Von 1765 bis 1778 waren also drei Organisationen in Kraft gewesen; der neuen Marine fehlte mithin eine gesunde Unterlage. Aber immerhin besaß Frankreich im dritten Krieg 1778 eine starke Flotte von gegen 80 guten Linienschiffen und hatte — noch ein Verdienst Choiseuls — seine militärische Stellung im Mittelmeer durch die Gewinnung Korsikas (1768) wesentlich verstärkt. Die Geldmittel für die Marine (die für die Kolonien, als demselben Minister unterstehend, stets darin eingeschlossen) waren seit dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. (1774) gewachsen, der die Seegeltung hochschätzte. Sartines erhielt schon 1776 35 Millionen Francs und im folgenden Jahre 45. Während der Kriegsjahre wurden reichliche Mittel bewilligt: 1778 85 Millionen, 1779 131½, 1780 144 — und außerdem im ersten dieser Jahre 16, in den beiden andern je 25 Millionen Schulden gemacht. Im letzten Kriegsjahre 1782 verbrauchte die Marine gegen 200 Millionen Francs[20]. Infolge von Reibungen mit dem Finanzminister Necker legte Sartines im Oktober 1780 sein Amt nieder.

Der neue Minister Marquis de Castries, ein tüchtiger Landoffizier, entwickelte in den beiden letzten Kriegsjahren große Tatkraft, wurde deshalb 1783 noch zum Marschall ernannt und traf nach dem Friedensschluß sofort Vorbereitungen für den nächsten Waffengang. Er erließ 1784 neue Organisationsbestimmungen, die den Verwaltungsbeamten wieder größere Selbständigkeit gaben und ihnen auch die frühere Tätigkeit an Bord wieder zuwiesen.

Dies war also die vierte Organisation innerhalb zwanzig Jahren; alle bezweckten ein richtiges Zusammenwirken der Offiziere und Beamten zu erreichen und die Reibungen zwischen ihnen zu vermindern. Doch glückte dies erst, als man 1799 in jedem Kriegshafen einen Préfet maritime (Seepräfekt) ernannte, dem alle Dienstzweige, die militärischen wie die der Verwaltung, unterstanden.

Die neue Organisation brachte auch wieder Verbesserungen der Gesetze über die Inskription zugunsten der Bevölkerung. de Castries erweiterte ferner die Werften und begann den Bau des Schutzdeiches in Cherbourg, um dem Lande endlich einen brauchbaren Kriegshafen am Kanal zu schaffen. Die Schiffe wurden gut gehalten und auch die Kupferung war seit 1785 allgemein geworden. 1789 besaß Frankreich gegen 80 vorzügliche Linienschiffe zu 64–118 Kanonen und 70 Fregatten zu 28–44; das Personal war tüchtig, besonders die Schiffsartillerie. Als Castries 1787 sein Amt infolge von Zerwürfnissen mit dem Finanzminister Calonne niederlegte, stand die Marine gediegener da wie je zuvor, aber die Revolution vernichtete das Geschaffene, ehe es sich bewähren konnte.

Die Offiziersgrade der französischen Marine waren bis zur Revolution: Amiral de France, Vice-Amiral, Lieutenant-Général, Chef d'Escadre, Capitaine de vaisseau, Capitaine de frégate, Lieutenant de vaisseau, Enseigne, Garde-marine.

Der Admiral von Frankreich war stets ein Prinz von Geblüt, häufig schon als Kind dazu ernannt, unter Ludwig XIV. mehrfach einer seiner illegitimen Söhne oder ihrer Nachkommen. Selten waren sie zu Seeleuten erzogen und haben sie eine Flotte geführt. Die Vizeadmirale entsprachen den Volladmiralen anderer Marinen. Ursprünglich gab es nur einen für die Atlantikflotte (Vizeadmiral du Ponant) und einen für das Mittelmeer (du Levante), deren Verwendung aber nicht an ihre Station gebunden war; 1777 wurde noch ein dritter (der west- und ostindischen Meere) und später noch ein vierter hinzugefügt. Sie rangierten hinter den Marschällen von Frankreich und erhielten oft diesen Rang. Die Generalleutnants entsprachen den Vizeadmiralen, die Chefs d'Escadre den Kontreadmiralen der englischen Marine. Es gab auch neben den eigentlichen Kapitänen noch solche de brûlot (Brander) und de flûte (Transporter), sowie Lieutenants de frégate, doch waren dies Chargen, die nicht ein jeder durchmachte, sondern in denen besonders die Officiers bleus verwendet wurden. Ältere Kapitäne erhielten den Rang eines Divisionschefs. In den Werken von Lacour-Gayet (vgl. Quellenverzeichnis) findet man Personalangaben über die Offiziere der betreffenden Zeit, aus denen die Daten ihrer Beförderungen und damit die Beförderungsverhältnisse zu entnehmen sind.

