In England konnte ein jeder ohne Rücksicht auf Herkunft höhere Stellungen erreichen. Die schon erwähnte harte Erziehung dort, die häufige Verwendung an Bord machte die englischen Offiziere zu kühnen und erfahrenen Seeleuten, aber mit wenig Neigung für Wissenschaft und Theorie, zu „Teerjacken“, wie die Engländer selber sagen; da sie viel zur See fuhren, aber nicht immer kriegerische Verwendung fanden, wurden hervorragende Leistungen in Seemannschaft ihr Stolz, militärische, die mehr auf Theorie begründet waren, wie z. B. Taktik, lagen ihnen ferner. In Frankreich ergänzte sich das Offizierkorps nur aus Adligen, gerade hier eine hervorragend kriegerische Kaste; bis 1789 gab es besondere Beamte, die die adlige Herkunft der Offizieraspiranten zu prüfen hatten. Eine sorgfältigere Erziehung und auch wohl der Volkscharakter führten außerdem die französischen Offiziere dahin, sich mehr mit wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen, und die Seltenheit der Einschiffungen gab ihnen die Zeit hierzu. So stand das französische Seeoffizierkorps dem englischen in seemännischer Praxis unbedingt nach, war ihm aber theoretisch überlegen. Letzteres zeigt sich während der nächsten Kriege besonders in der Taktik: die Engländer hielten im Kampfe an einem alten Brauche fest, die Franzosen gründeten hierauf eine überlegte Taktik. Einen größeren Nutzen zogen sie aber hieraus nicht, da ihre Taktik die einer zu vorsichtigen Abwehr gegen ein kräftiges, allerdings oft unbedachtes Draufgehen blieb.
Von der wissenschaftlichen Beschäftigung der französischen Offiziere gibt uns die Akademie ein Beispiel; wir sehen weiter noch, daß sich verschiedene Offiziere literarisch über Seetaktik betätigten. Die Bewertung der Theorie ging aber zu weit. Chabaud-Arnault sagt (Seite 196) von den Offizieren um 1778: „Sie waren mutig, eifrig und besser unterrichtet als die anderer Marinen. Vielleicht waren sie zu gelehrt in dem Sinne, daß ihnen, durchdrungen von den Regeln der Theorie, häufig die Initiative fehlte, unter gewissen Umständen mit den Regeln zu brechen, wenn es sich darum handelte, einen Erfolg auszunutzen oder die Folgen einer Schlappe abzuschwächen.“ Die Engländer verfielen übrigens in den gleichen Fehler, aber aus Mangel an theoretischer Beschäftigung mit der Taktik; auch sie wagten nicht, von den althergebrachten Regeln abzuweichen. Dieser Fehler ist aber bei den Franzosen auch sicher eine Folge der von höchster Stelle angeordneten Kriegführung. Eine lange durchgeführte defensive Strategie, der häufig ausdrücklich gegebene Befehl, die Schiffe zu erhalten und zu schonen, konnte nicht zur Entwicklung von Unternehmungsgeist im Offizierkorps führen und hat auch zum Aufbau[36] einer reinen Abwehrtaktik beigetragen. Der größere Wagemut auf englischer Seite und das vorsichtige Zurückhalten auf französischer ist in vielen Fällen schließlich auch darauf zurückzuführen, daß infolge der verschiedenen Beförderungsart die höheren Führer der Franzosen in weit höherem Lebensalter standen.
Ältere französische Schriftsteller sagen, die Disziplin im französischen Offizierkorps sei mangelhaft gewesen, besonders zur Zeit des dritten Krieges, neuere stellen dies in Abrede, geben aber folgende Punkte zu, die dem Geiste der Unterordnung schädlich waren: der Geburts- und Klassenstolz der Offiziere brachte ein Gefühl der Gleichberechtigung aller Dienstgrade hervor. Admirale, Kommandanten, Offiziere und Seekadetten bildeten eine Waffe; „sie duzten sich wie Hinz und Kunz“. Bei der Handhabung des Schiffes sprach der Untergebene seine Meinung aus, und der Vorgesetzte gab oft nach, um nicht unbeliebt zu werden. — Wie zur Zeit Colberts stellte man wieder Offiziere der Armee mit ihrem Dienstgrade in die Marine, was die Seeoffiziere empörte und der Kameradschaft schadete. — Der Adelsstolz der officiers rouges stieß die officiers bleus vor den Kopf. Dies zeigte sich besonders im dritten Kriege, als im französischen Volke bereits revolutionäre Gedanken auftauchten.
