Wenn sie in der Leestellung waren, so warteten sie den Angriff ab und nutzten auch etwaige Übermacht — Chesapeakebucht, 5. September 1781 — oder besonders günstige Umstände — Grenada, 6. Juli 1779 — nicht zu einem Vorstoße aus, vermieden also auch hier die Entscheidung. Einige Fälle dieser Lage der Flotten zueinander bringen uns für die verschiedenartige Taktik der Gegner treffliche Beispiele, die den vierten Abschnitt kennzeichnen, besonders die Schlachten vor der Chesapeakebucht am 16. März und am 5. September 1781. Der Verlauf eines derartigen Kampfes ist bekannt: die Franzosen erwarten den Feind unter kleinen Segeln (einmal, in der ersten Schlacht vor der Chesapeakebucht, geben sie hierzu sogar die Luvstellung freiwillig auf), die Engländer greifen die ganze Linie, Schiff gegen Schiff, an, erhalten beim Heransegeln schweres Feuer in ungünstiger Lage, kommen aber selten zum Nahkampfe, weil die Franzosen vorher Segel mehren, das Gefecht abbrechen und weiter in Lee die abwartende Stellung wieder einnehmen. Da die Engländer wegen Beschädigung eines Teils ihrer Schiffe keinen zweiten Angriff wagen mögen, werden die Schlachten nicht durchgefochten. — Mit Recht bezeichnet man also diesen Zeitraum als den der „unentschiedenen Schlachten“.
Der Krieg bringt aber auch den Anfang zu einer Änderung der Taktik auf beiden Seiten. Rodney versucht bei Martinique, 17. April 1780, seinen Angriff mit Übermacht nur auf den hinteren Teil der feindlichen Linie zu richten. Es mißlingt und der Kampf entspinnt sich fast in der alten Weise, aber der Versuch bewirkt doch, daß sein Gegner in dieser Schlacht, Guichen, sich später ihm gegenüber stets die Luvstellung bewahrt.
Suffren bricht in Ostindien völlig mit der bisherigen französischen Taktik; wie er strategisch stets die Vernichtung des Gegners als erstes Ziel im Auge hatte, so bevorzugte er auch taktisch den Angriff. Er suchte dann in seiner ersten Schlacht, Sadras am 17. Februar 1782, von Luward her den Feind durch Dublieren von hinten mit Überlegenheit anzugreifen. Auch ihm gelingt es nicht und er sieht bei späteren Begegnungen davon ab, aber er wählt, wenn möglich, die Luvstellung und greift an — Providien, 12. April; Trincomali, 3. September 1782; Cuddalore, 20. Juni 1783 —, wobei er dann allerdings nach der unvollkommenen englischen Weise verfährt. Da sein Gegner, Hughes, bei dem Zusammemtoß vor Negapatam, am 6. Juli 1782, diese Form gleichfalls anwendet, enden auch die Schlachten in Ostindien ohne durchschlagende Entscheidung.
Die Versuche Rodneys und Suffrens, neue Gedanken in der Taktik zur Geltung zu bringen, scheiterten an dem Verhalten ihrer Unterführer; befangen in der alten Anschauung, gingen diese auf die Absichten ihrer Oberbefehlshaber nicht ein.
Nur zwei Zusammenstöße der Gegner in diesem Kriege bringen einen vollen Erfolg, und zwar zugunsten der Engländer. In der schon als Passiergefecht genannten Schlacht bei Dominica, 12. April 1782, durchbricht die Flotte Rodneys die feindliche Linie an drei Stellen und gewinnt dadurch an den Durchbruchspunkten ein verhängnisvolles Übergewicht für ihre Artillerie. Zwar ist der Durchbruch wohl kaum schon beim Ansetzen des Angriffes beabsichtigt gewesen, aber die Engländer — Oberbefehlshaber wie Unterführer — weichen doch von dem alten starren Schema ab, indem sie die günstige Gelegenheit benutzen. Daß in England überhaupt eine freiere Auslegung der Gefechtsinstruktion aufkam, beweist die Beurteilung zweier Admirale im Gegensatz zu kriegsgerichtlichen Sprüchen in vorangegangenen Kriegen. Keppel wurde freigesprochen, als er nach Ouessant angeklagt war, den Kampf vor Herstellung einer guten Ordnung begonnen zu haben, Arbuthnot dagegen wurde ein Vorwurf daraus gemacht, daß er in der Schlacht vor der Chesapeakebucht, am 16. März 1781, zu viel Wert auf die Erhaltung einer solchen gelegt habe.
Die zweite der entscheidenden Schlachten war keine rangierte, sondern das von Rodney mit Umsicht und Kühnheit durchgeführte Verfolgungsgefecht bei Kap St. Vincent am 16. Januar 1780.
Fußnoten:
[112] Hauptquellen zu dieser Betrachtung der politischen Verhältnisse: Schlosser, „Geschichte des 18. und 19. Jahrhdts. bis zum Sturz des französischen Kaiserreiches“, Band III und IV, sowie, besonders für die englisch-amerikanischen Verhältnisse, Zimmermann, „Europäische Kolonien“, Band II.