Zwölftes Kapitel.
Die Kolonien von 1648–1740.[283]

Wir haben die Gründung der Kolonien im Abschnitt II (Seite [57–90]) bis etwa 1648 verfolgt und im Abschnitt III bei der Schilderung der Seekriege die Kämpfe dort soweit erwähnt, als sie taktisch und strategisch wichtig oder auf den Verlauf des Krieges von größerem Einfluß gewesen sind; beides war nur in geringem Maße der Fall. In den Kriegen der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. aber bleiben die Ereignisse in den fernen Gewässern nicht mehr nur Ausläufer des in Europa ausgefochtenen Entscheidungskampfes, die Kolonien hatten an Bedeutung gewonnen. Es handelt sich jetzt um die Seeherrschaft in weiterem Sinne: um den Einfluß auf fremde Länder, den Besitz von Kolonien und die von ihnen abhängige Vermehrung des Nationalwohlstandes der Staaten.

Um ihre überseeischen Verhältnisse — nämlich Umfang, Wert und innere Kraft ihrer Besitzungen dort — zu Beginn des nächsten Abschnittes kennen zu lernen, soweit dies für unsere Zwecke nötig ist, muß ein Überblick über die Geschichte der Kolonien von 1648–1740 gegeben werden.

Mittel- und Südamerika. Westindien.

Spanien. Es ist früher (Seite [69] ff.) die Kolonialpolitik Spaniens in großen Zügen gekennzeichnet und auch auf ihren ungünstigen Einfluß hingewiesen worden; diese Verhältnisse blieben die gleichen, ja sie gestalteten sich noch ungünstiger.

Zimmermann (Band I, Seite 355) leitet den Abschnitt „Die Entwicklung der spanischen Kolonien von 1600–1800“ mit den Worten ein: „Die spanische Kolonialpolitik nimmt nach Beendigung der großen Zeit der Eroberungen von Jahr zu Jahr einen einförmigeren Charakter an, die Verwaltung der einzelnen Kolonien verknöchert immer mehr, die Mißbräuche nehmen ohne Unterlaß zu und Spanien erweist sich als nicht fähig, die reichen Gebiete seines überseeischen Besitzes zu einer ihren natürlichen Anlagen entsprechenden Entwicklung zu bringen“.

Die Verwaltung der Länder bezweckte weiter nur,. möglichst viel Geld aus ihnen zu ziehen, aber nie genügten die eingegangenen Beträge der Regierung in Spanien. Dies führte zur Auspressung aller Rassen, zu ungesetzlichem Arbeitszwang der Indianer, und hierbei arbeiteten die Beamten auch noch in ihre eigenen Taschen; sie waren aber durch schlechte Besoldung zu Bestechlichkeit und Veruntreuung verführt, ja gedrängt worden. Die Erpressungen riefen Aufstände hervor, besonders der Farbigen. Verschiedene Reformversuche durch Entsendung tüchtiger und zuverlässigerer höherer Beamten hatten keinen, oder doch keinen dauernden Erfolg, da die gefährdeten Beamtenkreise usw. diesen entgegenarbeiteten, sogar innere Unruhen herbeiführten. Dies und die Beschränkung des Handels hinderte die volle Entwicklung und lähmte die Kraft der Kolonien gegen äußere Feinde, wenn auch die Bevölkerung zunahm. Da nun auch das Mutterland keinen genügenden Schutz gewähren konnte, so waren Handel und Küsten der Kolonien in der fast ununterbrochenen Kriegszeit von 1648 an wie in dem Jahrhundert vorher den Angriffen der Feinde Spaniens ausgesetzt; wir haben die Hauptereignisse kennen gelernt.