Die Minister versuchten allerdings wiederholt, die Organisation zu verbessern. Aber jeder von ihnen hatte neue Ideen, die sich oft schroff entgegenstanden, und so brachten die wechselnden Bestimmungen mehr Unsicherheit als Nutzen.

Wie bisher wollen wir die Hauptpunkte der inneren Marinegeschichte Frankreichs an der Hand der Amtstätigkeit der verschiedenen Minister betrachten. Graf von Maurepas, Marineminister von 1723–1749, schuf manches Gute. Der Mannschaftsersatz[19] der Matrosen sollte, wie wir wissen, durch Inskribierte der seemännischen Bevölkerung gedeckt werden, die Einrichtung war aber arg vernachlässigt worden. Bei der Bestechlichkeit der Beamten konnten sich Leute, die über einige Mittel verfügten, loskaufen, und dieser Übelstand machte sich um so fühlbarer, als sich infolge des Daniederliegens des Handels in den letzten Kriegen vor 1713 die Hafenstädte entvölkerten; der Mannschaftsmangel hatte dann zum Pressen und zu sonstigen harten Maßnahmen gegen den Rest der Inskribierten geführt und hierdurch den Abzug der Küstenbevölkerung noch vermehrt. Dank einer milderen Behandlung durch Maurepas, vereint mit der Wiederbelebung des Handels, kehrten viele der Abgezogenen zurück und in die Inskription kam wieder Ordnung, so daß bei Ausbruch des Krieges 1744 die Bemannung der Schiffe leichter wurde als in den vorhergegangenen Kämpfen. Auch die Zahl der Chargen — Offiziere, Deck- und Unteroffiziere — reichte für die nur geringen Indienststellungen aus, obgleich sie in den Jahrzehnten der Friedenszeit sehr herabgegangen war; für die Seeoffiziere z. B. von 1140 im Jahre 1696 auf 660 in 1744.

Maurepas tat viel für die wissenschaftliche sowie praktische Ausbildung der Offiziere; er machte ferner die Stellung des Commandant de la marine in den Kriegshäfen, deren Inhaber bisher häufig wechselte, zu einer festen und hob dadurch dessen Einfluß dem Intendanten gegenüber wenigstens etwas. In der Hauptsache aber, eine schlagfertige Flotte zu schaffen, hatte er keinen Erfolg. Seine Absicht war, eine solche von 60 Linienschiffen (40 in Brest, 20 in Toulon) aufzustellen; diese, zwar nicht übermäßig stark, aber aus guten Schiffen bestehend, sollte der Kern einer maritimen Verbindung mit Spanien (vielleicht auch Holland) gegen England sein. Er erhielt jedoch nicht die Mittel zur Durchführung dieses Planes. Das Marinebudget, das unter Ludwig XIV. selbst in Friedenszeiten nie unter 14 Millionen Francs gefallen war, betrug während seiner Amtsführung acht, und als er vor Ausbruch des Krieges 1744 20 Millionen verlangte, bekam er nur zehn.

Um 1740 besaß Frankreich 45–50 Linienschiffe über 50 Kanonen und 15–20 schwere Fregatten. Die Schiffe waren großenteils nicht gut im Stande, den Werften fehlten fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine waren leer. In dem stark zusammengeschmolzenen Offizierkorps hatte seit vierzig Jahren die Beförderung gestockt; viele Offiziere waren zu alt für ihren Dienstgrad, andere einzig durch Protektion hochgekommen. Infolge der nur geringen Indienststellungen während der Friedensjahre fehlte den Chargen, höheren sowie niederen, die praktische Erfahrung. Frankreich trat so in den Österreichischen Erbfolgekrieg mit einer schwachen Marine ein; der Krieg brachte große Verluste an Schiffen, doch wurden diese durch Neubauten zum Teil ersetzt.

