Hier ist der Einfluß der Strategie der Franzosen auf ihre Taktik zu erkennen. Diese hätte weiter dahin ausgebildet werden können, daß man nach der Schwächung des Gegners zum Angriff überging, um noch größeren Erfolg auf dem Schlachtfeld zu erreichen. Die Franzosen begnügten sich aber damit, den Angriff unter Schonung der eigenen Schiffe abgeschlagen zu haben.
Wie schon meist zur Zeit Ludwigs XIV. kämpfte Frankreich auch später nie um die Seeherrschaft im großen Sinne; den Seestreitkräften wurden nur bestimmte Ziele gesetzt: eine Eroberung zu sichern; eine Landung zu decken; ähnlichen Vorhaben des Gegners entgegenzutreten, häufig mit dem ausdrücklichen Befehle, „die kostbaren und schwer zu ersetzenden Schiffe zu schonen“. Die Flottenführer wurden somit darauf hingewiesen, Zusammenstöße möglichst zu vermeiden und, wenn sie zum Kampfe gezwungen waren, jedenfalls nicht zuviel aufs Spiel zu setzen. Diese Auffassung wurde bei ihnen zum Grundsatz; ein französischer Autor sagt sogar: „Man sah es fast als ein Unglück an, wenn man mit dem Feinde zusammenstieß.“ Deshalb bevorzugten die Franzosen nun auch die taktische Defensive, bauten ihre Abwehrtaktik aus der Leestellung auf und führten diese dann schematisch durch, ohne etwaige Erfolge auszunutzen. Auch ihre Gefechtsinstruktion sah die Aufrechterhaltung der Ordnung als Hauptsache an und verbot streng, die Linie ohne Befehl zu verlassen.
Lange Zeit blieben beide Gegner bei ihrem Schema. Die Schlacht bei Malaga (1704) gilt als die erste, in der sich die englische Angriffsform zeigt; in der Schlacht bei Minorka (1756) tritt das französische Abwehrverfahren zuerst deutlich hervor; als die letzten Fälle, in denen die beiden Taktiken sich noch einmal ausgesprochen gegenüberstehen, werden die Schlachten vor der Chesapeakebucht 1781 (am 16. April und am 5. September) angesehen. Die dazwischenliegende Zeit nennt man wohl die Zeit der unentschiedenen oder der französischen Defensivschlachten. Dies ist zutreffend, denn in allen Kämpfen zwischen annähernd gleichen Streitkräften begnügten sich die Franzosen mit der Abwehr, und die Schlachten brachten taktisch keine Entscheidung.
Die angreifenden Engländer erreichten nie ihren Zweck, den Feind zu vernichten, aber auch die Franzosen erfochten nie einen vollen Sieg. Bei der eigenartigen Verwendung des Geschützfeuers auf jeder Seite, der ihr eigentümlichen Taktik entsprechend, hatten die Franzosen meist den größeren Verlust an Menschen, während auf englischer Seite stets die Schiffe bedeutend mehr litten.
Erst gegen das Ende des hier behandelten Zeitabschnittes tritt bei beiden Gegnern wieder der Gedanke auf, sich mit der ganzen Kraft auf einen Teil des Feindes zu werfen. Der englische Admiral Rodney versucht bei Martinique (17. April 1780) von Luward her nur die feindliche Mitte und Nachhut anzugreifen. Von seinen an die alte Kampfart gewöhnten Unterführern nicht verstanden, gelingt es ihm zwar nicht, aber sein Gegner sucht von nun ab wieder die Luvstellung; allerdings geschieht dies nicht zum Angriff, sondern weiter zum Vermeiden größerer Entscheidungen. Derselbe Führer durchbricht bei Dominica (1782) von Luward her mit seiner Mitte die feindliche Flotte und dubliert den abgeschnittenen Teil mit großem Erfolge. Möglich, daß er zu diesem Manöver nur durch ein Umspringen des Windes gezwungen wurde, aber dessen Vorteile wurden jedenfalls erkannt, und dies führte dahin, daß man in England wieder Signale für „Durchbrechen“ annahm. Zu derselben Zeit weicht auch der französische Admiral Suffren in den indischen Gewässern von der bisherigen Defensivtaktik ab; er wählt die Luvstellung zum Angriff und sucht eine gleichstarke englische Flotte hinten zu dublieren.
Die vorstehenden Darlegungen über die Taktik sollen die späteren Schilderungen der Schlachten, sowie ihre Besprechungen erleichtern. Sie erweisen aber auch jetzt schon die Kennzeichnung des vierten Abschnittes: „Die Taktik wird lange schematisch gehandhabt, aber gegen das Ende erwacht neues Leben in ihr“, als richtig. Jetzt erschien das epochemachende Werk des Schotten Clerk (vgl. Quellenverzeichnis) und zwar 1782 in wenigen Exemplaren gedruckt, 1790 in erster großer Auflage. Wir werden uns damit im nächsten Abschnitt beschäftigen, weisen aber hier schon darauf hin, daß der Verfasser die Maßnahmen zur Konzentration der Kraft in der Schlacht behandelt, sowie daß er seine Gedanken bereits vor dem Erscheinen des Buches englischen Seeoffizieren, unter diesen auch Rodney, mitgeteilt hatte.
Fußnoten:
[10] Siehe Band I, Seite [166], die Abbildung des „Royal Louis“.