Uniformen. In die hier geschilderte Zeit fällt die Einführung von Uniformen für die Seeoffiziere und Deckoffiziere. Bis dahin scheint zwar eine gewisse gleichartige Tracht Mode gewesen zu sein — in Frankreich war eine Uniform für die Gardesmarines vorgeschrieben, in Dänemark schon 1723 auch für die Offiziere —, aber genaue Vorschriften erschienen in England[23] erst um 1748 und 1787, in Frankreich 1763. Überall wurde Blau mit goldenem Besatz gewählt, wie es noch jetzt üblich ist. Der Anzug der Matrosen blieb noch weiter ungeregelt; in England konnten die Leute ihren Anzug vom Staate kaufen, waren aber nicht dazu verpflichtet. Wahrscheinlich hat auch bei den Matrosen eine Mode geherrscht, wie es ja nach alten Bildern selbst in der Handelsmarine der Fall gewesen zu sein scheint, auch wird der Einfluß der Vorgesetzten eine gewisse Gleichmäßigkeit, wenigstens auf den einzelnen Schiffen, erzielt haben.
Die Taktik.
Wir haben die Entwicklung der Taktik während der Zeit von 1648 bis 1740 verfolgt[24] und wollen nun hier zunächst ihren Stand zu Beginn des neuen Zeitabschnittes betrachten. Am geeignetsten hierzu ist das Werk des Jesuitenpaters Paul Hoste. Dieser war längere Zeit Kaplan des französischen Admirals Tourville; als Professor der Mathematik am Kgl. Seminar in Toulon veröffentlichte er 1697 das Buch „L'art des armées navales ou traité des évolutions navales“ (vgl. Quellenverzeichnis); es ist wohl anzunehmen, daß in diesem mehr oder weniger die Gedanken genannten Admirals, des letzten großen Taktikers in den Kriegen des 17. Jahrhunderts, enthalten sind. Hoste stellt Grundsätze und Lehren für die Führung von Flotten auf und erläutert sie durch die Beschreibungen wichtiger Schlachten und sonstiger Ereignisse dieser Kriege. Von 1697 bis 1740 ist nur ein Seekrieg geführt und in diesem nur eine Schlacht geschlagen (Malaga 1704); das geschickt aufgebaute und durchdachte Werk gibt wahrscheinlich auch noch den theoretischen Stand der Seetaktik um 1740; es ist später die Grundlage zu ihrer weiteren theoretischen Entwicklung im 18. Jahrhundert gewesen und bis zum Ende der Segelschiffahrt von anderen Schriftstellern vielfach benutzt und ausgelegt, aber im Grunde wenig geändert worden.
Hostes Werk über Taktik bespricht die geeignetste Gefechtsordnung, die Vorteile der Luvstellung; verschiedene Marsch- (auch Rückzugs-) Ordnungen; Übergänge aus einer Ordnung in eine andere; besondere Manöver wie Geschwaderwechsel, Herstellung der Ordnungen bei Windänderung, Gewinnen der Luvstellung sowie Hindern des Gegners daran, Maßnahmen beim Forcieren oder Verteidigen einer Enge; besondere Lagen im Gefecht, Erzwingen oder Vermeiden des Kampfes, teilweises Dublieren des Gegners und Maßregeln dagegen[25], Durchbrechen der feindlichen Linie. Diese Betrachtungen sind besonders für Seeoffiziere sehr lesenswert; für unsere Zwecke genügen die unmittelbar auf den Kampf bezüglichen Ausführungen.