Der Minister de Rouillé, 1749–1755, arbeitete ganz im Sinne seines Vorgängers weiter. Unter ihm wurden 38 Linienschiffe gebaut oder gründlich ausgebessert; ihm standen auch mehr Mittel, 17½ Millionen jährlich, zur Verfügung. Er schaffte die Galeerenflotte, eine unnütze und teure Waffe, ab, und stellte deren Offiziere in die Hochseeflotte ein. Die Académie de Marine in Brest wurde gegründet, ein Verein von Offizieren sowie Marinebeamten aller Dienstzweige und Grade, in dem wissenschaftliche Vorträge mit Besprechung gehalten wurden. Diese Einrichtung legte den Grund zu dem wissenschaftlichen Streben in der französischen Marine während der kommenden Jahre bis 1793. Auch der nächste Minister Machault d'Arnauville führte die Neubauten, jetzt mit einem Budget von 31 Millionen, fort, so daß die Marine 1755 schon 63 Linienschiffe zählte; das Offizierkorps war wieder auf 900 Köpfe angewachsen. Frankreich trat so in den Siebenjährigen Krieg weit mächtiger ein, als in den vorhergegangenen. Aber als dieser eben begonnen hatte, fiel der tüchtige Minister Hofintrigen zum Opfer (Februar 1757) und es folgten ihm, ein jeder nur für wenige Monate, zwei Männer, die der Stellung in so schwerer Zeit nicht gewachsen waren.

Als dann der Krieg gerade sehr schlecht stand, wurde de Berryer mit dem Amte betraut (1. November 1758). Von diesem sagt ein französischer Autor (Chabaud-Arnault, Seite 161): „Wenn Ludwig XV. den Triumph der Gegner gewollt hätte, so hätte er keine bessere Wahl treffen können. Ein Günstling der Pompadour, sittenlos, hart, hochmütig und dabei den Marineangelegenheiten völlig fremd, war er nur darauf bedacht, die Ausgaben zugunsten der verschwenderischen Hofhaltung einzuschränken. Im vollen Kriege stellte er die Arbeiten auf den Werften ein, ließ die Arsenale leer, ja verkaufte sogar Material; Offiziere, Beamte, Matrosen und Arbeiter gerieten in Not. Den Offizieren verbot er, in den Dienst der Freibeuterei zu treten, wie es in den früheren Kriegen üblich gewesen, wenn die Kriegsmarine lahmgelegt war, er rühmte aber ihnen gegenüber, die er doch selber zur Untätigkeit verdammte, die Taten der Officiers bleus (Hilfsoffiziere, worüber Näheres später).“ Und diesem Manne standen gerade Mittel zur Verfügung, wie sonst nie unter Ludwig XV., nämlich 1758 42 Millionen und 1759 gar 57. Trotz der schweren Niederlagen der Marine während seiner Verwaltung hielt sich de Berryer durch die Gunst der Pompadour bis 1761.

Unter dem Herzog von Choiseul-Amboise, der seit November 1758 das Ministerium des Äußern führte und 1761 auch das des Krieges sowie der Marine übernahm, setzte ein lebhafter Aufschwung der letzteren ein. Während der Kriegsjahre bis 1763 konnte zwar nicht mehr viel geleistet werden, doch war es möglich, 15 Linienschiffe (zu 50 bis 90 Kanonen) auf Stapel zu legen; das Volk selber rief infolge der letzten schweren Niederlagen nach einer starken Flotte und auf Antrieb des feurigen Ministers beschaffte das gesamte Frankreich — Provinzen, Städte, Privatpersonen — durch eine Sammlung die nötigen Geldmittel hierzu. Nach dem Kriege setzte Choiseul dann durchgreifende Reformen ins Werk. 1766 gab er das Amt an seinen Vetter Choiseul-Praslin ab, der ganz in seinem Sinne weiter wirkte, so daß man die Tätigkeit beider bis 1770, wo sie sich infolge von Intrigen der Gräfin Dubarry aus dem öffentlichen Leben zurückzogen, als einheitlich betrachten kann. Den Verwaltungsbeamten wurde ein Teil ihrer Machtbefugnis und Vorrechte genommen, den Seeoffizieren — insbesondere dem Commandant de la marine sowie dem Capitaine du port in den Kriegshäfen — mehr Einfluß auf Instandhaltung, Ausrüstung, Armierung und Bemannung der Schiffe eingeräumt. Es wurde ein festes Korps von Schiffbauingenieuren gegründet, das allerdings, wie der Schiffbau überhaupt, dem Intendanten unterstellt blieb. Aus dem Offizierkorps wurden viele zu alte oder unfähige Personen entfernt, auch die Stellen vermehrt, und so günstigere Beförderungsverhältnisse geschaffen; die Marineschule wurde vergrößert und verbessert. Doch blieb man dabei, nur Adelige als Gardes de marine (Offiziersaspiranten) einzustellen.

