Die Bedeutung der Schlacht vor Toulon für die Seekriegsgeschichte liegt nicht in ihren kriegerischen Ergebnissen, sondern in dem Einblick, den sie in den Stand der Taktik (vgl. Seite [36]) und in einige Verhältnisse der Marinen gewährt. In England war man entrüstet über ihren geringen Erfolg, und auf Drängen des Parlaments wurden Mathews, Lestock sowie elf Kommandanten der Vorhut und Mitte in kriegsgerichtliche Untersuchung[53] gezogen. Dem Flottenchef warf man grobe Verstöße gegen die Gefechtsvorschriften vor. Diese verlangten bekanntlich, die Flotte in Kiellinie neben die feindliche Linie zu führen, Spitze neben Spitze, und dann Schiff gegen Schiff zum Angriff abzuhalten, jedes Schiff sollte bis dahin auf seinem Platze in der Linie bleiben. Mathews hatte aber das Beispiel für den Angriff gegeben, ehe Spitze gegen Spitze stand; durch kriegsgerichtlichen Spruch wurde er kassiert. Allerdings hat er gegen den Buchstaben der Vorschrift verstoßen, aber er handelte doch mit Überlegung und würde voraussichtlich großen Erfolg gehabt haben, wenn seine Untergebenen ihm sämtlich gefolgt wären. Der Augenblick zum Angriff war sicher günstig gewählt. Die Schiffe beim spanischen Admiral waren dem Angriff der ganzen englischen Mitte ausgesetzt; gegen das Zurückkommen der Franzosen, das bei dem flauen Winde lange gewährt haben würde, deckte die Vorhut, und die zurückgebliebenen spanischen Schiffe wären zur Unterstützung zu spät gekommen, auch würde ihnen die englische Nachhut entgegengetreten sein, wenn Lestock sofort mit raumem Winde abgehalten hätte. Der Admiral wurde ein Opfer des Streites zwischen den Verteidigern einer freieren Auffassung und denen der schematischen Befolgung der taktischen Vorschriften, bei dem diese die Überhand behielten. Die Verurteilung des Admirals Mathews trug aber dazu bei, daß von nun an die englischen Flottenführer sich peinlich an den Wortlaut der Vorschriften hielten, und Clerk (vgl. Quellenverzeichnis) sagt in seinem berühmten Werke über Taktik mit Recht: „Dieses kriegsgerichtliche Urteil muß als die eigentliche Quelle der späteren Mißerfolge zur See angesehen werden.“ Die erste Schlacht im nächsten Kriege (bei Minorka 1756) wird ein schlagendes Beispiel hierfür geben. — Der Admiral Lestock und die 11 Schiffskommandanten wurden der Nichtbefolgung der Befehle oder der mangelhaften Beteiligung am Kampfe angeklagt. Lestock führte an, daß die beiden Signale: „Kiellinie bilden (bzw. halten)“ und „Angreifen“ gleichzeitig geweht hätten. Er habe mithin den zweiten Befehl nicht ausführen können, ohne gegen den ersten zu verstoßen, auch sei ja die Flotte noch nicht in der für den Angriff vorgeschriebenen Stellung gewesen. Auf diese künstliche Verteidigung hin wurde er freigesprochen.
Die englischen Quellen urteilen schroff über Lestock. So schreibt Clowes, Lestock habe sich wohl gesagt: „Laß Mathews tun, was er will; wenn es auch zum Schaden ausschlägt, halte ich mich an die Vorschrift und bin so sicher.“
Von den angeklagten Kapitänen starb einer, ein anderer wurde fahnenflüchtig, zwei (die von „Somerset“ und „Princesa“) wurden freigesprochen; sieben aber wurden entlassen oder im Dienstalter zurückgesetzt. Von den Entlassenen stellte der König drei sofort wieder an; es waren dies die Kommandanten der 3 Spitzenschiffe, die nicht angegriffen hatten, um die französische Vorhut am Dublieren zu hindern. Das schwächliche Verhalten der übrigen Angeschuldigten hat wohl tatsächlich seinen Grund darin gehabt, daß sie bei der Wahl zwischen dem Befolgen des Beispiels ihres Admirals und dem Festhalten an der Norm nicht zum Entschluß kommen konnten; jedenfalls zeigt ihr Benehmen Mangel an Verständnis für die Absichten ihres Führers und läßt zu dieser Zeit den alten Schneid im englischen Offizierkorps vermissen.
