Handel und Schiffahrt blieben beschränkt: Nur in England oder in den Kolonien gebaute, in englischem Eigentum befindliche und mit Engländern bemannte Schiffe sollten zum Handel zugelassen werden; der Absatz der Erzeugnisse war nur in England oder durch dessen Vermittlung gestattet. Die Ausfuhr von Wolle war ganz verboten, die von Holz beschränkt; zu Masten geeignete Bäume durften nur mit königlicher Erlaubnis gefällt werden. Die Eisenbearbeitung war begrenzt, die Errichtung von Hochöfen untersagt und dgl. Man wachte eben darüber, keine Industrie aufkommen zu lassen, um die des Mutterlandes zu schützen und ihren Absatz in den Kolonien zu fördern. Das Parlament nahm auch weiter das Besteuerungsrecht in Anspruch. Die Kolonien bestritten es aber ernstlich, weil sie nicht im Parlament vertreten seien; diese Auffassung brachten sie auch dadurch zum Ausdruck, daß sie alle aus England kommenden Vorschriften erst durch die eigenen Parlamente zum Gesetz erhoben. Zölle und Schiffahrtsabgaben ließen sie sich allenfalls gefallen, gegen direkte Steuern würde sich jedenfalls allgemeiner Widerstand erhoben haben; die Regierung sah dies auch ein. Die Folge der Handelspolitik Englands war eine stete Verschlechterung[607] der amerikanischen Geldverhältnisse. Die Kolonien waren dem Mutterlande tief verschuldet. Von dort erhielten sie reichlichen Kredit zu Unternehmungen aller Art, da sie aber bei dem Handelsverbot aus anderen Ländern kein Geld bekamen und die Schulden in England nicht immer mit ihren Erzeugnissen decken konnten, entstand bald Mangel an barem Gelde. Während der Kriege vor und nach 1700 mußte Papiergeld ausgegeben werden; dieses verdrängte bald das Metallgeld, sank tief im Kurse, und der Handelsverkehr wurde durch den unsicheren Wert der Zahlungsmittel sehr beeinträchtigt.

Trotz aller Hindernisse schritt die Entwicklung stetig fort. Schon um 1688, zur Zeit des ersten größeren Krieges um Kanada (vgl. Seite [473]), zählte das englische Nordamerika gegen 200000 weiße Einwohner, zur Zeit des zweiten Krieges (1702, vgl. Seite [565]) 260000. Hierzu kamen in den südlichen Staaten Negersklaven, doch war die Zahl noch gering, in Virginia zählte man um 1671 etwa 2000 und 1700 etwa 6000; in den nördlichen Staaten dienten nur sehr wenige auf den Farmen, da die Regierung die Einführung hinderte. Auch der Landbesitz nahm stetig zu, die Indianer wurden immer weiter zurückgedrängt. Im Westen erstreckten sich um 1730 die Farmen bis über die Berge westlich der Neuenglandstaaten, 1724 war das erste Fort (Dummes) im späteren Staate Vermont errichtet. Handel, Schiffbau und Schiffahrt wuchsen: 1738 wurden in Boston allein 38 Schiffe erbaut; 400 Schiffe besorgten jährlich die Ausfuhr Philadelphias, 200–300 die Charlestowns (Karolina). 1744, bei Beginn des ersten Krieges um Kanada im nächsten Abschnitt, kann man mit einer Gesamteinwohnerzahl der englischen Kolonien von 1200000 Seelen, darunter eine Million Weiße, rechnen; auf die 4 Neuenglandstaaten kamen allein 400000 Weiße.

Für 1756, Ausbruch des letzten Krieges um Kanada, liegen genauere Angaben vor. Die Neuenglandstaaten zählten 425000 Weiße, 11000 Neger; die mittleren Staaten 457000 bezw. 71000; die Südstaaten 283000 bezw. 178000. Ganz Englisch-Nordamerika also 1200000 Weiße und 260000 Neger. Man sieht die ungeheure Zunahme der Sklaven, Virginia besaß allein 120000; hier war eine Klasse reicher Plantagenbesitzer von hohem Selbstbewußtsein entstanden.