Wir wissen (Band I, Seite [504]504), daß die Marine in den Kriegen des 17. Jahrhunderts eine wertvolle Unterstützung durch den Eintritt von Offizieren der Handelsmarine („officiers bleus“) fand, daß diesen aber nach und nach durch die eigentlichen Seeoffiziere („officiers rouges“ oder „nobles“) der Dienst verleidet worden war. Es wurde jetzt versucht, diese Einrichtung wieder zu beleben. Junge Leute guter nichtadeliger Familien erzog man in der Kriegsmarine für den Dienst in der Handelsmarine im Frieden, also gewissermaßen zu Reserveoffizieren, von denen die besten ganz in die Kriegsflotte übernommen werden sollten; bei dem Stolz der Adeligen blieb jedoch das Verhältnis zwischen den beiden Kategorien schlecht. In der Art des Matrosenersatzes trat keine Änderung ein, aber in der Fürsorge für Invalide, Witwen und Waisen wurde manches getan; auch milderte man die Strafgesetze und arbeitete die Bestimmungen über den Dienstbetrieb eingehender aus. Gleichzeitig Kriegsminister, verleibte Choiseul-Amboise die Seetruppen dem Heere ein und zog Landtruppen für die Besatzungen der Schiffe, die Kriegshafengarnisonen, sowie die Kolonien heran, jedoch schon Choiseul-Praslin machte dies rückgängig und gründete wieder drei Brigaden Seetruppen zu je acht Kompagnien — eine Bombardier-, vier Kanonier- und Füsilierkompagnien — als „corps royal d'artillerie et d'infanterie de marine“ unter dem Befehle von Seeoffizieren. Das Marinebudget betrug unter den beiden Choiseuls, nach und nach wachsend, 1763 16½ und 1770 26½ Millionen. Zu den Kriegshäfen Toulon, Brest, Rochefort trat 1762 L'Orient. Die Werften wurden sehr gehoben und Magazine und Arsenale gefüllt; ferner wurde auch Schiffsbauholz in Vorrat beschafft, an dem es bisher meist gemangelt hatte, so daß man die Neubauten oft in zu grünem Holze hatte herstellen müssen.

Von 1771–1774 folgten dann zwei Minister, von denen die französischen Quellen sagen, daß es ihnen glücklicherweise an Zeit gefehlt habe, ihre Organisation (von 1772) durchzuführen. Sie beabsichtigten nämlich, die 3 Brigaden der Seetruppen auf 8 für die sämtlichen Marinemannschaften zu vermehren. Jeder Brigade sollte dann eine Anzahl Schiffe aller Größen zur Instandhaltung und Besetzung zugeteilt werden. Durch Schaffung dieser kleineren Verbände, in denen auch die Beförderungen getrennt erfolgen sollten, hoffte man den allgemeinen Korpsgeist der Seeoffiziere zu brechen, der häufig den in Marineangelegenheiten völlig unerfahrenen Ministern unbequem geworden war.

1774 erhielt Gabriel de Sartines das Ministerium. Dieser führte 1776 nicht nur die Organisation der Choiseuls wieder ein, sondern er schoß in dem Bestreben, den Militärs mehr Einfluß zu geben, sogar über das Ziel hinaus. Auf den Werften wurde auch der Schiffbau ganz dem Capitaine du port unterstellt, der Intendant behielt nur die Verwaltung des Inventars und Materials. Der Commandant de la marine wurde der direkte Vorgesetzte des Capitaine du port, aber auch berechtigt, die Magazine usw. zu besichtigen. Sogar auf den Schiffen traten Seeoffiziere an Stelle der Verwaltungsbeamten. Dies ging zu weit. Gewiß ist es richtig, Seeoffizieren die Oberaufsicht über die Arbeiten auf den Werften usw. zu geben, also über die Schlagfertigkeit der Flotte, aber man darf sie nicht mit zuviel Einzelheiten belasten und muß den Technikern eine gewisse Selbständigkeit lassen. Mit der Übernahme der ganzen Verwaltung an Bord durch die Offiziere machte man gleichfalls schlechte Erfahrungen: die Abrechnungen der Schiffe zeigten die größte Unordnung.