Eine richtigere Strategie Englands wäre wohl gewesen, den Hauptangriff auf die feindlichen Seestreitkräfte zu richten; diese aber waren am sichersten vor ihren eigenen Häfen zu finden; England konnte dabei den Vorteil ausnützen, daß seine Flotte eine gemeinschaftliche Basis hatte, in einer Hand lag und aus einem Guß war. Es mußte die europäischen Gewässer, Nordamerika und Westindien als einen Kriegsschauplatz ansehen und mit seiner Hauptmacht die Vereinigung der Gegner zu hindern, deren Plänen gleich bei ihrem Auslaufen entgegenzutreten suchen. Um hierzu in Europa die nötigen Kräfte zu haben, hätte man allerdings die auswärtigen Angriffspunkte durch Schwächung der Geschwader dort bis zu einem gewissen Grade aufs Spiel setzen müssen, jedoch konnte man dies in Nordamerika durch eine gegen jeden Seeangriff genügende Befestigung der Hauptstützpunkte, New York und Newport, zum Teil ausgleichen. Mit einem derartigen Auftreten vor den feindlichen Häfen soll keineswegs auf eine strenge Blockade hingewiesen sein, mit der eitlen Hoffnung, jeden Vorstoß zu verhindern oder jeden Konvoi abzufangen, sondern auf die Aufgabe, jeder großen ausgelaufenen Flotte auf den Fersen zu folgen und sie mit Übermacht zu schlagen[192]. Dem Landkriege in Nordamerika wäre dies gleichfalls zugute gekommen, denn die Amerikaner konnten sich nur mit Hilfe der französischen Marine, sowie durch Zufuhren aus Europa halten und endlich wurde auf diese Weise leichter den Gegnern die Versorgung ihrer Stützpunkte draußen erschwert. Um es nochmals hervorzuheben, auch England mußte als erstes Ziel die Vernichtung der feindlichen Seestreitkräfte ansehen.

Es ist allerdings fraglich, ob die englische Regierung der Volksmeinung gegenüber, der sie stets hat Rechnung tragen müssen, Kolonien und Handel scheinbar im Stich lassen durfte, wenn auch ihr Verhalten tatsächlich nur deren Verteidigung schon in den europäischen Gewässern bezweckt hätte.

Wie lösten nun die Verbündeten ihre Aufgabe? Frankreich hatte den Krieg vorbereitet und begann den Feldzug 1778 mit einer Diversion nach Nordamerika (d'Estaing), die sich später gegen Westindien wenden sollte, es hatte aber nicht genügend gerüstet, um in diesem Jahre schon in Europa kräftig auftreten zu können; nicht einmal das Auslaufen einer englischen Flotte unter Byron nach dem bedrohten Punkte vermochte es zu hindern. 1779 verstärkte es seine Kräfte in Westindien und bereitete mit Spanien vereint einen Einfall in England vor. Das Unternehmen schlug fehl, weil Spanien zu spät fertig war und dann dem Oberbefehlshaber d'Orvilliers die nötige Tatkraft mangelte. Von 1780 an machte sich die Verschiedenheit der Interessen geltend; Frankreich legte ein zu großes Gewicht auf den westindischen Kriegsschauplatz und Spanien auf die Eroberung von Gibraltar. Dieses war ein Nebenziel ohne Einfluß auf den Großen Krieg und hätte leichter sowie sicherer durch Lösung der Hauptaufgabe, Vernichtung der feindlichen Seemacht, erreicht werden können; Frankreich gab trotz besserer Einsicht hierin nach. So brachten denn die weiteren Kriegsjahre den Verbündeten außer der gleichfalls belanglosen Eroberung von Minorka in Europa keine Erfolge, obgleich ihre Flotte stets bedeutend überlegen war; allerdings führte auch noch ein unfähiger Admiral (Cordoba) den Oberbefehl. Man unternahm nichts Ernstes mehr gegen England und seine Kanalflotte. Dieser gelang es sogar, in jedem Jahre Gibraltar zu verstärken und mehrfach die Verbindung der Gegner mit anderen Kriegsschauplätzen zu stören. Die Kraft der englischen Marine infolge ihres inneren Wertes sowie der Kühnheit und Geschicklichkeit ihrer Admirale, die sich hierbei zeigte, dürfte ein Beweis sein, daß eine Strategie Englands, wie sie oben geschildert ist, trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Gegner wahrscheinlich Erfolg gehabt hätte.

