Die russische Marine wurde erst von Peter dem Großen (1689–1725) gegründet. Von der Ostsee, nach der es stets gestrebt, seit 1617 wieder vertrieben, stand Rußland nur durch Archangel mit Europa zur See in Verbindung, doch lag der Seehandel hier in fremden Händen. Frühere Versuche, eine russische Schiffahrt zu gründen, waren fehlgeschlagen, ebenso das Bestreben, auf friedlichem Wege von Kurland einen Hafen an der Ostsee zu erhalten. Peter betätigte nun von frühester Jugend an sein Interesse für die Schiffahrt, zunächst richtete er sein Augenmerk neben dem Weißen Meer auf das Schwarze. 1695 gründete er in Woronesch am Don, in der Nachbarschaft ungeheuerer Eichenwaldungen, eine Bauwerft für seetüchtige Fahrzeuge; 1696 baute er in dem von den Türken eroberten Asow Hafenanlagen und Magazine, um die Schiffe hier auszurüsten und zu stationieren. Er plante eine Flotte von 60 Linienschiffen für das Schwarze Meer. Der Ausbruch des Krieges im Norden 1700 zwang ihn aber, diese Unternehmung ruhen zu lassen, auch ging 1711 Asow wieder verloren.
Bald nach Beginn des Krieges faßte er jedoch an der Newa Fuß, gründete 1703 St. Petersburg und ging, um von hier aus weiter an der Küste vorzudringen, an die Schaffung einer Ostseeflotte. Anfangs zwar wurde nur wenig Tatkraft entwickelt; noch hielt Peter wohl seine Stellung hier nicht für sicher genug, um kostspielige Aufwendungen zu machen, aber nach der Niederlage Karls XII. bei Pultawa (1709) nahm er den Ausbau der Marine ernstlich in Angriff. In St. Petersburg wurde eine große Bauwerft geschaffen; Kronstadt auf der Insel Kotlin, mächtig befestigt und noch gesichert durch die gewaltige Bastion von Kronslot quer vor der Einfahrt, wurde der Ausrüstungs- und Hauptkriegshafen; bald (1713) trat Reval als zweiter Stützpunkt hinzu. Die Zahl der Schiffe wuchs schnell. Während 1710 nur 2 Schiffe zu 50 Kanonen und 5 zu 14–32 vorhanden waren, erscheinen:
| Schiffe zu | 90 | 80 | 70 | 60–64 | 50–54 | 48–36 | 14–32 | K. | |
| 1714 | bei Reval vereint | — | — | 1 | 2 | 10 | 10 | ||
| 1718 | in Tätigkeit | — | — | 4 | 7 | 9 | — | 7 | |
| 1721 | seefähig | 4 | 1 | 4 | 8 | 7 | 5 | eine große Anzahl | |
| 1722 | „ | 6 | 1 | 5 | 8 | 6 | 6 | ||
Anfangs wurden die Schiffe aus dem Auslande bezogen, bald aber auch in Rußland gebaut und zuletzt ausschließlich; von 1710–1724 kamen auf 30 gekaufte 41 gebaute. Ein englischer Seeoffizier, zu dieser Zeit in russischen Diensten, lobt Bau und Ausrüstung der Schiffe, für die nur Erzeugnisse des eigenen Landes verwendet wurden. Rußland besaß alles nötige Rohmaterial, nur der Transport aus dem Innern war schwierig und kostspielig. Die Kosten wurden noch ungemein erhöht, weil geschulte Kräfte aus dem Auslande zur Bearbeitung des Rohmaterials herangezogen werden mußten, wie denn auch Ausländer, besonders Engländer und Holländer, die Hafen-, Werft- und Schiffsbauten leiteten.
Noch vor dieser Hochseeflotte schuf Peter eine Galerenflotte für die Eroberung Finnlands. Die flachgehenden Ruderschiffe konnten sich über alle Untiefen zwischen dem Gewirr von Klippen und Inseln der Schärenküste durchwinden, wo ihnen kein Kriegsschiff zu folgen vermochte; über schmale Landzungen konnten diese leicht aus Fichtenholz gebauten Fahrzeuge hinweggetragen werden; nach dem offenen Meere zu wurden sie durch die mitsegelnde Hochseeflotte gedeckt. Der Galerenflotte mehr als der Hochseeflotte sind die Erfolge im Kriege, nämlich die Eroberung Finnlands usw. und die Angriffe in Schweden, zuzuschreiben.
