Von 1706 an war das Geschwader gegen die Galeren nicht mehr nötig; 1710 war nur das Geschwader für die Ostindienconvois in Dienst gestellt und 1711–1712 wurden alle ausgerüsteten Schiffe zum unmittelbaren Convoidienst herangezogen.

Holland übernahm also in erster Linie den Handelsschutz östlich von Dünkirchen; hier kamen nicht nur sein Ostseehandel und seine Nordseefischerei in Betracht, sondern auch die transatlantische Schiffahrt wählte während des Krieges den Weg um Schottland. Die Tabelle zeigt, daß, als der französische Kreuzerkrieg um 1709 aufhörte, Holland, selbst erschöpft, ebenfalls nachließ. Aber auch die Freibeuterei war von Holland lebhaft betrieben und bald besonders gegen die feindlichen Kaper gerichtet. Wie in den letzten Jahren des vorigen Krieges setzte die Regierung 1702 hohe Preise für das Aufbringen solcher aus; die eigenen Kaper hielten sich sonst wegen des höheren Gewinns lieber an das Wegfangen von Kauffahrern, und es war doch wichtiger, den eigenen Handel zu schützen. Wie stets waren die Seeländer die Tätigsten als Freibeuter.

Die Prämien wurden berechnet nach der Besatzungsstärke und Armierung (Kopfzahl und Geschoßgewicht einer Chargierung) des genommenen Schiffes und waren höher für die in der Nordsee gemachten Prisen. Ein Schiff von 220 Mann und 40 Kanonen brachte in der Nordsee 42900 Gulden, in andern Gewässern zwei Drittel dieser Summe.

In Seeland bildeten sich wieder Gesellschaften, die Freibeuter ausrüsteten. Schon 1703 liefen von Middelburg und Vlissingen 47 Fahrzeuge (10–40 Kanonen) aus; 25 Kauffahrer, doppelt bemannt, durften neben dem Handel auch Kaperei treiben; viele Schiffe wurden eigens zu diesem Zwecke neu erbaut. Die Seeländer waren nach ihrer Gewohnheit nicht sehr wählerisch und nahmen auch Schiffe neutraler oder verbündeter Völker; die Generalstaaten verweigerten deshalb die Ausgabe weiterer Kaperbriefe, aber die Provinz setzte es doch durch, indem sie behauptete, die fraglichen Schiffe hätten unter dem Schutz ihrer Flagge mit Frankreich Handel getrieben. 1706 stellten Middelburg und Vlissingen 74 Segel (die größere Zahl mit über 26 Kanonen und hinauf bis zu 52) mit insgesamt 1760 Kanonen und 11750 Mann, diese Schiffe schwärmten bis in die fernsten Meere, besonders aber in der Nordsee. Auch in den anderen Provinzen rüsteten die Städte, sogar einzelne Dorfgemeinden, Fahrzeuge aus; bei dem stockenden Handel wurde die Freibeuterei eine Erwerbsquelle für die seemännische Bevölkerung.

Nach 1708 nahm die Jagd auf feindliche Kaper ab, weil diese seltener wurden und weil die für die Prämien ausgesetzten Mittel erschöpft waren; auch stieg jetzt der eigene Handel wieder; seine Stockung in den ersten Jahren hatte viele Schiffe und Seeleute in den Dienst der Freibeuterei getrieben.

England beteiligte sich an der Bewachung Dünkirchens und an der Sicherung der Nordsee, hat aber wohl in erster Linie den Schutz des Kanals und die Blockierung der französischen Küste durch eine größere Flotte, teils vereinigt, teils in Geschwader geteilt, übernommen; auch hier wurden natürlich die Convois durch Kriegsschiffe, hinauf bis zu selbst schwereren Linienschiffen, begleitet sowie einzelne Kreuzer entsandt. Englischen Geschwadern glückte es, größere französische Convois abzufangen, da diese ja in ihren Bereich kommen mußten.

Über die Stärke der englischen Seestreitkräfte in den nördlichen Gewässern liegen genaue Angaben nicht vor. Nach den Abmachungen über das Verhältnis der Rüstungen zur See müssen sie weit bedeutender als die holländischen gewesen sein. England beklagte sich später, und selbst nach holländischen Quellen nicht ganz ohne Berechtigung, daß Holland seiner Pflicht nicht nachgekommen sei; da dieses aber bei der Hauptflotte im Mittelmeer annähernd geschehen ist, muß der Unterschied in den heimischen Gewässern gelegen haben.

Nach allen Angaben muß man annehmen, daß England im Gegensatz zu Holland den kleinen Krieg gerade in den letzten Jahren, als die Flotte im Mittelmeer vermindert werden konnte, mit immer wachsender Tatkraft durchgeführt hat.

Einen Begriff von dem Umfang des kleinen Krieges geben die ungeheuren Verluste auf beiden Seiten: England hat gegen 50, Frankreich gegen 100 Kriegsschiffe sowie zahlreiche Kaper in Gefechten[274] verloren. Über Holland fehlen nähere Angaben.

Nach den früher gemachten Angaben (Seite [557]) kann man mit einiger Sicherheit annehmen, daß England 17 Linienschiffe im kleinen Kriege verloren hat. Der Verlust der dort angeführten 7 schwereren (über 60 Kanonen) ist durch die Schilderungen größerer Gefechte im Kreuzerkriege festgestellt worden; die 10 50-Kanonenschiffe und die 31 Fregatten usw. werden auch zum größten Teile als Convoischiffe und als Kreuzer gefallen sein — wir hörten ja von keinen bemerkenswerten Verlusten bei der Hauptflotte. Einige der als verunglückt angeführten Schiffe sind gleichfalls wohl Opfer des seemännisch gefährlichen Blockadedienstes geworden.