Und sie schritt weiter abwärts. Wenn sich auch Portugal 1640 von Spanien lossagte, so nahm Holland doch noch Malakka 1641 weg, ehe der Frieden draußen bekannt geworden war. Der Versuch, den Handel durch Freigabe an alle Portugiesen neu zu beleben, blieb ohne Erfolg; er war schon zu sehr in englische und holländische Hände übergegangen. Weitere Gebietsverluste folgten: 1650 verlor Portugal Mascat an die Araber; in dem neuen Kriege mit Holland (1656–1661, Seite [239]) nahm dieses Ceylon, Negapatam, Quilon, Cranganor, Cochin, Cananor; 1661 fiel Bombay (wie Tanger) als Mitgift der Gemahlin Karls II. an England. Die zu Bombay gehörigen Dörfer lieferten die portugiesischen Behörden nicht mit aus und erschwerten den englischen Handel mit dem Festlande; trotzdem blühte die Stadt in englischen Händen schnell auf, während die portugiesischen Plätze verarmten. England schlug 1672 ein Schutz- und Trutzbündnis gegen die Eingeborenen vor, wenn ihm die Anlage von Faktoreien in allen portugiesischen Plätzen zugestanden würde, Portugal sollte die gleichen Vorrechte in englischen Orten erhalten; Portugal aber blieb hartnäckig und belästigte Bombay weiter. England rächte sich durch Gewaltmaßregeln aller Art, die Portugiesen sagten, sämtliche englischen Schiffe hätten Seeraub betrieben; auch unterstützen die Engländer Portugals Gegner offen mit Kriegsmaterial. Gleichzeitig und weiterhin hatte Portugal unter den Angriffen der Mahratten zu leiden, die mit dem Verfall des Reiches des Mogul immer mächtiger wurden. Diese vertrieben Ende der zwanziger Jahre des 18. Jahrh. die Portugiesen aus den meisten ihrer Besitzungen; 1737 eroberten sie die Insel Salsette, den alten wichtigen militärischen Stützpunkt, und von dort Bassein. 1740 war nur noch der jetzige Bestand in portugiesischem Besitz: Diu, Daman und Goa. Portugals Macht in Indien war gebrochen, sein Handel so gut wie vernichtet.
Holland war in unserem Zeitabschnitt an seine Stelle getreten. Die Macht der holländisch-ostindischen Kompagnie um 1648 ist uns bekannt (Seite [86]) und soeben ist gesagt, inwieweit sich diese an der Westküste Vorderindiens auf Kosten Portugals ausdehnte, aber auch sonst erweiterte und befestigte sie sich. Die Molukken kamen völlig in die Gewalt der Kompagnie. Um die Preise der Gewürze hochzuhalten und jeden Wettbewerb zu hindern, rottete die Kompagnie sämtliche Anpflanzungen aus, die sie nicht selber nötig hatte; dadurch hervorgerufene Aufstände der Insulaner wurden unterdrückt, die bald verarmte Bevölkerung war dann ungefährlich; die Spanier gaben ihre letzte Befestigung in Tidore auf. In Sumatra faßten die Holländer 1659 durch Eroberung von Palembang an der Ostküste Fuß und 1662 stellten sich auch die Fürsten der Westküste unter ihren Schutz (Hauptkontor in Padang). In längerem Kriege 1660–1669 wurde die Macht Makassars, des Hauptsitzes des Mohammedanismus, von dem aus in jenen Meeren der Widerstand auf den Molukken und in Japan stets unterstützt war, gebrochen. Die Kompagnie wurde dann Herrin von Celebes und machte dem Handel Englands und Portugals hier ein Ende.
Eine Niederlassung auf Borneo konnte sich nur kurze Zeit gegen die wilden Bergstämme halten. 1693 wurde Pondichery den Franzosen abgenommen, aber im Frieden von Ryswijk zurückgegeben. Einen schweren Verlust erlitt die Kompagnie dadurch, daß 1663 die Kolonie auf Formosa an China verloren ging, als hier die Tataren zur Herrschaft kamen.
Der bedeutendste Erfolg der Kompagnie war ihre zunehmende Macht auf Java. Durch andauernde Kämpfe mit den Fürsten von Bantam und Mataram gewann sie großen Landbesitz; sie brachte auch den Handel der Insel ganz in ihre Hand, England räumte 1683 seine Ansiedlung in Bantam. Besonders wichtig wurde Java durch den Kaffeebau, der 1696 eingeführt wurde und so zunahm, daß man ihn wie den Gewürzbau auf den Molukken einschränkte; 1740 lieferte er 4000000 Pfund.
Ihrer Macht entsprechend gebot die Kompagnie über eine große Flotte und über eigene Truppen. In den Jahren 1650–1702 wurden jährlich 15–30 Schiffe nach Indien abgefertigt; in 22 Jahren unter 20, dafür in 12 Jahren über 25. Diese eigentlichen Ostindienfahrer waren wohl armiert; man hatte drei Klassen: zu 38 Kanonen, zu 36, zu 26. Es war mithin stets eine erhebliche Seemacht auf der Station, zu der noch viele kleine Schiffe für den dortigen Zwischenverkehr traten; die aus- und heimsegelnden Convois bildeten kleine Flotten. Holland stand infolgedessen in den Kriegen mit England und mit Frankreich in Indien überlegen da und der Verkehr mit der Heimat wurde nicht unterbrochen, kaum eingeschränkt. Für die Besatzungen der Forts unterhielt man eine europäische Truppe von 2000 bis 3000 Mann, verwendete in den Kriegen auf Java aber auch Eingeborene der anderen Inseln.