Schwieriger als die Beschaffung des Materials war die des Personals, das russische Volk stand der See völlig fremd und abgeneigt gegenüber. Es war nötig, viele Ausländer anzuwerben, doch gelang es bald, die Schiffe wenigstens überwiegend mit Eingeborenen zu bemannen. Den Ersatz nahm man zunächst aus den Gebieten an der Küste, an den großen Seen und Flüssen. Bevorzugt wurden sonst, weil bildungsfähiger, Minderjährige, Matrosen- und Soldatenkinder, sowie junge Tataren ihrer Behendigkeit halber. Sogenannte Navigatorenschulen wurden gegründet, deren Zöglinge man nach der Entlassung zur weiteren Ausbildung auf Kauffahrteischiffe schickte. Ganze Regimenter Landsoldaten wurden zu Seesoldaten befohlen; die Bemannung der Schiffe war um 1/5–¼ stärker als die englischer von gleichem Range.
Das Offizierkorps war noch viel stärker mit Fremden durchsetzt. 1715 waren fast sämtliche Offiziere Ausländer und nur einige in fremdem Dienst herangebildete Russen. Noch 1724 zeigt eine Liste der höheren Offiziere unter 82 Namen nur 19 Russen gegen 23 Engländer, 17 Dänen, 13 Holländer und 5 Deutsche, doch schritt auch hier die Russifizierung fort. Zur artilleristischen Ausbildung wurde eine große Anzahl Russen nach Berlin kommandiert, sie bildeten dann ein eigenes Korps der Bombardiere und wurden nach Bedarf an Bord verwendet. Auch eine Seeakademie wurde gegründet, sie zählte 1716 300 junge Edelleute als Schüler. Das Seeoffizierkorps war, wie die Marine überhaupt, besser besoldet als das der Armee. Die Galerenflotte hatte ein eigenes Offizierkorps, es war stark mit Südländern vermischt und wurde vom Seeoffizierkorps als minderwertig angesehen. Fremdartigkeit in Sprache und Sitten seiner Angehörigen, unter denen halbbarbarische Elemente vertreten waren, mag dazu beigetragen haben, aber auch die Roheit und Grausamkeit, die sie im schwedischen Feldzuge gezeigt haben.
Peter der Große hatte sich die Aufgabe gestellt, eine Flotte von 40 jederzeit kampfbereiten Linienschiffen zu schaffen, mit der er der dänischen und der schwedischen Flotte, die nur kurze Zeit im letzten Kriege je über 30 besaßen, überlegen gewesen wäre. Er hat dieses Ziel zwar nicht erreicht — bei seinem Tode zählte die Marine 27 Linienschiffe, von denen 3 unbrauchbar und 9 gebrechlich waren, sowie 6 Neubauten —, aber er stand doch den geschwächten Nebenbuhlern gleich. Nach Beendigung des Krieges wurde durch Friedensübungen, im einzelnen und in Geschwadern, die Schlagfertigkeit der Flotte weiter gepflegt. Freilich sagt der schon angezogene englische Seeoffizier von seinen russischen Kameraden: „Fremde tuen gut, ihnen aus dem Wege zu gehen. Bei gutem Wetter kennt ihre Überhebung keine Grenzen, wenn sie aber bei schlechtem Wetter Dienst tun sollen, stellen sie sich krank. In der Stunde der Gefahr versagt ihnen Mut und Tatkraft.“ Wie weit dies Urteil zutreffend war oder auf Abneigung beruhte, muß dahingestellt bleiben.
Der Verlauf des Krieges. In Schweden war 1697 König Karl XI. gestorben und Karl XII. hatte mit nur 15 Jahren den Thron bestiegen. Die Nachbarn hielten die Gelegenheit für günstig, sich auf Kosten Schwedens auszubreiten: Peter der Große wollte Esthland erobern, um an die Ostsee zu gelangen; August II., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, wollte Livland für Polen zurückgewinnen; Friedrich IV. von Dänemark wollte den Teil Schleswig-Holsteins, der noch im Besitz der Linie Holstein-Gottorp war, wieder mit Dänemark vereinigen; diese Linie war aber seit langem mit Schweden verwandt, auch der augenblickliche Herzog war ein Schwager und Freund Karls XII. Die drei Monarchen verbanden sich 1700 zu einem Angriffskriege und fielen in die von ihnen begehrten Länder ein, aber der junge Schwedenkönig zeigte eine unerwartete Tatkraft.
Karl XII. warf sich zunächst nur gegen Dänemark, um sich für den Kampf im Osten den Rücken freizumachen, da die dänische Flotte seine Verbindungen mit den anderen Kriegsschauplätzen gefährdete. Mit Unterstützung einer englisch-holländischen Flotte bedrohte er Kopenhagen zu Wasser wie zu Lande und zwang Friedrich IV. in wenigen Wochen zum Frieden (Travendal, 18. August 1700).