Bald darauf wurden auch die englischen Kräfte in Westindien vermindert, und bis 1705 unternahm keine Partei etwas gegen Ansiedlungen. In diesem Jahre brandschatzten die Franzosen von Haiti aus St. Kitts und Nevis; ein größeres englisches Geschwader erschien und versuchte vergeblich, durch eine Demonstration Cartagena für die Sache Karls III. zu gewinnen. In den Jahren 1706/07 scheint der englische Handel sehr gelitten zu haben, denn der Chef der Station wurde auf Drängen des Unterhauses abberufen und nicht wieder verwendet. Von 1708 an haben die Engländer die westindischen Gewässer im allgemeinen beherrscht. Sie konnten aber doch nicht hindern, daß du Casse zweimal (1708 und 1710) die Galeonen abholte (1708 fielen einige dem Admiral Walker in die Hände), daß 1711 von Martinique aus Montserrat und 1712 durch Cassard, auf seinem Freibeuterzuge, wiederum Montserrat, St. Kitts und das holländische Surinam geplündert wurden. Die Überlieferungen über die Verhältnisse in Westindien während dieser Jahre, auch über die Stärke der Seestreitkräfte dort, werden selbst in englischen Quellen als ungenügend und unzuverlässig bezeichnet.
In Nordamerika wurde der Krieg fast nur mit Milizen und Fahrzeugen der Kolonien ausgefochten; reguläre Truppen und Seestreitkräfte waren auf beiden Seiten schwach vertreten, erstere auf englischer Seite bis 1710 gar nicht. Die englischen Niederlassungen waren zwar weit stärker bevölkert, aber die Franzosen verwandten mit Erfolg große Indianerhorden, die schreckliche Verwüstungszüge unternahmen. 1704 und 1707 versuchten die Engländer von Boston aus über See mit Schiffen der Kolonie, Port Royal (jetzt Anapolis) in Akadia (Neu Schottland) zu nehmen, die Franzosen schlugen alle Angriffe ab, ja sie bemächtigten sich nach und nach fast des ganzen Neufundlands und vernichteten durch Flibustier nahezu Handel und Fischerei des Gegners. Lange baten die erschöpften englischen Kolonien ihr Mutterland vergeblich, genügend Schiffe zu senden, um sich durch einen kräftigen Vorstoß gegen Kanada und Akadia Luft zu verschaffen. Endlich erschien im Juli 1710 ein Geschwader unter Kapitän Martin und mit seiner Hilfe wurde im Herbst Port Royal genommen, doch blieb Akadia sonst in französischem Besitz. Als dann 1711 Admiral Walker mit 11 Linienschiffen, 4 kleineren Fahrzeugen, 30 Transportern und 5300 Soldaten in Boston ankam, hoffte man auf einen endgültigen großen Erfolg: Man wollte Quebec durch die englische Macht von See her und durch 4500 Mann vom Lande aus angreifen. Das Unternehmen unterblieb aber, weil das Vorgehen der Flotte kläglich scheiterte.
Walker verließ Anfang August Boston. Seine zwei 80-Kanonenschiffe legte er vor den Eingang zum St. Lorenz-Golf, weil er sie für zu tiefgehend hielt und weil man von der bevorstehenden Ankunft zweier französischer Kriegsschiffe gehört hatte. Die Flotte segelte in den Golf ein, war aber am Abend des 31. August auf der Höhe der Insel Anticosti gezwungen, wegen Nebels bei starkem Ostwinde beizudrehen; der Admiral ging zu Bett, obgleich die Lotsen schon Beweise ihrer mangelhaften Kenntnisse gegeben hatten. Um 10 Uhr abends glaubte man, über Steuerbord-Bug liegend, Land voraus zu haben, und wendete. Ein Landoffizier sah jetzt Brandung voraus; er drang, als man seiner Wahrnehmung nicht traute, in die Kajüte und holte den Admiral (even in his dressing gown and slippers) an Deck. Tatsächlich hatte man Land dicht voraus und nur durch großes seemännisches Geschick entzogen sich die Schiffe der gefährlichen Lage, aber doch gingen 8 Transporter mit zwei Drittel ihrer Mannschaften (gegen 900 Mann) verloren. Der Unfall wirkte so niederdrückend, daß nicht nur der Angriff auf Quebec, sondern auch ein nach diesem geplanter auf Placentia (Neufundland) aufgegeben wurde. Allerdings war die Flotte auch nur noch mit Proviant auf einige Wochen versehen; sie ging nach England zurück.
Trotzdem wurden im Frieden von Utrecht Neufundland und Akadia von Frankreich an England abgetreten.
In anderen Kolonien waren nur der Zug Trouins gegen Rio und der Cassards gegen die Capverden von Bedeutung.
