Im Jahre 1702 wurde keine größere Flotte zusammengezogen, obgleich in Brest und Toulon stark gerüstet war. Nichts geschah, als die Verbündeten gegen Cadiz vorgingen und später die Silberflotte in Vigo vernichteten. Die Folge dieser Untätigkeit war der Beitritt Portugals zu den Gegnern. Nur ein Geschwader von Brest (du Casse) segelte nach Westindien; und eine Flottille von Toulon (Forbin) bedrohte in der Adria die rückwärtigen Verbindungen der Österreicher in Italien. Auch 1703 verlief tatenlos. Man hatte beabsichtigt, Portugal zu züchtigen, gab aber die Rüstung hierzu auf, als man mit Erscheinen einer feindlichen Flotte rechnen mußte. So war eine verhältnismäßig schwache Kraft der Verbündeten (Shovel) Herrin im Mittelmeer, und ihr Auftreten trug zu Savoyens Abfall von Frankreich bei.

Als mit der Aufnahme des Krieges in Spanien seitens der Seemächte die Herrschaft im Mittelmeer 1704 noch weit wichtiger wurde, machte man endlich größere Anstrengungen. Es gelang, die Schiffe von Brest nach Toulon zu führen und hier eine große Flotte (Graf von Toulouse) zu vereinigen. Sie war aber zu spät bereit, um die Einnahme Gibraltars zu hindern, und ging nach der unentschiedenen Schlacht bei Malaga auf Toulon zurück; ein zurückgelassener Teil (de Pointis) wurde bei dem Versuche, Gibraltar wieder zu nehmen, vernichtet. 1705 fand trotz der Rüstungen im Norden und Süden keine Vereinigung statt, und von Toulon aus wurde kein Versuch gemacht, die allerdings überlegene feindliche Flotte in ihren erfolgreichen Unternehmungen an der spanischen Küste zu hindern. 1706 erschien Graf Toulouse vor Barcelona, zog sich aber beim Nahen des Feindes zurück,[570] und als 1707 Toulon angegriffen wurde, rechnete man gar nicht mit der Flotte, sondern versenkte die Schiffe zu ihrem eigenen Schutze.

In den letzten Jahren des Krieges wurden keine Kräfte für den großen Krieg mehr aufgestellt, der Kampf um die Seeherrschaft war aufgegeben worden.

Diese schwächliche Kriegführung ist nur mit dem Verfall der Marine, mit dem dadurch stets weiter wachsenden Mangel an Zutrauen zu dieser Waffe und mit dem Fehlen des Verständnisses für Art und Wichtigkeit der Kriegführung zur See zu erklären. Man pflegte die Marine nicht mehr, man verwandte sie auch falsch. Denn wenn auch die eingerissene Mißwirtschaft und der Geldmangel die Rüstungen lähmten, so hätte doch mehr geleistet werden können.

So sagt Bonfils z. B. von dem Jahre 1702: „Der schwere Verlust, den Frankreich und Spanien durch die Vernichtung der Silberflotte mit ihrer Bedeckung erlitten, war eine Folge davon, daß man die vorhandenen Kräfte nicht zu einer Flotte zusammenzog. Untätig lagen die Geschwader in den verschiedenen Häfen und verursachten doch die gleichen Kosten.“ Dies bleibt für die ganze erste Hälfte des Krieges zutreffend. Am unverständlichsten ist das Verhalten der Flotte 1704. Bei Malaga waren die Franzosen dem Gegner gewachsen, die Verhältnisse lagen nach der unentschiedenen Schlacht für sie günstiger als für die Verbündeten; schwächlich brachen sie den Feldzug des Jahres ab. Hatten sie mehr gelitten, als man weiß? Glaubten sie mit „dem Verjagen des Feindes aus dem Mittelmeer (?)“ (wie sie sich rühmten) ihre Pflicht getan zu haben? Waren dem Grafen Toulouse die Hände gebunden, um nicht zu viel aufs Spiel zu setzen, oder gar aus Gründen der Eifersucht und aus bösem Willen Pontchartrins ihm gegenüber?

Die Kriegführung der Verbündeten. Wie schon angedeutet, waren die Verbündeten auf eine Offensive im Mittelmeer hingewiesen; im vorigen Kriege hatten die Vorstöße gegen die französischen Küsten nicht einmal ein Abziehen bemerkenswerter Streitkräfte von den Kriegsschauplätzen an den Grenzen erzielt. Im Norden konnte man sich darauf beschränken, den eigenen Handel zu schützen, Frankreich von der See abzuschließen und seine Streitkräfte in Häfen festzuhalten. Im Süden war es möglich, in den Landkrieg in Norditalien einzugreifen, Süditalien für den Kaiser zu erobern, Frankreich auch hier abzuschließen und somit ganz zu vereinzeln, sowie endlich den spanischen Handel mit Westindien und Südamerika zu bedrohen.

