Englands Macht in Indien war 1648 noch unbedeutend (Seite [84]). Die ostindische Kompagnie besaß Faktoreien, teilweise kleine Forts, an der Westküste Vorderindiens (Vorort Surat), an der Koromandelküste (Madras), in Bengalen (Hugly am Gangesdelta), in der Inselwelt nur noch auf Java und Celebes (später geräumt); eigentliches Landeigentum hatte sie nicht, eine größere Befestigung nur in Madras (St. George seit 1639).

Der erste holländisch-englische Krieg brachte der Kompagnie großen Schaden, doch wurde dieser beim Friedensschluß ersetzt (Seite [229]) und auch der Wettbewerb seitens der Courtenlinie (Seite [84]) durch völlige Verschmelzung mit dieser abgewendet. 1658 wurde das Kapital wesentlich vermehrt und 1661 bestätigte Karl II. der Kompagnie die weitestgehenden Rechte: Überlassung des alleinigen Handels mit Indien; Anerkennung als politische Korporation mit dem Rechte, sich Gesetze und Verfassung zu geben, mit nichtchristlichen Fürsten Krieg zu führen, Festungen zu bauen und Soldaten zu halten; die Regierung behielt sich nur vor, den Vertrag mit dreijähriger Frist kündigen zu dürfen, falls es das Interesse der Krone oder des Volkes erfordere. Als Bombay dem Könige zufiel, wurde auch dieses der Kompagnie zugeteilt durch seine insulare Lage ein wichtiger Stützpunkt. Es begann nun das langsame aber stetige Wachsen der Macht der Kompagnie. Mit ungeheuren Schwierigkeiten, die nicht nur draußen, sondern auch daheim auftraten, hatte sie zu kämpfen.

Ein kurz gefaßter Überblick auf die Geschichte der ostindischen Kompagnie[287] während unseres Zeitabschnittes sei gegeben. Die Geschäfte wurden in Indien von Präsidentschaften geleitet in: Surat, Madras mit Bengalen, Bantam;[615] später fiel Bantam fort, Surat wurde nach Bombay verlegt, Bengalen wurde unter Kalkutta selbständig. Jede Präsidentschaft besaß einige Hauptfaktoreien, von denen die Außenposten abhingen; in England wurden die Schiffe nach einer der Präsidentschaften abgefertigt und von dieser weiter expediert. An der Spitze der Hauptbehörden stand der Präsident mit seinem Rate, dessen Mitglieder wie der Präsident von der Kompagnie ernannt wurden; die übrigen Beamten — ähnlich wie in Holland: Lehrling, Schreiber, Faktor, junger und alter Kaufmann — ernannte der Präsident. Die Besoldung war sehr gering, die Beamten waren auch hier geradezu darauf angewiesen, Durchstechereien zu machen und heimlich Handel zu treiben; auch die Besatzungen der kleinen Garnisonen waren so schlecht bezahlt, daß Meutereien vorkamen.

Zu Anfang war die Entwicklung wenig gedeihlich; der Wettbewerb der Holländer in Bantam und Surat, Angriffe der Mahratten auf diesen Platz, Streitigkeiten mit den einheimischen Behörden in Hugly, Kämpfe der indischen Fürsten untereinander in Madras lähmten den Handel. Von 1663–1671 sind nur insgesamt 6 Schiffe von England hinausgesandt. Dann kam ein Aufschwung; 1668–1671 liefen 40, 1679–1682 46 Schiffe aus. 1677 besaß die Kompagnie 30–35 Fahrzeuge von 300–600 tons; etwa die Hälfte mit 40–50 Kanonen. Großen Gewinn machte die Kompagnie jedoch nicht: die Kriege, der Bau der Befestigungen, die Verhandlungen mit den Fürsten sowie die Bestechung ihrer Machthaber erforderten große Summen; 1676 hatte die Kompagnie 600000 Lstrl. Schulden. In den 80er Jahren litt das Geschäft wieder unter Kriegen mit den Mahratten an der Westküste und mit dem Mogul in Bengalen, Bantam wurde geräumt. Durch entlassene Beamte angeregt, versuchten andere englische Kaufleute mit den indischen Fürsten anzuknüpfen, doch gab der bei der Kompagnie beteiligte König Jakob II. dieser das Recht, fremde Schiffe aufzubringen.

Um nun nicht weiter von der Gnade der indischen Fürsten abzuhängen, sowie um jeglichem Wettbewerb kräftiger begegnen zu können, beschloß die Kompagnie 1685 mit Gewalt aufzutreten und ein Reich zu gründen; der Plan war, zunächst ausreichende Gebiete bei Bombay und Madras, in Bengalen und Sumatra zu erwerben und unter das Protektorat des Königs zu stellen. Das Beispiel Hollands hat wohl diesen Plan hervorgerufen, aber man vergaß, daß es leichter war, einzelne Inseln zu unterwerfen, als mit mächtigen Reichen anzubinden; die Hoffnung auf Unterstützung durch die Mahratten erfüllte sich nicht, und so schlug dieser erste Versuch völlig fehl, ja er brachte alles bisher Erreichte in Gefahr.

