Vielleicht sprach ein anderer wichtiger Umstand bei dem Verhalten der französischen Schiffe mit. Wir erwähnten schon, daß während der langen Friedenszeit die Beförderung in der französischen Marine vollständig stockte. Nun gibt Lacour (Seite 464 ff.) Personalangaben über die Offiziere der in den Kriegen Ludwigs XV. verwendeten Schiffe. Danach war bei Toulon der Admiral de Court 78 Jahre alt, Admiral Gabaret hatte eine Dienstzeit von 56 Jahren, die eine Hälfte der Kommandanten eine solche von 52, die andere von 40–45 Jahren; es kommen mithin, wenn man den Diensteintritt mit 15 Jahren annimmt, Lebensalter von 70–67 und 55–60 heraus, und wir wissen, daß die Offiziere seit langen Jahren wenig zur See gefahren hatten. Da konnte man hervorragende Unternehmungslust von den französischen Kommandanten allerdings wohl kaum erwarten. Der englische Admiral Rowley war 54 Jahre alt; die Kommandanten, die sich besonders auszeichneten, der des „Berwick“ zählte 39, der des „Norfolk“ 30 Jahre.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1744–1748.
Erst nach der Schlacht vor Toulon erklärte Frankreich am 15. März 1744 den Krieg, England antwortete am 29. Es forderte jetzt von Holland die vertragsmäßige Hilfe, die jedoch nur schwach ausfiel[54].
Das Jahr 1744 brachte weder im Atlantik noch im Mittelmeer Ereignisse von Bedeutung, obgleich größere Flotten beider Gegner tätig waren. Von England gingen im Frühjahr Verstärkungen nach Ostindien (Kommodore Barnet), sowie nach Westindien (Vizeadmiral Davers) ab. Ferner segelten im April ein Konvoi Kauffahrer und mehrere Transporter mit Vorräten für die Mittelmeerflotte und die österreichisch-sardinische Armee unter dem Schutz des Vizeadmirals Hardy mit 11 Linienschiffen nach Lissabon; Hardy führte seine Schutzbefohlenen nach Lissabon, von wo sie unter schwächeren Bedeckungen gruppenweise ihre verschiedenen Wege einschlagen sollten, und kehrte im Mai nach England zurück; aber bald nachdem er Lissabon verlassen hatte, wurden die Kauffahrer und Transporter dort von einem französischen Brestgeschwader, 14 Linienschiffen unter dem Chef d'Escadre Rochambeau, blockiert.
Im Kanal standen die englischen Seestreitkräfte, die den Handel in und vor diesem Meere schützen sollten, unter dem Admiral Sir John Balchen. Als Anfang August das holländische Hilfsgeschwader zu diesem stieß, unternahm er mit 14 englischen und 8 holländischen Linienschiffen eine Kreuztour vor dem Kanal, auf der am 23. August 6 reichbeladene französische Westindienfahrer gefangen wurden. Anfang September erhielt Balchen Kenntnis von der Blockade Lissabons, ging dorthin und führte die Transporter nach Gibraltar; Rochambeau hatte beim Nahen der Engländer die Blockade aufgegeben und war in Cadiz eingelaufen; Balchen segelte, ohne auf den Feind zu stoßen, nach England zurück.
Auf dieser Rückfahrt zerstreute ein schwerer Sturm am 13. Oktober 1744 die Flotte, und das Flaggschiff „Victory“ ging mit der ganzen Mannschaft verloren. Es galt als das stolzeste und beste Kriegsschiff jener Zeit, führte 110 Kanonen und gegen 1000 Mann, darunter 50 Volontäre aus guten Familien. Der Unfall wurde vielfach auf Konstruktionsfehler zurückgeführt und als ein Beispiel für die Unhandlichkeit und Unsicherheit der großen Dreidecker angesehen. Wahrscheinlich aber ist das Schiff auf Klippen in der Nähe von Alderney gescheitert; man hat auf der Insel Notschüsse gehört.
Im Mittelmeer hatte die englische Flotte ihre durch die Schlacht vor Toulon erlittenen Beschädigungen in Mahon ausgebessert und dann die Beobachtung der französischen Flotte in Toulon, die der spanischen in Cartagena, die Unterbindung der Zufuhren nach Italien und vor allem auch den Schutz des englischen Handels wieder aufgenommen; Mathews wurde im September nach England zurückgerufen, und Rowley übernahm das Kommando. In Spanien erwartete man um diese Zeit die Rückkehr der Silberflotte. Um deren Eintreffen zu sichern, lief Ende September ein französisches Geschwader von 16 Linienschiffen unter dem Chef d'Escadre Gabaret von Toulon aus; es sollte sich mit der spanischen Flotte oder mit Rochambeau vereinigen. Rowley erhielt erst nach 14 Tagen hiervon Nachricht; er ging mit einem Teil seiner Flotte zur spanischen Küste und bis Gibraltar, fand hier die erwähnten Transporter, stieß aber nicht auf den Feind. Scheinbar ist Rochambeau von Cadiz aus dem Toulongeschwader entgegengegangen, infolge eines schweren Sturmes aber segelten beide nach ihren Ausgangshäfen zurück, ehe sie sich getroffen hatten. Vom Toulongeschwader wurde eine Division (Chevalier de Caylus) nach Westindien abgezweigt.
Die Angaben über 1744 und 1745 sind in den englischen wie in den französischen Quellen ungenau und lückenhaft. So führen die englischen Quellen und auch Troude den Admiral Gabaret als Chef des erwähnten Geschwaders an, während er nach Lacour bereits am 21. Juni 1744 gestorben ist, kurz nachdem er für de Court das Kommando in Toulon übernommen hatte. Lacour sagt, der Minister Maurepas sei im Mai in Toulon gewesen, um verschiedene Mängel abzustellen. Nach Gabarets Tode habe er dann keinen neuen Oberbefehlshaber für das Mittelmeer ernannt, sondern die Flotte hier in fünf selbständige Divisionen zu je 4–5 Linienschiffen geteilt; diese Maßregel habe sich durch erfolgreiche kleine Unternehmungen, Handelsschutz, Verbindung mit Italien u. dgl., in den nächsten Jahren bewährt. Wenn dies richtig ist, so hat die Streitkraft an der spanischen Küste 1744 vielleicht aus einigen dieser Divisionen bestanden; es werden nämlich auch Entsendungen nach Cadiz und Gibraltar erwähnt, sowie daß eine der Divisionen von de Caylus geführt sei, von dessen Abfahrt nach Westindien vorhin berichtet wurde.
Im Jahre 1745 fiel der englischen Flotte im Mittelmeer auch noch die Beobachtung des französischen Geschwaders in Cadiz zu; sie wurde deshalb in drei Hauptgeschwader zur Bewachung von Cadiz, Cartagena und der Küste Italiens geteilt. Außerdem mußte sie eine größere Division (Vizeadmiral Townsend) für Westindien abgeben. Diese Umstände erklären wohl, daß den Franzosen, wie ihre Quellen sagen, in diesem Jahre verschiedene kleinere Expeditionen nach der Küste Italiens geglückt sind. Ihr Landheer drang in Norditalien siegreich vor, auch neapolitanische Truppen waren wieder im Felde. Ferner trat Genua auf Frankreichs Seite; eine Division der englischen Flotte beschoß deshalb einige Küstenplätze dieser Republik und unterstützte die gegen sie aufgestandenen Corsicaner bei der Eroberung von Bastia.