Wir wissen bereits (Seite [494]), daß es Marlborough nicht gelang, seinen großen Plan vollständig durchzuführen. Er selber war behindert, in diesem Jahre im Norden kräftig vorzustoßen, und der Kaiser hatte, anstatt Eugen nach seinen Erfolgen zu verstärken oder doch wenigstens in seiner Stärke zu belassen, einen Teil des italienischen Heeres unter Graf Daun abgezweigt, um Neapel zu erobern, obgleich ihm England vorstellte, dies für ihn mit Leichtigkeit ausführen zu können, sobald Toulon gefallen sei. Da Ludwig XIV. um diese Zeit zu Friedensunterhandlungen geneigt war, wollte der Kaiser wohl vor Beginn dieser die Lande in seinen Besitz bringen; auch wird vermutet (nach Corbett), daß man in Österreich dem Plane Marlboroughs nicht günstig war, man fürchtete die Übermacht Englands im Mittelmeer nach Toulons Fall.
Ein schleuniger Angriff auf Toulon war erwünscht. Man mußte annehmen, daß Frankreich nach seinen Erfolgen in Spanien von dort Truppen zur Armee in der Provence heranziehen würde, auch konnte bei der Schwäche Eugens nur ein Handstreich gelingen. Dieser wäre fast geglückt. Marschall Tessé, der die Armee in der Provence führte, hatte mit unzureichenden Kräften eine lange Grenze zu decken, und Prinz Eugen verstand es, ihn in Unsicherheit darüber zu halten, wo er vorgehen wolle: ob ein Angriff auf die Provence oder ein Einfall in die Dauphiné oder in die Franche-Comté, beide von Truppen entblößt, erfolgen würde. Eugen operierte dann so schnell, daß Tessé erst klar sah, als der Gegner fast schon die Grenze überschritten hatte. Toulon war auf der Landseite nur schwach befestigt und ungenügend besetzt. Infolge von Verzögerungen auf dem Marsch und bei dem Angriff der Verbündeten jedoch gelang es, diesen Übelständen abzuhelfen. Der Gouverneur der Provence bot die Milizen auf und Tessé warf mit Eilmärschen Truppen in die Stadt; die Verbündeten waren nicht stark genug, dies durch völlige Einschließung zu verhindern. Die Verzögerungen werden dem Herzog von Savoyen zur Last gelegt.
Die Flotte trat in Finale an der Riviera Mitte Juni mit dem Heere Eugens und Savoyens in Verbindung. Kleinere Divisionen wurden bestimmt, Vorräte aus den genannten Häfen zu holen, die Flotte ging nach der Bucht vom Cap St. Hospice, um mit den die Küste entlang vorrückenden Truppen in steter Verbindung zu bleiben, ihnen mit Geschützen und Munition auszuhelfen. Zum tätigen Eingreifen kam sie nur am 11. Juli, als das Heer den Übergang über den Grenzfluß Var erzwingen mußte. Hier standen 3000 Mann Fußvolk und 500 Reiter der Franzosen, gestützt auf eine Schanze an der Mündung. 4 Fregatten beschossen diese Stellung und Anstalten zu einer Landung in großem Maßstabe wurden getroffen; es scheint aber nur zur Beschäftigung des Feindes damit gedroht zu sein, denn nur einige hundert Mann wurden wirklich an Land geworfen. Während dieser Zeit überschritten die Landtruppen ungehindert den Fluß weiter nördlich. Den Weitermarsch begleitete dann Admiral Byng mit 15 Schiffen, längs der Küste segelnd, der Rest der Flotte ging geradeswegs nach den Hyèren; am 29. Juli traf die Armee vor Toulon ein. Bei schnellerem Vormarsch und überraschend sowie tatkräftig durchgeführtem gewaltsamen Angriff wäre die Stadt wahrscheinlich gefallen; so aber kam es nur zu einer erfolglosen Belagerung Toulons.[270]
Toulon war gedeckt durch eine Reihe von Forts nahe bei der Stadtumwallung (etwa die jetzige zweite Verteidigungslinie): Vom Fuße des im Norden der Stadt liegenden Mt. Faron nach Osten bis zur Küste die Forts St. Artigues, St. Catherine und La Malgue, nach Westen St. Antoine und Malbousquet; zur Hinderung der Einfahrt an der Küste die Forts St. Louis am Eingang zur Innenrhede und St. Marguerite etwa 2 km östlich von La Malgue. Bei der so plötzlich auftretenden Gefahr hatte man die Kriegsschiffe zum großen Teil — einige Angaben sagen die Hälfte (gegen 20 Linienschiffe), nach andern muß man annehmen, fast alle (gegen 50) — versenkt, um sie dem feindlichen Feuer zu entziehen, aber auch um die Einfahrt in die Hafenanlagen zu sperren; die Besatzungen und auch Schiffsgeschütze wurden zur Verstärkung der Befestigungen herangezogen. Nur 2 oder 3 schwere Linienschiffe waren, mit altem Tauwerk gepanzert, als schwimmende Batterien so verankert, daß sie die Umgebung der Forts Malbousquet, La Malgue und St. Catherine bestrichen.