In Westindien besaß Frankreich mehrfach die Übermacht, nützte sie jedoch nicht aus. Es bemächtigte sich verschiedener Inseln, dachte dann aber nur an deren Schutz, obgleich die Leichtigkeit der Eroberungen darauf hätte hinweisen müssen, daß nach Erringung der unbedingten Seeherrschaft auch die anderen englischen Inseln bald gefallen wären. Wollte Frankreich den Kampf in Westindien über den Rahmen einer Diversion hinausgehen lassen, so konnte es noch mehr Mittel darauf verwenden; die Flotte der Verbündeten in Europa wäre zu dem, wozu man sie verwandte, stark genug geblieben. Doch auch ohne dies hätten die Gegner Englands auf diesem Kriegsschauplatze eine große Übermacht entfalten können, wenn Spanien seine Pflicht tat. Aber die Flotte Solanos, die 1780 dort erschien, konnte oder wollte sich nicht an französischen Unternehmungen beteiligen. Sie lag untätig in Havanna, nur auf den Schutz der gar nicht bedrohten eigenen Kolonien bedacht, und trat nur einmal zur Eroberung Floridas hervor; ein Unternehmen von reinstem Sonderinteresse, das wie eine Einnahme von Gibraltar gar keinen Einfluß auf den Großen Krieg hatte. Der mit großen Mitteln ins Werk gesetzte gemeinsame Angriff auf Jamaika 1782 kam nicht zur Ausführung; schon der moralische Eindruck der Niederlage der Franzosen bei Dominica genügte, davon Abstand nehmen zu lassen.

In den gleichen Fehler, der von der obersten Leitung im großen gemacht wurde, verfielen aber auch die französischen Führer der verschiedenen Flotten bei der Durchführung ihrer Aufgaben. Mit Ausnahme Suffrens in Ostindien[193] und de Grasses bei seinem Auftreten in Nordamerika 1781 beharrten sie auf dem Standpunkte, der sich in allen Kriegen des vierten Abschnittes gezeigt hat: Sie schonten ihre Schiffe und vermieden Entscheidungsschlachten, obgleich sich ihnen mehrfach Gelegenheit bot, den feindlichen Seestreitkräften einen schweren Schlag zu versetzen; nach Erfolgen traten sie meist strategisch in die Defensive, und taktisch defensiv war das Verhalten der verbündeten Flotten eigentlich bei allen Begegnungen mit dem Feinde. Über die spanischen Admirale in dieser Hinsicht zu sprechen, lohnt sich überhaupt nicht, und das Nachgeben Frankreichs Spanien gegenüber äußert sich darin am bezeichnendsten, daß es von 1780 an den Oberbefehl der gemeinsamen Flotte in Europa Cordoba überließ, obgleich es dessen Unfähigkeit wohl erkannt hatte.