Wilhelm III. und nach ihm Marlborough sowie Heinsius strebten deshalb von Anfang an dahin, die Haupttätigkeit der Flotte nach dem Süden zu legen und vor allem zur leichteren Lösung der Aufgaben Stützpunkte an der Straße und im Mittelmeer selber zu gewinnen; England hatte wohl sicher die Absicht, diese dauernd zu behalten. Marlboroughs Partei und Heinsius fanden aber in ihren Ländern wenig Verständnis für ihre Pläne und starken Widerstand bei deren Durchführung. In den Niederlanden war keine Neigung zu einem Kriege in fernen Gewässern, man wollte lieber die Streitkräfte zum Schutz des Handels und der Küsten in der Nähe behalten, man glaubte auch, daß dies von günstigem Einfluß auf den Landkrieg an den Grenzen sein würde; in England huldigte eine starke Partei, darunter hohe Seeoffiziere wie Rooke und Shovel, der alten Defensivstrategie und scheute sich, die schweren Schiffe länger im Jahre im Süden zu belassen, als gelegentliche Offensivstöße erforderten. Die Folge dieses, oft nur passiven Widerstandes (z. B. von seiten Rookes) war, daß in den ersten Jahren die Operationen meistens verzögert — mangelhafte Zustände in den Marinen traten hinzu — und dann ohne die nötige Tatkraft durchgeführt wurden. Sie hätten auch mit größeren Kräften unternommen werden müssen und unternommen werden können, aber stets nur die Hälfte der Seestreitkräfte wurde darangesetzt. Den Rest hielt man für die Aufgaben im Norden zurück, ohne diese ganz zu lösen; hierzu hätten auch geringere Kräfte genügt, ein mächtigeres Auftreten im Mittelmeer wäre aber für den Verlauf des Krieges sicher von größerem Einfluß gewesen.

1701 wurde schon im April eine starke Flotte (Rooke) aufgestellt; sie sollte nach Spanien gehen, um einen Druck auf die noch schwebenden Verhandlungen auszuüben, oder bei Ausbruch des Krieges sofort Cadiz anzugreifen. Erst im August ging sie in See und nur zur Beobachtung von Brest; sie kam zu spät, um Château-Renaults Abgang nach Westindien zu hindern, und zweigte ein Geschwader (Benbow) zur Verstärkung dieser Station ab.

1702 lief im Mai ein kleines Geschwader aus, um die nach Westindien bestimmte Division du Casse abzufangen; dies mißlang infolge der Unentschlossenheit des Führers (Munden). Die für den Süden bestimmte große Flotte war erst im Juni seeklar (Rooke; Landungstruppen unter Ormond, auch ein Gegner Marlboroughs). Sie sollte einen spanischen Hafen nehmen und als Stützpunkt festhalten. Später trat der Befehl hinzu, der erwarteten Silberflotte (Château-Renault) die spanischen Küsten zu sperren; der Flotte im Kanal (Shovel) war der gleiche Auftrag hinsichtlich der französischen Küsten gegeben. Ende August wurde Cadiz angegriffen, wegen Lauheit und Uneinigkeit der Führer ohne Erfolg. Zu weiteren Unternehmungen war Rooke nicht zu bewegen, und auch nur zögernd benutzte er auf der Rückreise die günstige Gelegenheit, die Silberflotte in Vigo anzugreifen. Er hatte nun allerdings ungeheuern Erfolg und gewann durch diesen noch Portugal mit seinen Häfen für die Seemächte, aber er ging weder auf den Vorschlag des Prinzen von Hessen ein, in Vigo einen Stützpunkt zu schaffen und einen Teil der Flotte zu belassen, noch auf den des Gesandten Methuen, die schweren Schiffe in Lissabon zu überwintern, obgleich er in beiden Fällen den Absichten seiner Regierung entsprochen hätte.

1703 sollte Süditalien für den Kaiser erobert werden. Der Plan wurde aufgegeben, weil die Schiffe im Vorjahre zu spät heimgekommen waren und weil Österreich keine Truppen stellen konnte. Die Hauptflotte blieb tatenlos im Kanal, nur eine kleinere (Shovel) ging erst spät im Sommer ins Mittelmeer mit recht allgemein gehaltenen Befehlen. Diese unternahm denn auch nichts von Bedeutung, ihr einziger Erfolg war, daß Savoyen den Verbündeten beitrat.