In den englischen Niederlassungen war jene Form der Kolonisation zur höchsten Entfaltung gekommen, die England eigentümlich ist: Eine Gemeinschaft freier Männer, im wesentlichen sich selbst regierend und auf sich selbst angewiesen, dabei aber mit Begeisterung am alten Vaterlande hängend. Der Beschäftigung nach waren die Kolonisten Ackerbauer, Kaufleute und Seeleute zugleich; in der Beschaffenheit ihres Landes und seiner Erzeugnisse, in seiner langen Küste mit geschützten Häfen hatten sie alle Elemente der Seemacht vereinigt und auch schon viel für deren Entwicklung getan; äußerst eifersüchtig waren sie auf Franzosen und Kanadier. In einem solchen Lande und in einer solchen Bevölkerung hatten die englische Marine und Armee in den nächsten Kriegen eine sichere Grundlage auf der westlichen Halbkugel.

Allerdings wurden die Kolonisten immer unzufriedener mit den Maßnahmen der Regierung. Der Interessengegensatz der sich immer stärker bevölkernden Neuenglandstaaten zum Mutterlande wuchs von Jahr zu Jahr. Er wurde dadurch verstärkt, daß viele Einwanderer aus Irland, Deutschland usw. kamen, die durch keine Bande an[608] England gefesselt waren; die erstarkende Presse schürte und wurde von der öffentlichen Meinung in Schutz genommen. Immer selbstbewußter wurden die Kolonien, immer energischer beanspruchten sie die alten Freiheiten; schon 1705 sagten Stimmen in England voraus, daß sie sich einst freimachen würden. Noch waren sie aber nicht zum Abfall reif, noch waren sie zu stolz auf die Macht des Mutterlandes und auch noch zu sehr in Sorgen wegen der Indianer und der Franzosen in Kanada.

Für Frankreich[285] lagen die Verhältnisse in Nordamerika ganz anders. Wir hörten, daß die Ansiedlung in Acadia und Kanada (Quebec) nur geringe Fortschritte machte (Seite [89]). Die unter Richelieu gegründete Gesellschaft hatte nur den Pelzhandel im Auge; sie vergab zwar weite Landstrecken an Unternehmer, um sie zu besiedeln, aber infolge der Einschränkung der Kolonisten durch die Vorrechte der Kompagnie fanden sich nur wenig Einwanderer. Jesuiten dagegen gründeten Stationen zur Bekehrung der Huronen am St. Lorenz- und am Ontario-See. 1642 zählte Kanada nur erst einige Hunderte von Ansiedlern. Sie hatten viel zu leiden von den Angriffen der Irokesen zwischen dem Hudson und dem Erie-See, die besonders von den englischen Ansiedlungen aufgehetzt wurden, als auch diese die Franzosen zu belästigen anfingen; ständige Reibungen zwischen den Jesuiten, später dem Bischof und der Verwaltung traten hemmend für die Entwicklung hinzu. 1663 gab die Kompagnie ihre Rechte und Pflichten an die Krone zurück. Die Regierung lag nun in der Hand eines Conseils, das aus dem Gouverneur, dem Bischof, dem höchsten Verwaltungs- und Justizbeamten sowie einigen Ansiedlern bestand. Die ersten Gouverneure waren tüchtige Männer, sie schränkten die Macht der Geistlichkeit ein und hielten die Irokesen in Schranken. Die Zahl der Einwanderer mehrte sich, vor allem wurden Offiziere und Soldaten der allerdings nur nach Hunderten zählenden Garnisonen mit Land belehnt. 1671 zählte man schon 6000 Weiße; die Erforschung des Landes war fortgesetzt, 1670 hatte man vom Ohio aus den Mississippi erreicht. Von 1672 an stand der besonders tüchtige Gouverneur de Frontenac bis 1698 an der Spitze der Kolonie; unter ihm machte sie große Fortschritte.

