Für eine Leeflotte, aber nur für diese, sieht das Werk auch ein Durchbrechen der feindlichen Linie vor. Sie soll dazu über den beabsichtigten Durchbruchspunkt hinaussegeln und dann im Kontremarsch wenden[28]. Die Schiffe, die durchgebrochen sind, wenden darauf zu Luward der feindlichen Linie wiederum, und so sind die Schiffe des Gegners hinter dem Durchbruchspunkte dubliert. Hoste hält aber dieses Durchbrechen nicht für unbedingt empfehlenswert. Der Gegner kann es vereiteln, wenn er sofort mit allen Schiffen zugleich über den andern Bug geht; es wird gefährlich, wenn der Feind einige Schiffe durchbrechen läßt und dann wendet, denn nun sehen sich die durchgebrochenen dubliert. Das Manöver sei nur ratsam, wenn man eine größere Gefahr vermeiden will (z. B. auf eine Leeküste gedrängt, um abgeschnittene Kameraden zu befreien u. dgl.); auch wenn in der feindlichen Linie eine Lücke vorhanden ist — sei es infolge geringerer Schiffszahl, sei es nach Niederkämpfen einiger —, sollen die dadurch unbeschäftigten eigenen Schiffe durch die Lücke brechen und den Feind hinten dublieren.

Das Werk zeigt uns, wie dargelegt, einen hohen theoretischen Stand der Taktik, wohl geeignet, darauf weiter zu bauen. In der Praxis lag jedoch die Sache anders. Vom zweiten Englisch-Holländischen Kriege (1665–1667) an finden wir zwar in allen großen Schlachten Flottenführer, die versuchen, an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, sei es schon durch Ansetzen des Angriffes, sei es durch Ausnutzen von Blößen, die der Gegner während der Schlacht zeigt. Wir nennen Monck, Ruyter, du Quesne, die in diesem Bestreben von ihren Unterführern, d'Estrées, Bankers, den Haën, Nesmond, durch selbständige Manöver unterstützt wurden. Die aus diesen Beispielen zu ziehenden Lehren waren jedoch noch nicht Allgemeingut geworden, selbst die Gefechtsinstruktionen jener Zeit standen nicht auf der Höhe der Hosteschen Abhandlungen; es ist auch nicht anzunehmen, daß sich die Seeoffiziere jener Zeit, insbesondere die englischen „Teerjacken“, im allgemeinen mit ihnen beschäftigt hätten.

Die älteste eingehendere Gefechtsinstruktion in England[29] ist von 1665. Sie weist im allgemeinen auf den „Angriff« von Luward her, über denselben Bug wie der Gegner liegend und mit der ganzen eigenen Linie auf die ganze feindliche zugleich“ hin. Sie sagt nämlich: „Erwartet der Feind, in Lee stilliegend, den Angriff, so soll ein jedes Geschwader[30] das entsprechende des Gegners angreifen. Begegnet die Flotte der feindlichen auf entgegengesetztem Kurse, so soll sie so weit laufen, bis ihre Vorhut querab von der Nachhut des Feindes ist; dann soll sie mit allen Schiffen zugleich wenden, so daß sie nun über den gleichen Bug parallel und querab von ihm (bereit zu vorstehender Angriffsart) liegt. — Steht die Flotte über gleichen Bug in Lee, so soll die Vorhut die feindliche Linie durchbrechen und deren hintere Schiffe von Luward her angreifen; Mitte und Nachhut sollen die vorderen Schiffe des Feindes beobachten und die Nachhut unterstützen.“ Bald darauf wurde einem selbständigen Durchbrechen seitens der Geschwaderchefs, ja selbst der Schiffskommandanten, in günstigen Augenblicken das Wort geredet und ihnen überhaupt mehr Freiheit gegeben, aber dann kam nach und nach in der Instruktion doch immer stärker das Streben zum Ausdruck, die ganze „Kiellinie beim Winde“ in strengster Ordnung, Spitze gegen Spitze und Schiff gegen Schiff von Luward her zum Angriff heranzuführen.

