Fünftes Kapitel.
Der Nordamerikanische Freiheitskrieg 1775–1783.

Entstehung des Krieges[112].

England und die Kolonien bis zu ihrer Erhebung. Bekanntlich fand die Erwerbung Kanadas im Frieden von Paris keineswegs den Beifall aller Politiker in England; viele hätten eine Erweiterung des englischen Besitzes in Westindien lieber gesehen und betonten, die eigenen Kolonien in Nordamerika könnten zu kräftig und selbstbewußt werden, wenn sie die Nachbarschaft der Franzosen nicht mehr zu fürchten brauchten; erzeugten sie doch fast alle ihre Bedürfnisse schon selber und ihre Abhängigkeit von England verminderte sich stetig. Die öffentliche Meinung und die meisten Staatsmänner teilten aber diese Befürchtung nicht, sie wollten Frankreich aus Nordamerika verdrängen. Pitt war gleicher Ansicht, denn er plante, Frankreich sämtlicher Kolonien zu berauben und es von der Hochseefischerei auszuschließen, um ihm Antrieb und Grundlage zur Aufstellung einer starken Marine zu nehmen. Auch der Amerikaner Benjamin Franklin trat öffentlich für die Erwerbung Kanadas ein. Bei der Verschiedenheit der englisch-amerikanischen Kolonien erklärte er es für ausgeschlossen, daß diese jemals gemeinsame Sache gegen das Mutterland machen würden, eher könne ein Aufgeben Kanadas sie zum Abfall führen. Seine wahre Ansicht wird dies wohl kaum gewesen sein.

Tatsächlich wuchs das Selbstvertrauen der Kolonisten außerordentlich nach den Erfolgen, die sie während des Krieges und durch ihn erreicht hatten. Sie zeigten sich zwar in allerhand Äußerlichkeiten dankbar für Englands militärische und finanzielle Unterstützung — sogar Massachusetts, die ungefügigste der Kolonien, versicherte in einer Adresse dem Könige ewige Treue, errichtete dem gefallenen General Lord Howe ein Denkmal und taufte Fort Duquesne um in Pittsburg —, aber sie hielten eifersüchtig fest an jedem ihrer wirklichen oder vermeintlichen Rechte dem Mutterlande gegenüber und verlangten vor allem, das englische Parlament, in dem die Kolonien nicht vertreten seien, solle auch keine Gesetze für sie machen, sondern das ihren eigenen gesetzgebenden Körperschaften überlassen. Ganz besonders sträubten sie sich gegen Zahlung direkter Steuern und erhoben Einspruch gegen die Beschränkung ihres Handels sowie ihrer Industrie zugunsten des Mutterlandes.

Die innere Lage der Kolonien ist bereits im ersten Bande (Seite 606) erörtert. Im Laufe des 18. Jahrhunderts war sie großenteils nach den Wünschen der Kolonisten gestaltet; diese regierten sich in der Hauptsache selbständig. Die Gouverneure wurden zwar vom Könige ernannt, da aber ihre Besoldung von den Kolonien gezahlt wurde und jährlich bewilligt werden mußte, so waren sie von diesen abhängig; ähnlich verhielt es sich mit den Richtern. Die stehenden Truppen beschränkten sich auf schwache englische Besatzungen in den Forts, die Kolonialmilizen traten für Englands Zwecke nur auf besondere Abmachung sowie Soldzahlung ein. Die Zollbeamten allein wurden von England ernannt und besoldet, über Zollvergehen urteilten nicht die Geschworenen, sondern Admiralitâtsgerichte ab.

Dieser Entwicklung der Dinge hatte man in England lange ihren Lauf gelassen, da sich die Kolonien in manches fügten, das zu Englands Vorteil diente, so in die Zoll-, Handels- und Schiffahrtsgesetze. Schwierigkeiten ergaben sich naturgemäß häufig aus der verschiedenartigen Stellung der Regierung und der Gouverneure zu diesen Fragen. So hielt es der Minister Walpole zu Englands Nutzen für vorteilhaft, die Kolonien sich frei entwickeln zu lassen; der tüchtige, langjährige Gouverneur Shirley, uns von den beiden letzten Kriegen her bekannt, verlangte dagegen tatkräftigeres Auftreten der Regierung, Einführung direkter Steuern zur Besoldung der Beamten sowie eines stehenden Heeres u. dgl. Während des letzten Krieges wurde 1756 der Earl of Loudoun mit scharfen Anordnungen gegen Eigenmächtigkeiten der Kolonien hinausgesandt, während Pitt später auf alle schroffen Maßregeln verzichtete und einzig den Patriotismus der Neuengländer anrief.

Diese Meinungsverschiedenheiten gestalteten sich seit dem Regierungsantritt Georgs III. zu ernsten Zerwürfnissen zwischen England und den Kolonien. Wie der König Minister und Parlament seinem Willen unterordnen wollte, so erstrebte er dies auch bei den Kolonien. Hier sollte nicht nur die strenge Beachtung der bislang vielfach umgangenen Handelsgesetze durchgeführt, sondern auch Geld zur Erhaltung eines stehenden Heeres aufgebracht werden. Beides war an sich nicht unberechtigt, denn bisher überschritten die Erhebungskosten der Zölle deren Einkünfte um das Vierfache, und England hatte doch auch im Kriege gegen Kanada ungeheure Geldopfer gebracht; aber die Maßnahmen Englands führten Schritt für Schritt bis zur offenen Empörung seiner Pflanzstaaten, die mit dem sog. Theesturm in Boston am 18. Dezember 1773 ihren Anfang nahm.

Die Streitigkeiten Englands mit den Kolonien waren in ihren Hauptpunkten folgende: Unter dem Minister Grenville beschloß das Parlament im April 1764 für die sämtlichen englischen Kolonien eine Einfuhrsteuer auf verschiedene Produkte, deren Ertrag nebst „anderen Abgaben“ nach Anordnung des Parlamentes für die Auslagen verwendet werden sollten, die England aus dem Schutze der Kolonien erwüchsen. Als[209] eine dieser „anderen Abgaben“ war für Nordamerika die Einführung einer Stempelsteuer in Aussicht genommen, falls die Kolonien nicht auf andere Weise die nötigen Gelder aufbringen würden; gleichzeitig ward strenge Durchführung der Handelsgesetze und scharfe Unterdrückung des Schleichhandels angeordnet. In Amerika sträubte man sich gegen die Maßnahmen der Zollbeamten und Massachusetts erklärte jede Steuer ohne seine Einwilligung für ungesetzlich. Dennoch erließ England im Frühjahr 1765 die Stempelakte.

Darauf berief Massachusetts einen Kongreß von Deputierten aller 13 Staaten nach New York, auf dem 9 Kolonien vertreten waren, einen Protest gegen die Akte abfaßten und beschlossen, keine der besteuerten Waren mehr zu kaufen, sowie sich den Stempelabgaben zu widersetzen. Tatsächlich wurden beim Inkrafttreten des Gesetzes im November überall die Stempelpapiere vernichtet, so daß die Gouverneure das Gesetz nicht durchzuführen vermochten, da Gerichtsverfahren sowie Handel stillstanden. Die Regierung in England, das Ministerium Rockingham, sah sich 1766 genötigt, die Stempelakte und auch die neuen Zollgesetze wieder aufzuheben, nicht am wenigsten auf das Drängen der Kaufmannschaft und der klugen Vermittlung Franklins, des Agenten für Pennsylvanien in London.