Frontenac regelte den Pelzhandel. Wenn einst die Indianer ihre Jagdbeute zu den Niederlassungen gebracht hatten, so kauften jetzt nur Jäger und Händler (die „courreurs des bois“) die Felle in den Indianerdörfern auf, oft im Auftrage der Beamten; Frontenac stellte diesen Übelstand ab. Er gestattete den Branntweinhandel unter Aufsicht der Regierung; bisher hatten die Jesuiten ihn unterdrückt und die Indianer handelten deshalb lieber mit den Engländern. 1682 wurde Frontenac infolge von Umtrieben des Intendanten und der Jesuiten abberufen, und gerade jetzt hatten die Engländer die Irokesen gewonnen, die einen vollständigen Vernichtungskrieg gegen die den Franzosen ergebenen Stämme begannen; gleichzeitig schädigten die Engländer selber von den Niederlassungen an der Hudsonbai aus den Seehandel und die Fischerei bei Acadia. Wir hörten bereits, daß daraufhin bereits im Frieden die Franzosen die Engländer von genannter Bai vertrieben und die Irokesen züchtigten. Nach der Kriegserklärung kam Frontenac zurück.

Bei Ausbruch des ersten Krieges mit England 1688 (vgl. Seite [473]) hatte die Kolonie 15000 Einwohner, sie führte auch den langen Krieg glücklich durch. Zwar kam, wie wir wissen, der Plan (1689 und 1696 ins Auge gefaßt), Newyork als eisfreien Hafen zu nehmen, wegen mangelnder Unterstützung vom Mutterlande nicht zur Ausführung. Man hatte in Paris die Kraft der englischen Kolonien unterschätzt und die französische Marine war der ihr zufallenden Aufgabe nicht gewachsen, aber die englischen Angriffe wurden abgeschlagen. Beim Frieden 1697 gab England die Hudsonbay auf und ließ die Franzosen im Besitz der Westküste Neufundlands.

Ebenso glücklich führte die Kolonie den zweiten Krieg (1702–1713, vgl. Seite [565]), der der Hauptsache nach auch auf beiden Seiten durch die Kolonisten ausgefochten wurde, obgleich Kanada nur 16000 Einwohner gegen 260000 in den englischen Kolonien hatte. Man muß jedoch dabei beachten, daß englischerseits nur die Neuenglandstaaten in Betracht kamen, daß diese nicht immer einig waren, daß in Kanada Garnisonen regulärer Truppen, wenn auch nur schwache, lagen, die dem Gegner ganz fehlten, und daß die Franzosen über Indianer verfügten, während die Irokesen, von den Engländern verletzt, zur Zeit Frieden mit Kanada hielten; auch an königlichen Schiffen, auf beiden Seiten nur schwach vertreten, scheinen die Franzosen überlegen gewesen zu sein. Als England endlich größere Unterstützungen sandte (1710), wurde Port Royal genommen, der Angriff auf Quebec (1711) scheiterte dagegen kläglich. Infolge des sonstigen Verlaufs des Krieges mußte Frankreich dann die Niederlassungen an der Hudsonbay, ganz Neufundland und Akadia — bis auf die Insel Kap Breton, den Schlüssel zur St. Lorenzbay — an England abtreten. Die Kanadier empfanden diese Zugeständnisse, die Handel und Fischerei erheblich schädigten, schmerzlich und versuchten bei der Ausführung des Vertrages zu retten, was zu retten war. Die Ungenauigkeit der Abmachungen gab dazu genügend Handhaben, weder die Grenzen Akadias noch die des Irokesenlandes waren sicher festgesetzt.

Der Aufschwung, den die kolonialen Bestrebungen Frankreichs nach dem Frieden von Utrecht nahmen, äußerte sich in Kanada besonders darin, daß man sich auf die vorauszusehenden weiteren Kämpfe mit den englischen Kolonien vorbereitete und mit Erforschung des Landes sowie der Ausbreitung des französischen Einflusses im Innern weiter vorging. Die Bedeutung Kanadas gewann mit der durch die Lawschen Unternehmungen hervorgerufenen Besiedlung Louisianas; durch eine Verbindung beider Kolonien wäre den englischen das weitere Vordringen abgeschnitten gewesen.