Der Verlauf der Schlacht vor Toulon[52]. Die französisch-spanische Flotte hatte schon am 20. Februar auslaufen wollen, sah sich jedoch durch den Zusammenstoß zweier Schiffe zum Wiederankern genötigt. Die englische Flotte hatte an diesem Tage gleichfalls Anker gelichtet, gegen schwachen westlichen Wind aufgekreuzt und abends wieder in der Bucht von Hyères geankert. Am 21. gingen die Verbündeten in See; die Engländer versuchten heranzukommen; dies war ihnen aber bei dem zu schwachen, jetzt östlichen Winde mit schwerem westlichen Seegange nicht möglich; sie konnten nicht einmal eine gute Ordnung einnehmen. Am Abend gab Mathews, 4–5 Seemeilen vom Feinde entfernt, den Befehl zum Beidrehen; Lestock stand mit der Nachhut noch weit von der Mitte ab, dennoch folgte er dem Befehle, anstatt erst näher heranzusegeln. Während der Nacht vergrößerte der Feind die Entfernung, ohne daß die englischen Beobachtungsschiffe es bemerkten. Am 22. bei Tagesanbruch standen die Engländer in loser Ordnung — über neun Seemeilen vom vordersten bis zum hintersten Schiffe — etwa 12 Seemeilen SSO. vom Kap Sicié und acht Seemeilen nordöstlich vom Gegner, der bei leichtem östlichem Winde in Kiellinie über Steuerbordbug nach Süd steuerte. Lestock mehrte nun allerdings sofort Segel, um zur Mitte heranzukommen; da aber Mathews schon um 6½ Uhr vormittags den Befehl zum Segelmehren für die ganze Flotte gab, blieb die Nachhut auch weiterhin etwa fünf Seemeilen von der Mitte ab. Um 8 Uhr folgte der Befehl, über Steuerbordbug die Kiellinie zum Angriff zu bilden, und als dieses Manöver, infolge des flauen Windes nur langsam und unvollständig, um 11½ Uhr von Vorhut und Mitte ausgeführt war, auch das Signal[78] „Angreifen“, wobei jedoch das für „Kiellinie“ wehen blieb; Lestock beantwortete das Signal „Angreifen“ nicht. Die Verbündeten waren in leidlich guter Ordnung, nur die Nachhut stand etwas zurück und in dieser wieder die letzten fünf Schiffe.

Langsam überholten die Engländer den Gegner. Um 1 Uhr nachmittags war Mathews („Namur“) querab von Navarro („Real Felipe“) und Rowley „Barfleur“) von de Court („Terrible“). Jetzt hielt Mathews mit dem Flaggschiff aus der Kiellinie ab und legte sich auf Pistolenschußweite neben Navarro; er ward unterstützt durch seinen Vordermann „Norfolk“ und seinen Hintermann „Marlborough“, die „Constante“ und „Isabela“ angriffen. Die Besorgnis, der Gegner könne sich dem Kampfe entziehen, verleitete Mathews zum Angriff, ehe die Flotte in guter Ordnung und ehe die Nachhut herangekommen war. Admiral Rowley folgte dem Beispiel und hielt auf de Court ab, auch er wurde durch seine beiden Hinterleute unterstützt; hier fochten also „Barfleur“, „Prinzeß Carolina“ und „Berwick“ gegen „Terrible“, „Esprit“ und „Diamant“. Das Gefecht scheint jedoch ein laufendes gewesen zu sein (auch nicht auf so nahe Entfernung wie bei Mathews), denn die Lücke zwischen Nachhut und Mitte der Verbündeten vergrößerte sich; der Kampf der englischen Schiffe mit den spanischen erfolgte dagegen mit kleiner Fahrt, und die letzten fünf Spanier kamen infolgedessen nach und nach auf.

Die sämtlichen übrigen englischen Schiffe beteiligten sich, wenig oder gar nicht am Kampfe. Die drei Spitzenschiffe der Vorhut griffen nicht an, denn sie wollten dadurch die Vorhut der Verbündeten hindern, zu wenden und dann die englische Flotte von Luward her zu dublieren. Die drei Schiffe hinter „Berwick“ blieben auch in der Kiellinie und so weit ab, daß sie nur ein wenig erfolgreiches Feuer mit den drei Spaniern wechseln konnten, die als letzte der französischen Mitte zugeteilt waren. Ebenso verfuhren die vier ersten Schiffe der englischen Mitte, die nur anfangs auf die ebenerwähnten Spanier und dann auf „Poder“ feuerten; dieser scheint schwer beschädigt worden zu sein. Von den letzten vier Schiffen der englischen Mitte (Dorsetshire und Hinterleute) berichten die Quellen beim ersten Angriff nichts; da sie ihren Platz in der Kiellinie nicht verließen und da ihre Gegner noch nicht heranwaren, blieben sie wohl ganz untätig.

Hervorzuheben ist das Verhalten des Kapitäns Hawke, des später berühmten Flottenführers. Als Kommandant des „Berwick“ hatte er den weit schwächeren „Diamant“ gegenüber, der dem Kampf auswich; als er nun sah, daß „Poder“ zwar lebhaft beschossen, aber doch nicht im Nahkampf angegriffen war, verließ er seinen Platz in der Vorhut, segelte zu dem genannten Schiffe nahe heran und zwang es zur Übergabe. Heiß war der Kampf bei Mathews. Zwar trieb „Norfolk“ den „Constante“ nahezu als Wrack aus der Linie und „Real Felipe“ sowie „Isabela“ erlitten großen Verlust an Mannschaft, aber auch die englischen Schiffe wurden so schwer in der Takelage beschädigt, daß sie ihren Vorteil nicht ausnutzen konnten. Der Admiral gab einem Brander den Befehl, das spanische Flaggschiff anzuzünden. Dieser ging unter furchtbarem Feuer des Gegners vor, als er jedoch, schon fast sinkend, genötigt war, selber zu schießen, um spanische Boote abzuwehren, geriet er durch das eigene Feuer in Brand und flog auf, ehe er sein Opfer erreicht hatte.