Hieraus sind wichtige Lehren zu ziehen. Mahan sagt (Band I, Seite [256] ff., hier gekürzt): „Die Untüchtigkeit der englischen Kommandanten, die sich hier, aber auch bei anderen Gelegenheiten zeigte, erklärte zum Teil, daß England aus seiner Überlegenheit zur See in diesem Kriege nicht den vollen Nutzen zog. Man kann nun nicht annehmen, daß so viele englische Seeleute aus Feigheit — einer so niedern und seltenen Untugend — versagt haben; vielmehr trug Mangel an geistiger Vorbereitung und an militärischer Leistungsfähigkeit die Schuld daran. Dies gibt allen Offizieren die Lehre, wie notwendig es ist, im Frieden den Geist durch das Überdenken der Lagen, in die sie im Kriege kommen können, vorzubereiten und zu festigen, damit die Stunde des Kampfes sie nicht unvorbereitet findet und vielleicht in Unehre bringt.“
Wir müssen wohl noch hinzufügen, daß die Offiziere auch im Frieden durch möglichst kriegsmäßige Gefechtsmanöver hierin zu unterstützen sind. Die englischen Kommandanten in der Schlacht vor Toulon verstanden die Absicht ihres Chefs nicht; Manöver im Frieden müssen anstreben, ein gegenseitiges Verstehen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen herbeizuführen, die Entschlußfähigkeit zu fördern, sowie endlich und nicht am wenigsten dahin zu wirken, daß die formale Taktik nicht verknöchert, sondern als eine angewandte im Geiste aller selbständigen Führer lebt.
Mahan führt weiter an: „Auch hat vielleicht das teilweise vorhandene Übelwollen der Kommandanten gegen ihren schroffen Vorgesetzten mitgewirkt. Es ist wohl am Platze, auf den Einfluß einer gewissen Herzlichkeit und des Wohlwollens seitens der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen hinzuweisen. Sie gehören vielleicht nicht notwendig zum militärischen Erfolge, aber sie geben dem zu diesem nötigen Elemente einen belebenden Hauch, der möglich macht, was sonst unmöglich wäre. Sie erzeugen einen Grad von Hingebung und Heldentum, den die schärfste, aber nicht so veredelte Manneszucht niemals erreicht. Zweifellos ist dies natürliche Anlage beim Vorgesetzten; wohl das leuchtendste Beispiel dieser Art unter den Seeleuten war Nelson.“
Auch für die anderen Marinen bieten die Ereignisse der Schlacht Bemerkenswertes. In Frankreich und in Spanien erregte ihr Verlauf gleichfalls Entrüstung. Spanien beschwerte sich über ungenügende Unterstützung seiner Schiffe durch die Franzosen. Der Admiral de Court wandte dagegen ein, die Unordnung im spanischen Geschwader habe den Angriff der Engländer überhaupt nur hervorgerufen, er habe dann Navarro vor der Vernichtung bewahrt. Trotzdem wurde de Court vom Kommando abgelöst und nicht mehr verwendet, wenn er auch noch 1750 den Titel des Viceadmirals du Ponant erhielt. Gegenüber dem Schicksal Mathews und de Courts wirkt der Umstand fast erheiternd, daß der spanische Admiral Navarro „wegen seines Sieges“ zum Vizeadmiral befördert wurde.
Die völlige Untätigkeit der französischen Schiffe, die nicht selber angegriffen wurden, bleibt allerdings auffällig. Keine Quelle spricht sich über den Grund hierfür aus, nur Lacour deutet an, daß die Kommandanten vielleicht unter dem Einfluß des Befehls für den Admiral gestanden hätten: nur zu fechten, wenn er angegriffen werde. Dies wäre seltsam, denn ihr Admiral war ja im Kampfe. Erwarteten sie nun trotzdem ausdrücklichen Befehl zum Eingreifen; wagten sie ohne solchen nicht, die Linie zu verlassen; hielten sie den Versuch, an den zu Luward stehenden Feind heranzukommen, bei dem flauen Winde für aussichtslos? Einige Quellen (Mahan; Chevalier I, vgl. Quellenverzeichnis) sagen, de Court habe schon, ehe er später mit der ganzen Flotte wendete, der Vorhut Befehl zum Wenden gegeben, um den Gegner zu dublieren. Wenn dies richtig ist, warum befolgte Gabaret, der Führer der Vorhut, den Befehl nicht? Hielt auch er es bei den Windverhältnissen für unausführbar oder sah er sich tatsächlich durch das Verhalten der englischen Spitzenschiffe daran gehindert?