Die Flotten boten überall das Mittel zur Entscheidung. England hätte selbst in der Verteidigung mehr erreichen können, wenn es die eigenen Seestreitkräfte zur Vernichtung der feindlichen zusammengehalten hätte. Die militärische Politik der Verbündeten muß jedoch noch schärfer verurteilt werden. Ihnen stand es frei, nach Vereinigung ihrer Kräfte — und diese hinderte der Gegner nicht — in der Offensive zu wählen, wo sie überwältigend schlagen wollten. Sie faßten ja auch große Pläne, besonders Frankreich, führten sie aber nicht durch, Nebenzwecke lenkten sie ab. Diese liefen auseinander — eine Schwäche, die Bündnissen häufig anhaftet —, und bei ihrer Durchführung gab Frankreich des guten Einvernehmens halber nach, in der Hoffnung, Spanien doch noch seinen Plänen geneigt zu machen; Spaniens Verhalten dagegen streifte, wenigstens 1780 in Westindien, fast an Treulosigkeit. Mahan schreibt: „Wie machten sich die Verbündeten ihre großen Vorteile zunutze? Indem sie an den Rändern des britischen Reiches herumnagten und sich am Felsen von Gibraltar die Köpfe einstießen.“ Wir können im Sinne Mahans hinzufügen: „Anstatt vor allem die feindlichen Flotten zu vernichten.“

Bei Beurteilung der Leistungen der Verbündeten muß aber auch wohl in Betracht gezogen werden, was über den inneren Wert ihrer Marinen gesagt ist (vgl. Seite [33] ff. und Seite 220 ff.). Der französischen Marine fehlte es an Offizieren und Seeleuten, wodurch die Qualität ihrer Schiffsbesatzungen beträchtlich herabgesetzt wurde. Dieser Umstand wird unter anderem schon dadurch gekennzeichnet, daß die Seereisen französischer Flotten meist weit längere Zeit in Anspruch nahmen, und daß die Schiffe in Stürmen sehr viel mehr litten als die der Engländer. Die spanische Marine stand noch schlechter da.

So brachte der Krieg den Verbündeten nur überall Fehlschläge. Mahan schließt seine Betrachtungen mit den Worten: „Die Absicht der Verbündeten war, zugefügtes Unrecht zu rächen und der tyrannischen Herrschaft ein Ende zu machen, die England sich auf dem Ozean anmaßte. Die Rache, die sie genommen, brachte ihnen selber wenig Nutzen. Sie hatten, wie die damalige Generation annahm, England durch die Befreiung Amerikas geschädigt, aber sie hatten weder in Gibraltar noch in Jamaika das ihnen widerfahrene Unrecht gut gemacht; die englische Flotte war von ihnen nicht derart mitgenommen worden, daß sich dadurch ihr hochmütiges Selbstvertrauen vermindert hätte; die bewaffnete Neutralität der nordischen Mächte hatte man fruchtlos im Sande verlaufen lassen, und die englische Seeherrschaft wurde bald ebenso tyrannisch und noch schrankenloser wie je zuvor.“

Über Taktik[194]. Während der österreichische Erbfolgekrieg nur zwei und der Siebenjährige Krieg nur vier rangierte Schlachten brachte, kann man von den 1778–1783 erfolgten Zusammenstößen wohl vierzehn als solche ansehen. Sie liefern uns viel Bemerkenswertes für den Stand der Taktik in der Zeit des vierten Abschnittes. Nach Schilderung einer jeden finden sich die hierfür wichtigen Punkte hervorgehoben, da aber mit diesem Kriege die Periode abschließt, ist es angebracht, sie noch einmal zusammenzustellen.

In allen Schlachten, mit Ausnahme derer auf dem ostindischen Kriegsschauplatze, tritt die Neigung der Franzosen hervor, in der Abwehr zu fechten; niemals sind sie die Angreifer. Wenn sie die Luvstellung einnehmen, so wollen sie in ihr nur einen ernsten Kampf vermeiden, nicht sie zum Angriff ausnutzen. Gelang es dann den Engländern an sie heranzukommen, so kam es zum Passiergefechte — Ouessant, 27. Juli 1778; Martinique, 15. und 19. Mai 1780; Dominica, 12. April 1782 — oder zum laufenden Gefechte — Martinique, 29. April 1781. Beides sind Kampfarten, die nur selten eine Entscheidung herbeiführen.