Wir wissen, daß die französischen Seeoffiziere im Gegensatz zu den englischen mehr für die militärische Seite ihres Berufes veranlagt waren und sich mehr mit theoretischen Studien beschäftigten[34]. So entstand gegen die schematische Angriffsart der Engländer nun eine Abwehrtaktik der Franzosen. Diese nutzte die bisher wenig beachteten Vorteile aus, die eine Leestellung bietet. Die Franzosen sind aber nicht nur aus diesen Gründen zur Wahl einer Defensivtaktik gekommen, sondern dabei sehr durch ihre Strategie beeinflußt worden.

Zur englischen Angriffsart.

Vor- und Nachteile der Leestellung. Die Flotte in der Leestellung kann den Kampf nicht erzwingen und ist einem Angriff gegenüber auf die Verteidigung angewiesen, wenn sie sich nicht zurückziehen will. Ein Durchbrechen oder ein Dublieren des Gegners ist für sie schwieriger als für eine Luvflotte. Sie kann aber fast bei jedem Wetter ihre untersten Batterien gebrauchen, da die Luvseiten der Schiffe dem Feinde zugewandt sind; auch kann sie die Angreifer beim Herankommen mit den Breitseiten beschießen. Sie deckt leichter ihre beschädigten Schiffe, hält leichter ihre Ordnung aufrecht und kann jederzeit das Gefecht abbrechen, da der Feind mit stärker beschädigten Schiffen nicht imstande sein wird, sofort und in guter Ordnung zu folgen.

Die Luvstellung ist mithin geeigneter zum Angriff, die Leestellung zur Abwehr, und es ist, wie in der Kriegführung stets, auch hier die Verteidigung materiell, der Angriff moralisch stärker (nach einem Ausspruche des Generals v. Clausewitz).

Die englische Angriffsart bringt große Übelstände mit sich. Wenn der Angreifer abhält, um an die feindliche Linie heranzugehen und sich dann dieser auf nahe Entfernung Schiff gegen Schiff nun auch unter gekürzten Segeln wieder parallel zu legen, so sind seine Schiffe längere Zeit dem Enfilierfeuer von vorn ausgesetzt, das sie nur mit wenig Geschützen erwidern können (vgl. Plan, Lage 1). Nun liegt aber der Angegriffene nicht ganz still, er hat wenigstens soviel Bewegung, daß die Schiffe steuerfähig bleiben. Die angreifenden Schiffe müssen also schräg herangehen, um auf die ihnen in der feindlichen Linie entsprechenden Gegner zu stoßen; hierdurch wird die Dauer der ungünstigen Lage verlängert (Lage 2). Ferner ist es für Segelschiffe sehr schwierig, in einer solchen Stellung zueinander (nicht mehr in Kiellinie, sondern in einer Peilungslinie zum Kurse — Lage 2a-a) eine gut ausgerichtete Linie innezuhalten, und da nun auch das eine oder das andere Schiff in der Takelage beschädigt werden wird, ist es wahrscheinlich, daß nicht alle Schiffe gleichzeitig ihren Platz zum Nahkampfe einnehmen; der Angriff erfolgt also nicht gleichmäßig.

Dies ist nun aber nur von formeller Bedeutung, in der Praxis gestaltet sich der Angriff noch ungünstiger. Die Luvflotte will dem Feinde den Weg abschneiden, ihn festhalten und zum Kampfe zwingen. Sie wird also schon von weiterer Entfernung an vor die Spitze des Feindes halten. Bei der Schwierigkeit, dies in einer Peilungslinie durchzuführen sowie um ein längeres Enfiliertwerden zu vermeiden, wird sie in Kiellinie bleiben, bis sie nahe genug zum Angriff durch Abhalten ist (Lage 3). Dieses Schrägheranführen in Kiellinie hat zwei Mißstände im Gefolge, die einen gleichzeitigen Angriff ausschließen, häufig denselben überhaupt lähmen. 1. Die ersten Schiffe werden stets früher zum Nahgefecht kommen als ihre Hinterleute, weit früher aber noch als die letzten der Linie. 2. Wenn ein Schiff der Linie, z. B. in der Mitte (Lage 4 a). vor dem Abhalten zum Angriff durch Beschädigungen lahmgelegt wird, so hält es seine Hinterleute auf und zwingt sie zum Ausweichen; die Linie wird gestaucht und die Ordnung gestört.

Die Schwierigkeit, den Angriff auf der ganzen Linie gleichzeitig durchzuführen und die ungünstige Lage des Angriffes machten die Franzosen sich zunutze. Sie ließen den bisher allgemein anerkannten Grundsatz fallen, vor der Schlacht die Luvstellung zu erstreben; sie gingen sogar zuweilen freiwillig nach Lee, um in (Kiellinie beim Winde) den Angriff aufzunehmen. Sie richteten dann, wie sie es schon früher gern getan hatten, ihr Feuer auf die Takelage, die Bewegungsfähigkeit des Feindes, ein großes, bereits auf weitere Entfernungen mit Erfolg zu beschießendes Ziel. Sie warteten dann aber nicht den Angriff auf der ganzen Linie ab, sondern wichen einem allgemeinen Kampf aus, wenn nur erst die feindliche Spitze herangekommen und genügend geschädigt war.

Meist zogen sie unter schnell vermehrten Segeln ihre ganze Linie an den vordersten feindlichen Schiffen, die dann schon durch das beim Herangehen erhaltene Feuer in ihrer Bewegungsfähigkeit beschränkt waren, vorüber und überschütteten sie mit Geschossen; dann nahmen sie in Lee aufs neue Stellung und warteten in gleich günstiger Lage wie beim ersten Angriff das Weitere ab[35]. Sie konnten infolge des zwischen den Flotten lagernden Pulverrauchs gewöhnlich ihr Manöver unbemerkt beginnen und auch in guter Ordnung durchführen, da ihre Schiffe noch unbeschädigt waren. Die Engländer aber sahen von einem zweiten Angriff ab, weil ihre Spitzenschiffe durch die Beschädigungen in der Takelage nicht mehr voll gefechtsfähig waren; häufig wurde eine englische Flotte dadurch sogar auf längere Zeit lahmgelegt. Es blieb bei dem einen Zusammenstoß, und die Flotten trennten sich.