Die Vor- und Nachteile der Luvstellung (vgl. Band 1, Seite [184]): Die Luvflotte kann jederzeit angreifen, die Gefechtsentfernung bestimmen, sowie leichter zum Entern gelangen; sie kann leicht die feindliche Linie durchbrechen und einen Teil von ihr abschneiden; sie kann den Gegner hinten dublieren; ihre Brander kommen besser zur Verwendung. Der Pulverrauch zieht nicht über die Schiffe hin und brennende Rückstände aus den Geschützen gefährden sie nicht. — Die Nachteile der Luvstellung bestehen darin, daß die Schiffe häufig infolge des Überliegens bei starkem Winde oder wegen schwerer See die Pforten der untersten Batterie, in der die schwersten Geschütze stehen, auf der dem Feinde zugewandten Leeseite geschlossen halten müssen. Beim Herangehen zum Angriff sind die Schiffe dem Enfilierfeuer[31] ausgesetzt, während sie nur ihre Buggeschütze verwerten können. Es wird stets schwierig sein, ein Gefecht abzubrechen, da sich hierzu die Flotte nach Luward hin vom Feinde entfernen muß, beschädigte Schiffe werden aber vielleicht nicht mehr wenden oder höher am Winde steuern können; diese treiben dann dem Feinde entgegen, der sie völlig vernichtet, falls sie nicht dadurch unterstützt werden, daß man das Gefecht fortsetzt.

Um 1691 sind die Bestimmungen über Durchbrechen ganz fortgefallen; kein Geschwader und kein Schiff darf ohne Befehl seinen Platz verlassen; streng wird darauf hingewiesen, den Angriff genau Spitze auf Spitze anzusetzen. Der Wortlaut der Instruktion machte es dem Oberbefehlshaber fast unmöglich, seine Flotte so heranzuführen, daß er von vornherein an einer Stelle die Übermacht gewann, und ebenso war ausgeschlossen, dies später durch Initiative der Unterführer zu erreichen.

Ein Dublieren des Feindes durch unbeschäftigte Schiffe, wie es Hoste empfiehlt, war in England auch früher niemals vorgesehen. Man soll wegen der Gefahr des gegenseitigen Beschießens der eigenen Schiffe das Dublieren hier ungünstig beurteilt haben, da die Engländer möglichst nahe an den Feind heranzugehen pflegten. Die Franzosen, die weitere Gefechtsentfernungen bevorzugten, hielten mehr vom Dublieren.

In dieser Änderung der Instruktion sahen sämtliche Marineschriftsteller bisher einen argen Rückschritt in der Taktik gegen die Zeit der obenerwähnten hervorragenden Führer. Nur Corbett sagt[32], es sei ein natürlicher Rückgang in ein defensiveres Verfahren nach einer Zeit wagemütigen Vorgehens seitens bedeutender Männer gewesen; man sei mit der Erkenntnis der Gefahren, die außergewöhnliche Manöver mit sich brächten (wie sie auch Hoste anführe), zu der wohlüberlegten Überzeugung gekommen, daß diejenige Flotte die größte Aussicht auf Erfolg habe, die am längsten ihre Formation hielte. Corbetts Auslassungen werden teilweise richtig sein, aber er will doch wohl auch das englische Seeoffizierkorps jener Zeit gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, es habe die Taktik vernachlässigt. Sollte dieser Vorwurf nicht doch berechtigt sein?

Wir haben bei der Kennzeichnung der Offizierkorps der beiden großen Marinen erwähnt, daß in England wenig Neigung zu militärisch-theoretischen Studien vorhanden war. Stolz auf ihre seemännische Tüchtigkeit, glaubten die englischen Seeoffiziere ihr Ziel, das Niederschmettern des Feindes „im Kampf Schiff gegen Schiff“, jederzeit zu erreichen. Die Beispiele der großen Führer bis zur Schlacht von Kap Barfleur-La Hogue (1692) gerieten in Vergessenheit, und es ist fraglich, ob Hostes Werk in weiteren englischen Kreisen bekannt war; erst etwa 1762 erschien eine vollständige Übersetzung in englischer Sprache. Die lange Friedenszeit 1713–1739 gab auch keinen Anlaß zur Beschäftigung mit taktischen Fragen; Übungsflotten kannte man noch nicht[33]. So führten die Engländer lange Zeit ihre Schlachten nach den Buchstaben ihrer Gefechtsinstruktion: Rücksichtsloses Draufgehen in starrer Ordnung, Kampf Schiff gegen Schiff in nächster Nähe. Sie richteten auch stets ihr Feuer auf den Rumpf der feindlichen Schiffe, also auf die durch Geschütze und Mannschaft dargestellte Gefechtskraft, während es häufig zweckmäßiger gewesen wäre, die Takelage, also die Bewegungsfähigkeit der Gegner, als Ziel zu wählen. Zum Beharren bei dieser unvollkommenen Taktik trugen verschiedene Kriegsgerichtsurteile bei über Führer, die von der Vorschrift abgewichen waren. Die bekanntesten dieser Gerichtserkenntnisse sind die nach den Schlachten vor Toulon (1744) und bei Minorka (1756); aus ihrer Besprechung wird sich ergeben, welch eine beschränkte Auffassung für die Verwendung von taktischen Regeln im englischen Seeoffizierkorps herrschte.