Prinz Eugen nahm schon am 29. Juli trotz kräftigen Widerstandes die Forts Artigues und St. Catherine. Er versuchte dann, nördlich um den Mt. Faron marschierend, auf die Westseite der Stadt zu gelangen, fand aber einen auf Hindernisse und Feldbefestigungen gestützten zu starken Widerstand. Der Herzog von Savoyen, scheinbar zu vorsichtig, schuf sich zunächst ein befestigtes Lager und bereitete, auf St. Catherine gestützt, den förmlichen Angriff auf La Malgue und die Küstenforts vor. Die Flotte, die gleichzeitig mit Eugens Angriff eine Überrumpelung der Küstenforts vergeblich versucht hatte, schiffte Geschütze mit Bedienungsmannschaften aus und hielt die Hafeneinfahrt blockiert. Erst am 12. August begann man ernstlich mit der Beschießung der Küstenforts, auch um der Flotte ein Näherkommen zu erleichtern. In der Zwischenzeit aber hatten die Franzosen die Befestigungen verstärkt und die Verteidigung organisiert. Tessé war mit 18 Bataillonen herangekommen, hatte die Westseite besetzt und Verstärkungen in die Stadt geworfen; die Milizen hielten die Verbindung nach Marseille offen. Schon am 15. machten die Belagerten in stürmischer Nacht einen großen Ausfall und warfen den Feind aus dem größten Teil seiner Angriffslinie. Die Belagerer sahen ein, daß sie nichts erreichen konnten, ja, daß sie sogar eine kräftige Offensive fürchten mußten, und beschlossen, die Belagerung abzubrechen. Um den Abzug zu decken und um doch etwas zu leisten, wurde ein Bombardement eingeleitet; es wurden in der Tat vom 17.–20. die Forts St. Louis und St. Marguerite außer Gefecht gesetzt. Am 21. gingen nun 5 Fregatten und 5 Mörserboote bis zur Höhe von St. Louis und beschossen Hafen und Stadt, man sah einige Schiffe sowie ein großes Magazin brennen; die Fahrzeuge mußten sich aber am 22. bei Tagesanbruch zurückziehen, weil eine neu errichtete Batterie sie unter wirksames Feuer nahm. Immerhin war die Armee während der Nacht ungehindert abgezogen und kam auch, ohne verfolgt zu werden, über den Var zurück. Die Flotte begleitete wieder diesen Rückmarsch.
Erwähnenswert ist, daß die Gardes-marines (die Seekadetten) sich bei der Verteidigung so ausgezeichnet haben, daß die Stadt Toulon ihnen von da an, bis 1786, freies Kasernement gab, oder ihnen, wenn sie auf Kosten des Königs untergebracht waren, für die Person und für den Monat 9 Francs zahlte.
So war nicht nur der große Plan, den Krieg durch Eindringen in die Provence zu beenden, fehlgeschlagen, sondern auch der Angriff auf Toulon unter großen Verlusten mißglückt. Dieser hatte nur den Erfolg, daß Villars' Vordringen in Deutschland gehemmt wurde, weil dieser einen Teil seiner Truppen nach der bedrohten Provinz senden mußte, und daß die französische Marine auch im Mittelmeer den Kampf ganz aufgab. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln war ein Teil der versenkten Schiffe (etwa 15?) unbrauchbar geworden. Frankreich stellte in den letzten Jahren des Krieges in Toulon nicht einmal kleinere Divisionen auf, wie es im Norden doch noch bis 1709 geschah.
Die Operationen der großen Flotte der Verbündeten waren für dieses Jahr zu Ende. Sie zweigte am Var 9 Schiffe ab, um Truppen von Genua nach Spanien zu bringen, und ging dann über Barcelona, Altea und Gibraltar in die Heimat.