Mit Einverständnis des Königs, der der Kompagnie auch gestattete, in den Hauptstationen den „Union Jack“ zu heißen, wurde 1685 eine Expedition von 10 Kriegsschiffen und 6 Kompagnien Soldaten unter Kapitän Nicholson ausgerüstet; in Indien sollte der oberste Beamte in Bengalen diese mit 400 Mann sowie 9 Schiffen verstärken und den Oberbefehl übernehmen. Man beabsichtigte, die Stadt Chittagong, an einem vorzüglichen Hafen im Nordosten des Busens von Bengalen gelegen, zu nehmen und zu befestigen, den Nabob von Bengalen zu Gebietsabtretung und Zugeständnis größerer Rechte zu zwingen; dann wollte man den Portugiesen bisher noch streitige Gebiete in Vorderindien abnehmen und auch holländische Besitzungen angreifen. Das Unternehmen war weder richtig noch genügend stark vorbereitet. Die Präsidenten von Bombay (John Childs) und Madras waren nicht genau davon unterrichtet, was im Osten vor sich gehen sollte — es war der Überraschung wegen geheim gehalten —, sie konnten keine Vorbereitungen treffen. Als das Geschwader in Hugly erschien, zogen die Inder Truppen zusammen und jagten (Oktober 1686) die Engländer den Fluß hinab, ehe deren Kräfte vollständig versammelt waren. Empört über den Versuch, ließ dann der Mogul die Engländer auch aus Surat vertreiben und bedrohte Bombay wie Madras. Die Kompagnie mußte sich glücklich schätzen, durch geschickte Unterhandlungen überall die alten Verhältnisse herzustellen. Trotzdem unternahm 1688 Childs mit noch schwächeren Kräften einen zweiten Vorstoß in Bengalen. Wieder wurde die Kompagnie aus der Provinz, aus Surat, sowie Masulipatam vertrieben, ja, die Insel Bombay bis auf das[616] Fort besetzt. Doch auch dieses Mal war der Mogul schwach genug, die früheren Rechte zurückzugeben; er erteilte Februar 1690 „den Engländern Verzeihung, da sie demütig darum gebeten hätten“, auch mußte die Kompagnie 150000 Rupien zahlen und Childs absetzen (er starb noch vor Abschluß des Vertrages im belagerten Bombay).

Im Anfang des 18. Jahrh. traten neue Verwicklungen mit den Beamten des Moguls in Surat und Bengalen auf, doch auch diese wurden dadurch überwunden, daß ein Arzt der Kompagnie den Mogul von einer schweren Krankheit heilte, man erlangte sogar neue Rechte und Gebietserweiterung (1715). Schon vorher waren Fortschritte an der Koromandelküste gemacht und eine Niederlassung auf Sumatra gegründet worden.

Auch in England hatte die Kompagnie einen schweren Stand nach Vertreibung der Stuarts. In der Allgemeinheit der Handelswelt war sie wegen ihres Monopols und wegen des Wettbewerbs der indischen Stoffe mit den einheimischen verhaßt; ihr schroffes Vorgehen zur Wahrung ihrer Rechte bot Gelegenheiten genug zu Angriffen, so lag sie ständig im Kampfe mit dem Unterhause. Mehrfach drohte Gefahr durch Gründung neuer Kompagnien (1695, 1698, 1730), die der infolge der Kriege erschöpften Regierung günstigere Anerbieten machten; 1698 trat tatsächlich eine solche in Indien wettbewerbend und feindlich auf, sehr zum Nachteil des englischen Ansehens. Aber auch diese Schwierigkeiten wurden durch geschickte Maßnahmen überwunden, stets erlangte man die Verlängerung des Vertrages, als 1744 die Regierung zu neuen Kriegen Geld brauchte bis zu 1780.

Aus vorstehendem ist zu ersehen, daß die Kompagnie alle Schwierigkeiten überwand; sie blühte auf. Die Ausfuhr nach Indien betrug 1710–1715 durchschnittlich im Jahr 496770 Lstrl. an Waren und 1600000 Lstrl. an Münze, von 1735–1740 jährlich 938970 Lstrl. bezw. 2459000 Lstrl.; die Einfuhr von dort hatte 1708–1728 einen Durchschnittswert von 758000 Lstrl. Die Dividenden waren weit bescheidener, als im allgemeinen angenommen wird: 1708 = 5%; 1710–1722 = 10%; 1723–1731 = 8%; 1732–1744 = 7% (man vergleiche dies mit Holland). Die Verwaltung war kostspielig, aber man fürchtete auch, durch zu hohe Dividenden den Neid der übrigen Handelswelt noch zu steigern. Leider sind keine genauen Angaben über die Zahl der Schiffe der Kompagnie vorhanden, um Vergleiche mit Holland anzustellen; übrigens hatte die Gesellschaft von 1712, außer einigen Schnellseglern für Postdienst, keine eigenen Fahrzeuge mehr, sondern heuerte solche. Die Garnisonen bestanden aus englischen und fremden Söldnern sowie indischen Milizen (Sepoys).

Zu Ende unseres Zeitabschnittes war die Kompagnie bereits ein gefährlicher Wettbewerber der Holländer geworden, ihre Glanzzeit trat aber erst ein, nachdem noch ein anderer, neuerschienener Nebenbuhler aus dem Felde geschlagen war, Frankreich.