Chef d'Escadre du Casse führte 1701, 1702, 1708, 1711 mit großem Geschick die spanische Silberflotte nach Europa und leistete damit Spanien und Frankreich ungemein wichtige Dienste. Ihm war fast fortlaufend der Schutz der Kolonien und des Handels in Westindien anvertraut.

Kapitän Cassard führte, wie schon erwähnt, in den Jahren 1709–1711 drei große Getreidezufuhren nach Toulon; zweimal schlug er dabei überlegene Kräfte ab. 1712 lief er, wie auch schon angedeutet, mit 6 Linienschiffen und 2 Fregatten von Toulon aus; er brandschatzte eine der Kapverden (St. Jago) sowie verschiedene westindische Besitzungen Englands und Hollands.

Die Zusammenstöße in den Kolonien[276] beschränkten sich auch im Spanischen Erbfolgekriege auf Handelsstörung und Brandschatzung der Ansiedlungen. Die Verbündeten würden wohl mehr unternommen haben, wenn sie nicht von 1703 ab mit ihrer Hauptkraft an den spanischen Landkrieg gebunden gewesen wären (vergl. Seite [490]). Wie im vorigen Kriege trat vorzugsweise England jenseits des Ozeans offensiv auf, Holland entsandte keine nennenswerten Streitkräfte; Frankreich übernahm auch für das schwache Spanien den Schutz des Handels und der Kolonien. Die Hauptereignisse, für die nur Westindien und Nordamerika in Betracht kommen, seien kurz angeführt.

Bei Beginn des Krieges hatte es den Anschein, als ob Westindien ein Schauplatz von größerer Bedeutung werden solle. Wir hörten (Seite [508]), daß Frankreich schon 1701 eine schwache Division (Coëtlogon) entsandte, um Truppen hinüberzubringen und die Galeonen abzuholen, England ein stärkeres Geschwader (Benbow; 10 Linienschiffe), um mit Ausbruch des Krieges sofort die Silberflotte und Cartagena anzugreifen, und daß nun wieder Frankreich 10 Schiffe (Château-Renault) hinterher schickte; Benbow erhielt im Mai 1702 noch eine Verstärkung unter Admiral Whetstone. Bei Ausbruch des Krieges waren mithin ziemlich starke Streitkräfte beider Parteien in Westindien.

Benbow hielt sich vor Beginn des Krieges schlagfertig bei Jamaica, möglichst unterrichtet über die Stärke der Franzosen sowie ihrer und der Silberflotte Bewegungen; er mußte aber auch den Schutz der Kolonien im Auge behalten, weil der Gegner überlegen war. Coëtlogon verließ bekanntlich schon im Winter und Château-Renault im Frühjahr 1702 mit den Galeonen (in Vigo dann vernichtet) unbehindert Westindien. Benbows Vorsicht war berechtigt gewesen. Renault hat die Absicht gehabt, die Antillen anzugreifen, erhielt aber den Befehl, die Silberflotte zu begleiten. Whetstone hat wahrscheinlich an Benbow den Auftrag überbracht, die Feindseligkeiten zu eröffnen, jedenfalls die Nachricht, daß ein neues französisches Geschwader nahe; es war du Casse mit 4 Linienschiffen und 8 Transportern, eine Truppensendung für spanische Kolonien. Benbow sandte nun einige leichtere Schiffe in die kubanischen Gewässer zum Kreuzen gegen Kauffahrer, stationierte Whetstone mit 6 Linienschiffen an die Südküste Haitis, um du Casse abzufangen, und ging selber mit 7 Linienschiffen zu gleichem Zweck einige Tage später (21. Juli von Jamaica) an die Westküste dieser Insel. Hier hörte er, daß du Casse nach Cartagena bestimmt sei, folgte und traf ihn am 29. August bei St. Marta (östlich von der Mündung des Magdalenenstromes). Du Casse bildete die Gefechtslinie zwischen seinem Transport und dem überlegenen Gegner und schlug den Angriff in einem mehrtägigen Gefechte glänzend ab. Das Gefecht ist bemerkenswert: Die Franzosen sehen in ihm einen weiteren Beweis (neben den vielen Erfolgen im Kreuzerkriege) dafür, daß sie in allen Aktionen zwischen Einzelschiffen oder Divisionen den Sieg davon getragen hätten; die Engländer bezeichnen dieses Ereignis als eins der peinlichsten ihrer Marinegeschichte.

Das Gefecht zwischen Benbow und du Casse vor Cartagena. Schiffe mit Angabe der Kanonenanzahl und Gefechtsordnung:

Defiance 64 Heureux 68 (du Casse)
Pendennis 48 Agréable 50
Windsor 60 Phénix 60
Breda 70 (Benbow) Apollon 50
Greenwich 54 Prince de Frise 30
Ruby 48 1 Brander
Falmouth 48 3 kleine Fahrzeuge.

