilungen gestürmt und geplündert; die Citadelle ergab sich erst am 6. September wegen Wassermangels.
Vor Alicante stießen 4 dem holländischen Kontingent bisher noch fehlende Linienschiffe zur Flotte. An diese knüpfen sich Umstände, die das Verhältnis der englischen und holländischen Seestreitkräfte zueinander in diesem Kriege kennzeichnen. Leutnantadmiral de Almonde hatte sie hinausgeführt, er sollte dann den Oberbefehl über die Holländer übernehmen; er ging aber von Lissabon in die Heimat zurück, da er nicht unter Vizeadmiral Leake dienen wollte. Holland hatte vor und während seiner Ausreise England ersucht, Shovel hinauszuschicken. England aber antwortete, dieser sei zu einem anderen Unternehmen (Rochefort?) bestimmt, jetzt wurde Almonde zurückgerufen und Holland hielt von jetzt an nur einen Vize- oder Kontreadmiral im Mittelmeer; sämtliche höhere Flaggoffiziere fanden in diesem Kriege keine Verwendung mehr. Die letzten tüchtigen Schüler Ruyters verbrachten ihre späteren Dienstjahre untätig am Lande: de Almonde, der seit 1691 die Holländer in allen größeren Unternehmungen und Schlachten geführt; Callenburgh, uns gleichfalls rühmlichst bekannt; zwei Evertsen, Söhne und Neffen der Seehelden Cornelis und Jan Evertsen. Vielleicht haben Sparsamkeitsrücksichten mitgesprochen.
Von Alicante segelte die Flotte (13. September) nach Ibiza und dann nach Mallorca; die erste Insel erkannte den König Karl sofort an und auf der zweiten zwang die Bevölkerung den Gouverneur dazu, als eine Beschießung der Stadt Palma drohte. Gern hätten Karl und Peterborough auch die Einnahme Minorcas mit seinem vorzüglichen Hafen Port Mahon, von den Engländern schon lange als Stützpunkt ins Auge gefaßt, gesehen, aber Leake hielt die französische Besatzung dort für zu stark, um mit seinen Landungsabteilungen allein anzugreifen. Peterborough war geneigt, mit den nötigen Truppen „unter eigener Führung“ mitzuwirken, er wurde jedoch nach Italien gesandt, um Savoyen anzufeuern und mit Prinz Eugen über den Feldzug des nächsten Jahres zu verhandeln; als er zurückkam, war es nach Leakes Ansicht für die Flotte zu spät in der Jahreszeit. Seiner Instruktion gemäß trat der Admiral am 4. Oktober die Reise nach der Heimat an, mit ihm das ganze holländische Kontingent (Mitte November dort); nur ein Wintergeschwader von 17 englischen Linienschiffen zweigte sich unter Admiral Byng in Gibraltar ab und ging nach Lissabon.
Infolge der Entsetzung Barcelonas nahm auch der Landkrieg in Spanien von Portugal aus für Karl III. eine günstige Wendung; Madrid wurde genommen, Philipp V. war mit dem französischen Heere nach Frankreich geflohen. Karl war im Besitz der Herrschaft und wurde infolge der Siege des Prinzen Eugen auch in Mailand anerkannt (vgl. Seite [493]).
Die Jahre 1707 und 1708. Belagerung von Toulon. Eroberung von Port Mahon. Für 1707 war von den Seemächten wiederum die Aufstellung einer starken Flotte im Mittelmeer vereinbart. Die Generalstaaten hatten sich bereits im Sommer 1706 verpflichtet, 24 Linienschiffe dazu zu stellen, die schon vor Ende des Jahres abgehen sollten. Die pekuniäre Lage der Admiralitäten war jedoch so schwierig, daß erst um die Wende des Jahres 10 Schiffe unter Vizeadmiral van der Goes auslaufen und nur 5 im Mai 1707 folgen konnten; diese letztgenannten stießen erst vor Toulon zur Flotte. Daneben stellte Holland wieder 17 Schiffe in zwei Geschwadern für die nördlichen Gewässer auf. England dagegen sandte wirklich noch im Spätherbst 1706 den Admiral Shovel nach den spanischen Gewässern ab; die Zahl seiner Schiffe mag etwa 16 betragen haben.