Schlußbetrachtungen. In Hinsicht auf die Streitmittel sind nur zwei Punkte noch einmal zu berühren. Colomb führt in seinen Betrachtungen „The conditions under which attacks on territory from the sea succeed or fail“ die Ereignisse dieses Krieges als Beispiele der Notwendigkeit einer unbedingten augenblicklichen Seeherrschaft für derartige Angriffe an, er weist gleichfalls auf die Wichtigkeit einer dauernden für erfolgreichen Schutz des Handels hin. Den Grund, daß im Spanischen Erbfolgekriege die zur See stärkere Partei in beiden Hinsichten ihren Zweck nicht völlig erreicht habe, sieht er darin, daß strikte Blockaden nie durchgeführt, nicht einmal versucht sind; er sagt: „The practice, perhaps even the idea, of barring the enemy in his ports, and so preserving a free sea in rear, is not yet developed.“ Dies ist wohl richtig; man dachte noch nicht daran und war auch nicht imstande dazu. Wie zu Lande, so wurde auch zur See der Krieg im Winter abgebrochen; es kam hinzu, daß man den Schiffen noch nicht genügend traute, und es handelte sich ja auch um stürmische Gewässer: Kanal, Biscaya, Golf von Lyon; aus dem Mittelmeer zog man sogar die Schiffe so früh zurück, daß sie vor Einsetzen der schlechten Jahreszeit in den Kanal einlaufen konnten. So wurde also im Winter die Behauptung der See aufgegeben. Aber auch im Sommer war man häufig dazu genötigt, sehr oft wurden Operationen (auf seiten beider Gegner) infolge schlechter oder ungenügender Ausrüstung der Schiffe, oder Krankheit an Bord, abgebrochen. Bei den auswärtigen Gewässern, Mittelmeer, Westindien und Nordamerika, machte sich in dieser Hinsicht der Mangel an Stützpunkten fühlbar; den Verbündeten standen zwar die portugiesischen Häfen sowie später Gibraltar zur Verfügung, aber diese Plätze lagen zu entfernt vom Wirkungsfelde der Flotte und es fehlte ihnen an leistungsfähigen Werften usw.; sie waren deshalb nicht einmal zum Überwintern größerer Flotten geeignet. Unter solchen Umständen waren scharfe Blockaden ausgeschlossen.
Es ist jetzt schwer zu beurteilen, inwieweit die Besorgnis vor ungenügender Seefähigkeit der Schiffe berechtigt war oder nur alter Anschauung entsprang, und inwieweit die sonstigen Mängel des Materials in den allgemeinen Verhältnissen jener Zeit lagen oder Schuld der Verwaltungen waren. Klagen in Quellen über alle drei Marinen lassen mehr auf schlechte Verwaltung schließen; in Frankreich und Holland gingen die Marinen abwärts, aber auch in England war nicht alles, wie es sein sollte.
Ein zweiter bemerkenswerter Punkt ist das Verhältnis der englischen und holländischen Marine zueinander. Schon im vorigen Kriege klagten die holländischen Seeoffiziere über das hochmütige und rücksichtslose Auftreten der englischen, selbst in dienstlichen Angelegenheiten. Diese Klagen nahmen nach dem Tode Wilhelms III. noch zu: Im Kriegsrat würde nichts auf ihre Ansicht gegeben (Almonde 1703), von wichtigen Vorhaben würde ihnen keine Mitteilung gemacht u. dgl.; sehr zum Nachteil der allgemeinen Sache. Dies ist wieder ein Faktor der Schwäche von Bündnissen, von der wir früher (Seite [356]) gesprochen haben. Der Grund lag darin, daß England die holländische Marine nicht mehr als gleichwertig ansah. Damit kommen wir auf die von England erhobene Klage, Holland habe seine Verpflichtungen nicht erfüllt, es habe es in den ersten sieben Jahren an der Hälfte, später sogar an zwei Dritteln der zugesicherten Schiffe fehlen lassen. Mit diesem Umstand begründete England bei den Friedensverhandlungen seinen Anspruch auf Einheimsung fast aller maritimen Vorteile. Diese Klage scheint bislang überall, außer wohl in Holland, als berechtigt angenommen zu sein, wenigstens wird nicht näher auf eine Prüfung eingegangen. Unparteiisch betrachtet, glaube ich, stellt sich die Sache so, daß Holland allerdings hinter den Abmachungen zurückgeblieben ist, jedoch nicht in dem von England behaupteten Umfange.
Im Februar 1712 klagte das Haus der Gemeinen in einer Adresse an den Thron: „Während des ganzen Krieges mußten jährlich große Flotten ausgerüstet werden, um die Herrschaft im Mittelmeer aufrecht zu erhalten und um jeder Streitmacht, die der Gegner in den nördlichen Gewässern aufzustellen beabsichtigte, entgegentreten zu können. Holland ist stets im Rückstande geblieben, so daß Ew. Majestät genötigt waren, diesen Ausfall zu decken; unsere Schiffe mußten zum großen Schaden des Materials zu ungünstigen Jahreszeiten in entfernten Gewässern verweilen. Dies führte ferner zur Beschränkung des Convoischutzes; es war nicht möglich, dem Feinde den Verkehr mit Westindien zu unterbinden, von wo ihm die starke Zufuhr an Silber ermöglicht wurde, ohne die er die Lasten des Krieges nicht hätte tragen können.“ Der Eingabe war eine Tabelle über die von Holland „zu stellenden“ und „gestellten“ Schiffe beigefügt. Die Generalstaaten erhoben hiergegen Widerspruch und führten ganz andere Zahlen auf. Stellen wir nun die Angaben gegenüber; es handelt sich nur um Linienschiffe.