Als Gefechtsordnung empfiehlt das Werk die Kiellinie der Schlachtschiffe dicht beim Winde unter kleinen Segeln, so daß die Schiffe eben gut steuerfähig bleiben. Die übrigen Fahrzeuge, Fregatten und Brander, sollen sich außerhalb der Linie etwa 1½ Seemeilen entfernt in Feuerlee[26] zur Verwendung bereit halten; die Fregatten zur Unterstützung, z. B. zum Schleppen, schwer beschädigter Schlachtschiffe und für besondere Aufgaben. Von den Marsch- und Ankerordnungen wird verlangt, daß sie einen schnellen Übergang in die Gefechtsordnung gestatten. Als geeignetste Marschordnung bei Erwartung eines Zusammenstoßes mit dem Feinde gilt eine Linie, in der sich die Schiffe so peilen, d. h. so zueinander liegen, daß sie sofort in Kiellinie beim Winde liegen, sobald sie über den einen oder den anderen Bug an den Wind gehen.
Die Luvstellung[27] erscheint am besten für das Gefecht geeignet, da man aus ihr jederzeit zum Angriff übergehen kann und weil sie auch sonst viele Vorteile für den Kampf bietet. Ebenso gilt noch der Angriff mit der ganzen Linie zugleich auf die ganze Länge des Gegners unter gemeinsamer Führung des Höchstkommandierenden als der gebräuchlichste. An Beispielen der großen Führer in den Kriegen des 17. Jahrhunderts weist Hoste auf verschiedene Mittel hin, um an einer Stelle die Übermacht zu gewinnen. So gestattet er, den Kampf geschwaderweise zu führen, wodurch oft entscheidende Gefechte herbeigeführt würden, hebt aber die Schwierigkeit der Wiedervereinigung der Flotte hervor. Verfügt die Luvflotte über eine größere Schiffszahl als der Gegner, so soll sie die hinten überschießenden Schiffe ihrer Linie dazu benutzen, die Schlußschiffe des Feindes von Lee her anzugreifen und so zu dublieren. Er ist gegen ein Dublieren der feindlichen Spitze, weil die damit betrauten Schiffe, falls sie durch Beschädigungen bewegungslos werden, dem Feuer der ganzen feindlichen Linie ausgesetzt sind, wenn diese im weiteren Verlaufe des Kampfes an ihnen vorüberzieht. Eine schwächere Leeflotte soll sich gegen das Dublieren dadurch schützen, daß sie ihre Linie durch Vergrößerung der Entfernungen zwischen den einzelnen Schiffen oder besser durch Freilassen einer Lücke verlängert, die dann aber durch Fregatten und Brander gedeckt werden muß.
Eine Flotte in Leestellung, die kämpfen will, soll sich hart am Gegner halten. Vielleicht bringt ihr eine Windänderung die Luvstellung oder es bietet sich infolge besonderer Zufälle eine Gelegenheit, den Feind aus der sonst dazu ungünstigen Leestellung her zum Kampfe zu zwingen (z. B. Havarien feindlicher Schiffe). Ist sie[38] überlegen, so kann sie dies durch einen Angriff mit ihren schnellsten Schiffen herbeiführen; diese halten den Feind fest, bis der Rest herankommt. Einen Angriff nimmt auch sie in Kiellinie beim Winde auf. Bei größerer Schiffszahl vermag sie den Feind hinten zu dublieren; zu diesem Zwecke weicht sie während des Kampfes nach Lee aus, ihre hinten überschießenden Schiffe machen das Manöver jedoch nicht mit, sondern setzen sich auf die Luvseite der letzten Schiffe der feindlichen Linie, wenn diese den Ausweichenden nachdrängt. Gegen ein solches Manöver soll sich eine schwächere Luvflotte dadurch schützen, daß sie nicht die ganze Linie der Leeflotte angreift, sondern nur, je nach der eigenen Schiffszahl, deren hintere Schiffe.