Die Haltung Englands und Hollands im Nordischen Kriege. Wie vor Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges, um 1700 beim ersten Zusammenstoß Schwedens und Dänemarks, so wandten diese Staaten auch nach seiner Beendigung ihr Augenmerk auf ihre Interessen in der Ostsee; besonders England zeigte hier seine Macht auf dem Meere und trug zum Friedenschluß bei.
In den Jahren 1715–1718 traten sie gemeinsam zum Schutze ihres Handels auf, weil Schweden, Dänen und Russen die Neutralität nicht unbedingt beachteten; das Verhältnis zu Schweden wurde bald zu einer Art Kriegszustand. Da Rußland von England und Holland Schiffe, Mannschaften und Kriegsbedarf jeder Art bezog, griff Schweden, besonders seit 1710, den Handel dieser Länder planmäßig mit Kriegsschiffen und Freibeutern an; die Handelsschiffe wurden nicht nur auf Kriegskontrebande untersucht, sondern überhaupt aufgebracht. Die Seemächte sandten deshalb in jedem dieser Jahre eine gemeinsame Flotte in die Ostsee, die im Vereine mit den dänischen und russischen Kräften die Schweden in ihren Häfen festhielten, Freibeuter aufbrachten und Convois geleiteten. Der König von England war ja als Kurfürst von Hannover mit Schweden im Kriege, doch hatte das englische Volk hierfür zunächst kein Interesse, als aber die Umtriebe Karls XII. zugunsten Jakobs III. bekannt wurden, gab es seine Einwilligung zu ernsterem Vorgehen.
Nach dem Tode Karls änderte sich die Lage gänzlich. Schweden belästigte den Handel nicht weiter, Holland brauchte keine Schiffe mehr zu senden. Eine englische Flotte aber trat in jedem der letzten Jahre zugunsten der Schweden auf, indem sie die russische Hochseeflotte in Reval festhielt. Jetzt lag es im Interesse Englands, Peters Erfolge einzuschränken und die russische Seemacht nicht zu sehr wachsen zu lassen.
Die Operationen zur See: 1715 deckte Admiral Norris mit 20 englischen und 12 holländischen Linienschiffen die Hin- und Rückreise des Ostsee-Sommerconvois. 1716 kam er mit ähnlicher Stärke, Holland hatte wegen Geldmangels nur 6 Schiffe gestellt. Als er auf das Verlangen einer bündigen Erklärung, ob die Schifffahrt jetzt sicher sei, von Stockholm eine unbestimmte Antwort erhielt, gab er zu erkennen, daß er nötigenfalls feindselig auftreten werde. Er verband sich mit den Dänen und Russen in Kopenhagen, die dort für den Einfall in Schonen bereit lagen. (Anderseits, so wird gesagt, wirkte England aber auch dahin, daß Peter dieses Unternehmen aufgab.) Der Zar selber führte die vereinigte Macht nach Bornholm. Von hier aus wurden einzelne Schiffe gegen schwedische Kreuzer entsandt, die Kauffahrer nach ihren Bestimmungshäfen geleitet und im Herbst wieder heimgeführt; die schwedische Flotte konnte natürlich Karlskrona nicht verlassen. Genau so, nur ohne die Russen, verliefen die Jahre 1717, Admiral Byng, und 1718, wieder Norris. 1717 war Holland nicht imstande, Schiffe zu stellen. Es gingen dann auch nur 300 anstatt wie sonst 500 holländische Kauffahrer in die Ostsee, und 1718 sandte man deshalb mit Aufbietung aller Kräfte wieder 12 Kriegsschiffe.
1719 vereinigte sich Norris im September mit den Schweden und trieb die russische Hochseeflotte nach Reval; 1720 und 1721 hielten Norris und Wachtmeister die Russen den ganzen Sommer über in diesem Hafen fest.
England und Frankreich vermittelten den Frieden. Beide wünschten nicht, daß Schweden niedergeschlagen und die Ostsee ein russisches Meer würde; es war dies besonders für England wichtig, da seine Marine auf die von dort bezogenen Schiffsbedürfnisse angewiesen war. Die Franzosen schreiben ihrer Diplomatie den Haupteinfluß zu; sie behaupten auch, daß England Schweden nur schwach unterstützt habe, weil es die Ostseeprovinzen zu Nutzen seines Handels gern in Rußlands Händen sah. Dies mag zutreffen; die englische Flotte hinderte die Verwüstung Schwedens nicht, sie trat nur demonstrativ auf und hat, abgesehen von dem Einschreiten gegen Kreuzer in den ersten Jahren, bei allen Operationen kaum einen Schuß abgegeben. Aber der Druck der englischen Seemacht hat ohne Frage wesentlich dazu beigetragen, Rußland zum Frieden geneigt zu machen. Peter erkannte das zielbewußte Vorgehen der Engländer, sah sie vor seiner eigenen Tür und mußte für seine junge Flotte eine Wiederholung des Schauspieles vom Cap Passaro fürchten.
Venedig und die Türken.
Im Anfange des 18. Jahrh. fanden in einem letzten Kriege auch die langen Kämpfe zwischen der Republik Venedig und dem osmanischen Reiche um die Besitzungen im Ostmittelmeer ihr Ende. Im vorigen Abschnitte (Seite [109]) ist gesagt, daß Venedig mit dem Verluste von Cypern (1573) schon nahezu aus dem Ostmittelmeer verdrängt war und daß es von da an langsam aber stetig von seiner Großmachtstellung herabstieg. Es ist aber auch erwähnt worden, daß um diese Zeit die Seemacht des osmanischen Reiches gleichfalls ihre höchste Blüte erreicht hatte. Ihrem Vordringen im Westmittelmeer war durch das Abschlagen der Angriffe auf Malta und Korfu (1565) sowie durch die Schlacht bei Lepanto (1571) ein Ende gemacht worden. Im Ostmittelmeer setzten die Türken jedoch von der Mitte des 17. Jahrh. bis 1718 in drei Kriegen gegen Venedig ihre Eroberungen fort.[281]
1645 warfen sie mit einer großen Flotte ein Heer nach Kreta, nahmen Canea sowie Retimo und belagerten Candia. Das Bestreben Venedigs, der Insel Unterstützung zu bringen, führte zu einem langen Kampfe um die Seeherrschaft. Mit wechselndem Erfolge wurde gefochten, mehrfach blockierten die Venetianer die Dardanellen, viele Seegefechte fanden statt (z. B. 1656 eine große Niederlage der Türken vor den Dardanellen), aber keine Partei gewann dauernd die Überhand. Zeitweise erhielt Venedig Unterstützung durch Spanien, die Malteserritter, Genua oder den Papst, und als Candia nach heldenmütiger Verteidigung zu fallen drohte, sandte Frankreich eine Flotte mit Landungstruppen. Aber diese Expedition (ihre Stärke vgl. Seite [319]) blieb erfolglos, die Stadt fiel im September 1669.