Die Vorherrschaft Hollands in Indien stand jedoch auf schwachen Füßen, Verwaltung und Handelspolitik waren ungesund. Die ostindische Kompagnie hatte um 1739 ihren Höhepunkt bereits überschritten, ihr Verfall begann.[286]
Die Kompagnie wurde in Holland geleitet durch ein Direktorium von 17 Teilhabern „Kamer van Zeventienen“): 8 von Amsterdam, 4 von Seeland, 2 von der Maas, 2 vom Norderquartier und der 17. von den drei letzten Provinzen gemeinschaftlich gewählt. Hinzu traten 60 kaufmännische Leiter, deren Zahl in ähnlichem Verhältnis in den Provinzen verteilt war. Draußen stand in Batavia ein Generalgouverneur an der Spitze, auf Vorschlag der Kompagnie von den Generalstaaten ernannt, ihm zur Seite der „Rat von Indien“, bestehend aus den höchsten Beamten zu Batavia und den Gouverneuren der andern Inseln usw. Die Macht und Verantwortung des Generalgouverneurs waren groß; er besetzte mit dem Rat alle mittleren und niederen Beamtenstellen. Die Laufbahn der Beamten stufte sich ab in: Assistent, Buchhalter, Unterkaufmann, Kaufmann, Oberkaufmann (die Direktoren der einzelnen Kontore). Alle Schiffe, außer den nach Ceylon bestimmten, liefen Batavia an, den Sitz des Generaldirektors des Handels. Der Gouverneur war zwar für gewisse Fälle angewiesen, die Entscheidung der „Kammer der XVII“ einzuholen, oder an die Zustimmung des „Rates von Indien“ gebunden, konnte aber fast immer seinem Willen Geltung verschaffen.
Die Kompagnie strebte an, Handel und Wandel allein in der Hand zu behalten. Maßregeln in diesem Sinne waren die schon erwähnte Beschränkung des Gewürz- und Kaffeebaues, Unterdrückung jedes anderen Handels sowohl von seiten anderer Völker wie auch holländischer Kolonisten; wie früher bei den Portugiesen war es verboten, Karten und Aufzeichnungen mit in die Heimat zu nehmen, selbst die Privatkorrespondenz unterlag der Aufsicht. Man trieb aber auch eine übermäßige Sparsamkeit, z. B. in der Besoldung der Beamten.
Trotzdem gingen die Geschäfte nicht dauernd gut und wurden immer schlechter. Dabei wurden hohe Dividenden gezahlt: 1651–1702 meist zwischen 15 und 40%, nur[614] in acht Jahren 0%; 1681–1706 wurde in Indien nur in sieben Jahren ein Gewinn erzielt; 1698 hatte die Kompagnie eine Schuldenlast von 11 Millionen Gulden, fast das Doppelte des Einlagekapitals. Der schnelle Rückgang vom Beginn des 18. Jahrh. an ist aus folgenden Angaben über den Reingewinn zu ersehen: 1613–1696 = 40 Millionen; 1613–1703 = 31½; 1613–1713 = 16½; 1613–1723 = 4,8; 1613–1730 = -7,3; 1613–1779 = -85 Millionen Gulden. Über diese Lage verlautete nach außen nichts; sie ist erst im 19. Jahrh. lange nach dem Zusammenbruch der Kompagnie bekannt geworden. Die Welt sah immer nur die ansehnlichen Dividenden und nahm an, daß alles in bester Ordnung sei. Die Kompagnie hatte stets den größten Kredit, sie hatte ja auch viele Kriegslasten auf sich genommen und noch 1696 den Generalstaaten 8 Millionen für die Verlängerung ihres Privilegs gezahlt.
Die Gründe des Rückganges lassen sich zusammenfassen: 1. die immer mehr umsichgreifende Unzuverlässigkeit der Beamten, ein jeder arbeitete in seine Tasche; ursprünglich waren sie wohl durch zu geringe Besoldung gezwungen, für sich Handel zu treiben und Verletzungen der Rechte der Kompagnie seitens Fremder, selbständiger holländischer Kolonisten und der Eingeborenen durchgehen zu lassen. Günstlingswirtschaft bei Besetzung der Stellen riß ein, überflüssige Posten wurden geschaffen; 2. die strenge Durchführung des Monopols lähmte die Entwicklung der Kolonien, mit der Gebietserweiterung wuchsen die Verwaltungskosten unverhältnismäßig; 3. die Kriege auf Java und Celebes verschlangen große Summen, die Regierung stellte infolge der europäischen Kriege zu bedeutende Ansprüche; 4. in Vorderindien wuchs der Wettbewerb der Engländer.