Etwa drei Stunden waren verflossen, seit Mathews den Kampf begonnen hatte, da gab de Court seiner Vorhut und Mitte den Befehl zu wenden, um den Spaniern Hilfe zu bringen; die englische Vorhut wendete gleichfalls. Zu dieser Zeit waren die fünf letzten Spanier aufgesegelt und griffen in das Gefecht bei ihrem Admiral ein; Lestock, der nun auch näher herangelangt war, bemühte sich infolge zu flauen Windes mit schwerer See vergeblich, dies zu hindern. Jetzt brach Mathews den Kampf ab und gab das Signal, die Kiellinie über Backbordbug zu bilden; er wollte vor allem die Ordnung herstellen, weil er eine Wiederaufnahme des Kampfes durch die langsam herankommenden Franzosen erwartete. Das Manöver erfolgte und führte zu einem Gefecht zwischen den letzten Schiffen der englischen Mitte und den letzten Spaniern, als sie sich auf entgegengesetzten Kursen begegneten.

Die Franzosen, die beim Herankommen den entmasteten „Poder“ wiedergenommen hatten, waren in Unordnung geraten, und die spanischen Schiffe lagen in einem wirren Haufen um ihren Admiral. Infolge des flauen Windes hatten alle Manöver sehr viel Zeit gekostet: das Wenden der Schiffe (viele hatten halsen müssen), das Abbrechen des Kampfes seitens der Engländer („Marlborough“ mußte mit Booten weggeschleppt werden), das Entwirren auf beiden Seiten. So brach die Nacht herein, ehe die Ordnung hergestellt war, und der Kampf war zu Ende.

Die Gegner lagen die Nacht über in Sicht voneinander. Am anderen Morgen stieß das englische Schiff „SSomerset“ auf das spanische „Hercules“; beide waren von ihren Flotten versprengt. Der Engländer griff an, mußte jedoch bald abbrechen, da einige Franzosen herankamen.

Die Verluste waren auf englischer Seite nicht groß. Zwar waren drei Schiffe stark beschädigt (Mathews mußte am nächsten Tage seine Flagge auf einem anderen setzen), aber der Mannschaftsverlust war unbedeutend. Von den hauptsächlich beteiligten Schiffen hatten die drei der Vorhut etwa 80, die drei der Mitte 200 Tote und Verwundete (davon „Marlborough“ allein 160), darunter zwei Kommandanten. Die Spanier verloren den „Poder“, der zwar zurückerobert war, aber am nächsten Tage wegen Seeuntüchtigkeit verbrannt werden mußte; die am Kampf beteiligten Schiffe hatten sehr gelitten, „Real Felipe“ mußte geschleppt werden. Der Mannschaftsverlust war sehr bedeutend, so hatten z. B. „Isabela“ 300, „Real Felipe“ 500 Tote und Verwundete. Der Kommandant des Flaggschiffes wurde schon bei Beginn des Kampfes schwer verwundet; nach französischen Angaben verließ mit ihm auch der leicht getroffene Admiral das Deck, und nur dem zweiten Kommandanten, einem französischen Seeoffizier de Lage, soll der heldenmütige Widerstand des Schiffes zu danken sein. Der Verlust der Franzosen ist nicht bekannt. Er wird unbedeutend gewesen sein; die französischen Quellen bezeichnen nämlich das Feuergefecht, das ihre Schiffe führten, als „ziemlich matt“, und die englischen Schiffe, die mit ihnen fochten, haben ja auch nur geringe Verluste gehabt.

Die Schlacht blieb taktisch unentschieden; beide Flotten behaupteten vorläufig das Feld. Meist wird sie als ein Sieg der Engländer bezeichnet, doch nicht mit Recht. Allerdings gaben die Verbündeten die Fahrt nach Genua auf — falls sie diese überhaupt beabsichtigt haben —, aber sie nahmen am 23. Februar Kurs nach Spanien, wobei die Franzosen zwischen den Spaniern und dem Gegner segelten, und kamen unbelästigt nach Cartagena; die französische Flotte ging dann im April gleichfalls ungestört nach Toulon zurück, auf der Fahrt fielen ihr einige englische Kauffahrer in die Hände. Hieraus sowie aus dem längeren Stilliegen der englischen Flotte in Port Mahon leiten die Franzosen als Erfolg der Schlacht ab, daß sie für einige Zeit die See freigemacht hätten. Mathews war nämlich am 23. dem Feinde gefolgt, gab dies aber am nächsten Tage auf. Er hatte erfahren, daß in Spanien neue Verstärkungen für das Heer in Italien zusammengezogen seien, und wollte diesen nicht dadurch den Weg freigeben, daß er sich nach Süden abziehen ließ. Hätte er die Verfolgung fortgesetzt, so wären ihm wahrscheinlich einige der in der Takelage beschädigten Schiffe zum Opfer gefallen oder der Feind hätte sich aufs neue zum Kampf stellen müssen, um diese zu decken. So aber zeigte sich Mathews nur noch in der Bucht von Rosas und ging dann nach Port Mahon; hier entsetzte er Lestock vom Kommando und sandte ihn nach England.