Vergleich der englischen und französischen Marine[21]. Was das Material anbetrifft, war England beim Beginn eines jeden der drei Kriege an Zahl der Schiffe überlegen. Diese Überlegenheit trat dann im Verlauf der Kämpfe noch mehr hervor, nur bei Beginn des dritten Krieges waren Frankreich und Spanien zusammen etwas stärker. Frankreich hatte allerdings stets die besser konstruierten Fahrzeuge; infolge der großen Verluste und der kurzen Lebensdauer der aus grünem Holze erbauten Schiffe war es häufiger zu Neubauten genötigt. Diesem Umstande ist aber kein zu großes Gewicht beizulegen. Zwar führen die Engländer mehrfach die besseren Segeleigenschaften der französischen Schiffe an, aber ebenso oft heben die Franzosen die größere Geschwindigkeit der englischen hervor; im dritten Kriege führen sie dies darauf zurück, daß England schon viele gekupferte Schiffe gehabt hätte. Vor allem aber wird die seemännische Tüchtigkeit der Engländer die Vorteile der besser gebauten Fahrzeuge auf französischer Seite aufgehoben haben; eine geschulte Besatzung holt eben mehr aus ihrem Schiffe heraus. Ebenso ist die Behauptung der Engländer, daß die Franzosen durch schwerere Kaliber in der Artillerie überlegen gewesen seien, sehr einzuschränken. Nach unseren Tabellen trifft es nur bei den Schiffen über 80 Kanonen zu, und die Hauptkraft der Flotten lag stets in den nächstniedrigeren Klassen; im dritten Kriege hatten die Engländer außerdem den Vorteil der Karronaden[22]. Im großen und ganzen kann man das Material als gleich gut auf beiden Seiten annehmen, den Ausschlag im Kampfe gab — wie wohl fast in jedem Kriege zu Lande und zu Wasser — bei annähernd gleicher Stärke die Tüchtigkeit der Mannschaft.

In Hinsicht auf das Personal war aber die englische Marine stets überlegen. Für die Mannschaft stand ihr die große Zahl der befahrenen Seeleute des Landes zur Verfügung. England hatte ferner auch während der langen Friedenszeit stets viele Schiffe im Dienst und erhielt sich so einen Stamm von geübtem Kriegsschiffspersonal. Später folgten dann die Kriege schnell aufeinander, und in diesen wurde alles aufgeboten, was an Schiffen vorhanden; auch war der harte Dienst langer Blockaden eine vortreffliche Schule. Mangel an Mannschaften trat allerdings trotzdem auf (Seite 26), und das dadurch notwendige wahllose Pressen brachte viel minderwertiges, ja schlechtes Material, ein Umstand, der wohl die erwähnten Übelstände — schlechten Gesundheitszustand an Bord, Mißvergnügen, starke Fahnenflucht — mit verschuldet hat.

In Frankreich lagen die Verhältnisse weit ungünstiger. Hier deckte die Einrichtung der Inskription den Bedarf an Matrosen nur im ersten Kriege, in dem die Indienststellungen gering waren. Wie schon früher, entvölkerten sich dann die Küsten während der Kriege, wenn der Seehandel daniederlag, und erholten sich nur langsam wieder; so standen z. B. 1701 87000 und 1776 nur 67000 Inskribierte in den Listen, obgleich gerade zu dieser Zeit die Schiffahrt aufgeblüht war. Beim Beginn des zweiten Krieges fielen die Besatzungen von 500 Handels-, sowie einiger Kriegsschiffe, die England unmittelbar vorher aufgebracht hatte, gegen 5000 befahrene Seeleute aus, und im dritten Kriege stellte Frankreich so viel Schiffe in Dienst, daß zum Ersatz von Matrosen stark auf die Seetruppen, ja sogar auf das Heer zurückgegriffen werden mußte; für die Schiffe in Toulon warb man auch Fremde von den Küsten des Mittelmeeres an. Das französische Personal hatte außerdem im allgemeinen auch nicht die gleiche Übung und Erfahrung wie das englische und erhielt sie selbst während der Kriege nicht, denn in Friedenszeiten waren zu wenig Kriegsschiffe im Dienst, und in den beiden ersten Kriegen ward die Flotte bald lahmgelegt; es wurden dann weniger Schiffe in Dienst gestellt und die ausgerüsteten sahen sich vom Gegner in den Häfen festgehalten. Dies trifft für den dritten Krieg zwar nicht zu, aber in diesem reichte eben der Ersatz an befahrenen Seeleuten überhaupt nicht.

Die zu geringe Verwendung im praktischen Seedienst zeitigte natürlich auch im französischen Offizierkorps bedenkliche Folgen. Vor Ausbruch des zweiten Krieges sollen z. B. von den 900 Seeoffizieren nur 200 eingeschifft gewesen sein, während der Rest nur acht- oder zehnmal im Jahre eine vierundzwanzigstündige Wache auf einem der Schiffe im Hafen tat; da kann es nicht wundernehmen, daß sie den englischen in Übung und Erfahrung sehr nachstanden. Vor dem dritten Kriege wurden allerdings Übungsgeschwader im Dienst gehalten, diese waren jedoch so klein, daß nur wenige Offiziere daraus Nutzen ziehen konnten. Im übrigen scheinen, wie die Geschichte des Seewesens zeigt, die germanischen Völker noch mehr natürliche Begabung für den Seedienst zu haben als die romanischen. Wir haben ferner schon darauf hingewiesen (Band I, Seite [319] und [506]), daß und aus welchem Grunde sich das französische Seeoffizierkorps ganz anders herausbildete als das englische, daß bei dem Verschmelzen des Soldaten mit dem Seemann im Franzosen der erste, im Engländer der letzte überwog.