Du Casse lag unter Marssegeln nach Westen, den Angriff erwartend, Benbow stand zu Luward. Schon das Bilden der Gefechtslinie machte diesem Schwierigkeit, da „Defiance“ und „Windsor“ dem Signale nicht folgten und der Befehl durch Boote wiederholt werden mußte. Gegen Abend greift Benbow an, aber nach dem Wechseln einiger Breitseiten verlassen die genannten Schiffe mittels Anluvens die Linie und das Gefecht wird abgebrochen. Nachts nimmt Benbow die Spitze und diese Schiffe als unmittelbare Hinterleute, bei Tagesanbruch ist jedoch nur „Ruby“ bei ihm, die übrigen sind und bleiben den Tag über (30. August) weit zurück; trotzdem hält sich Benbow am Feinde, die Bug- und Heckgeschütze der Gegner feuern. Am 31. vormittags kommen „Breda“ und „Ruby“ zum Nahgefecht; „Ruby“ wird in der Takelage so beschädigt, daß der Admiral beidrehen und sie mit Booten aus dem Gefecht tauen muß. [564]„Defiance“ und „Windsor“ waren zwar auch in Schußweite, feuerten aber nicht. Auch am Nachmittage fällt die ganze Last auf „Breda“, die übrigen Schiffe schießen nur gelegentlich. Tag und Nacht weht das Signal „Gefechtslinie“, trotzdem ist am 1. September außer „Ruby“ kein Schiff auf Position, „Greenwich“ sogar 9 Seemeilen achteraus. Infolge einer Windänderung haben die Franzosen nachmittags die Luvstellung, aber Benbow greift doch ihr Schlußschiff an; „Prince de Frise“ muß schwer beschädigt während der Nacht aus dem Geschwaderverbande entlassen werden. Am 2. steht Benbow wieder zu Luward; er kommt wegen zu flauen Windes nicht an den Feind, nimmt aber eins der kleinen Fahrzeuge. Am 3. greifen „Breda“ und „Falmouth“ den „Apollon“ an; dem Admiral wird ein Bein zerschmettert, doch bleibt er in einer Hängematte an Deck. „Apollon“ wird kampfunfähig, und von beiden Seiten kommen sämtliche Schiffe heran. Aber während die Engländer nur einmal in Lee passieren, und eine Breitseite abgeben, decken die Franzosen ihren Kameraden und tauen ihn in Sicherheit, nachdem sie „Breda“ zum Abstehen gezwungen haben. Als nun Benbow seine Kommandanten an Bord gerufen hat, dringt der Kapitän der „Defiance“, von den andern unterstützt, auf Abbruch des Kampfes; der Admiral mußte nach Jamaica zurückgehen, wo er seiner Wunde erlag. Du Casse schrieb ihm vor der Trennung: „Gestern morgen glaubte ich, in Ihrer Kajüte zu Abend essen zu müssen. Ihre Kommandanten, diese Feiglinge, hängen Sie auf. Sie haben es, bei Gott, verdient.“ Die Kapitäne der „Defiance“ und „Greenwich“ wurden auch erschossen, zwei starben während der Untersuchung, die der „Windsor“ und „Falmouth“ wurden begnadigt; nur der der „Ruby“ war nicht angeklagt worden.

Du Casse brachte seine Truppen nach Cartagena und führte dann einige Galeonen nach Europa, obgleich er bei Ouessant nochmals (März 1703) auf eine englische Division stieß.

In den Jahren 1702/03 fanden einzelne gegenseitige Überfälle statt. Die Franzosen versuchten 1702, mit einigen Freibeutern, wahrscheinlich in Sold genommenen Flibustiern, von Haiti aus in Jamaica einzufallen; die Expedition wurde durch Whetstone, der beim Kreuzen gegen Kauffahrer zufällig auf sie stieß, vernichtet. Als eine englische Verstärkung auf der Station eintraf, die von dem Mittelmeer abgezweigten 6 Linienschiffe und 12 Transporter mit Truppen unter Walker (vgl. Seite [515]), griff man Guadeloupe an. Es gelang, die Besatzung in die Berge zu vertreiben, die Stadt Basseterre mit ihren Befestigungen zu zerstören und die Insel zu plündern. Die Truppen litten aber sehr in dem Kampfe und auch durch Krankheit und wurden wieder eingeschifft, als eine Verstärkung von Martinique anlangte. Zwischen den englischen Land- und Seeoffizieren soll Uneinigkeit geherrscht haben; dies mag zutreffen, denn weshalb haben sonst die Schiffe den Nachschub nicht gehindert, da sich nennenswerte französische Seestreitkräfte nicht in den Gewässern befanden?