Genaue Angaben waren nicht zu finden. Nach französischen Quellen erschienen im Juli vor Toulon 48 Linienschiffe, darunter 15 Holländer. Byngs Wintergeschwader zählte 17 Schiffe; es bleiben mithin 16 neuhinzugekommene Engländer.
Shovel traf Anfang Januar in Lissabon ein und ging sofort weiter ins Mittelmeer. Die Kriegslage in Spanien hatte sich seit der Heimfahrt der Flotte im Herbst 1706 sehr zuungunsten der Verbündeten geändert. König Karl machte die Erfahrung, daß mit dem Schlagen der spanischen Truppen nicht alles getan war. Er verstand es nicht, sich beliebt zu machen; in Kastilien und in den Südprovinzen erwachte der alte Haß gegen die Portugiesen und die Ketzer, die beide ihn unterstützten. Das Volk stand in Guerrillabanden auf und die Franzosen schickten ein neues Heer unter dem Herzog von Berwigk. Die Verbündeten konnten sich in Madrid nicht halten, sie zogen nach Osten ab, um sich Karl in Katalonien anzuschließen. Shovel warf nun zunächst eine aus England mitgebrachte Verstärkung von etwa 7000 Mann nach Alicante, kehrte dann aber nach Lissabon zurück, um seine Schiffe zu weiteren Unternehmungen instandzusetzen und auszurüsten.
Corbett bezeichnet diese „weiteren Operationen“ ausdrücklich als die gegen Toulon geplanten. Marlborough habe schon die Abfahrt Shovels beschleunigt, da ihm nach den Erfolgen Eugens in Italien sein großer Plan jetzt reif erschienen sei. Dieser Plan, durch dessen Durchführung er den Krieg zu beenden hoffte, ist uns bekannt (Seite [494]). Wenn er um diese Zeit schon feststand, wenigstens wie anzunehmen ist zwischen Eugen und Marlborough, so war er doch geheim gehalten. De Jonge sagt ausdrücklich, daß das holländische Geschwader erst vor Barcelona von dem beabsichtigten Angriff auf Toulon Kenntnis erhalten habe.
In Lissabon fand Shovel das Wintergeschwader (Byng) und das am 10. März eingetroffene holländische Kontingent, das auch Ersatz für die in Spanien fechtenden holländischen Regimenter mitgebracht hatte, vor. Da die Nachrichten vom Landkriegsschauplatze weiter ungünstig lauteten, wurde Byng mit den segelfertigen englischen und sämtlichen holländischen Schiffen sofort (10. April) ins Mittelmeer gesandt, um die Verstärkungen zu landen und bis zu Shovels Ankunft an der Ostküste zu kreuzen. Byng erfuhr in Alicante, daß die Armee der Verbündeten unter dem Earl of Galway, der jetzt den Oberbefehl führte, bei dem Versuche, wieder nach Madrid vorzudringen, bei Almansa (24. April) vernichtend geschlagen sei und daß ihre Trümmer sich größtenteils auf Tortosa zurückgezogen hätten (vgl. Seite [494]). Der Admiral sammelte nun in den Küstenstädten die Versprengten, Verwundeten und Kranken des Heeres, brachte diese sowie die Ersatzmannschaften nach Tortosa und segelte dann nach Barcelona (20. Mai). Hier traf Shovel bald darauf ein. Erkundungen ergaben, daß weder in Toulon noch in Marseille (der Galerenstation) Ausrüstungen von Seestreitkräften betrieben wurden; Frankreich stellte in diesem Jahre nur zwei Divisionen unter Forbin und Trouin für die nördlichen Gewässer auf. Am 4. Juni ging Shovel mit der ganzen Flotte in See, um mit Prinz Eugen gegen Toulon zu operieren und um dessen Verbindung mit den Magazinen in Livorno und Genua aufrecht zu erhalten.