Vom Kanal und Atlantik berichten die Quellen für das Jahr 1745 außer Zusammenstößen zwischen einzelnen Schiffen oder ganz kleinen Divisionen[55] wenig. Erwähnenswert ist, daß es den Franzosen auch von Brest aus glückte, zweimal Verstärkungen an Kriegsschiffen nach Westindien zu senden, deren eine einen großen Konvoi von Kauffahrern und Transportern deckte; dagegen war es nicht gelungen, rechtzeitig eine Unterstützung nach Nordamerika auslaufen zu lassen, um die bedrohte Festung Louisbourg zu retten. Ferner fällt in dieses Jahr die Erhebung Schottlands. Ihr Verlauf ist auf Seite 53 geschildert, hier sei das seemännisch Bemerkenswerte hinzugefügt.
Prinz Karl Eduard In Schottland 1745. Der Prinz schiffte sich Mitte Juni in St. Nazaire auf einem kleinen Fahrzeuge („Dentelle“, 18 Kanonen), mit nur wenigen Begleitern, mit Waffen für 2000 Mann und etwa 2000 Lstrl. an Geldmitteln, ein. Ein für Freibeuterzwecke ausgerüstetes Schiff der Königlichen Marine („Elisabeth“, 64 Kanonen) sollte zum Schutz dienen und schlug auch auf der Höhe von Brest den Angriff des englischen Kreuzers „Lion“ von 50 Kanonen ab; ohne weitere Belästigung erreichte dann der Prinz im Juli Schottland. Seine anfänglichen Erfolge sind bekannt, doch[85] erhielt er von Frankreich zu geringe Unterstützung. Die meisten der kleineren Fahrzeuge (Freibeuterschiffe), mit denen seine Anhänger in Frankreich ihm Freiwillige sowie Hilfsmittel senden wollten, wurden von den englischen Geschwadern weggefangen, die im Kanal und an der schottischen Küste kreuzten; das Gros der Kanalflotte unter Admiral Vernon beobachtete von den Downs aus Dünkirchen und Calais auf eine ernstere Bedrohung durch Frankreich. Es gereicht aber der englischen Marine nicht gerade zum Ruhme, daß es im Dezember 1745 einer Flottille von 7 Fahrzeugen gelang, bei Montrose 700 Mann zu landen und einen Angriff englischer Schiffe abzuweisen; auch im Mai 1746 schlugen zwei Freibeuter kleine englische Kriegsschiffe aus dem Felde und brachten einige schottische Rebellenführer nach Frankreich. Im Herbst desselben Jahres holte ein französischer Freibeuter den Prinzen von den Hebriden nach der Bretagne zurück; dies war der dritte Versuch, den Prinzen zu retten.
Die französischen Marineschriftsteller vertreten die Ansicht, daß für Frankreich nie, weder zur Zeit Ludwigs XIV. noch später während der Republik und des Kaiserreichs, eine so günstige Gelegenheit zu einem Einfall in England sich geboten habe, wie bei dieser Erhebung Schottlands; auch englische Autoren bezeichnen die damalige Lage als gefährlich. England war von Truppen entblößt und in Belgien geschlagen; die englischen Seestreitkräfte scheinen anfangs schwach und zerstreut gewesen zu sein. (Der Oberbefehlshaber Vernon, allerdings durch seine Opposition bekannt, sprach der Admiralität gegenüber spöttisch von „zwei Flaggoffizieren in den Downs mit noch einem 40-Kanonenschiff, um damit die Schlachtlinie zu bilden“.) Auch in Frankreich erhoben sich gewichtige Stimmen für die Benutzung der günstigen Gelegenheit und für die Ausführung des Planes von 1744. Vorbereitungen wenigstens wurden getroffen. Lacour berichtet hierüber (A. a. O. Seite 158 ff; hier im Auszuge):
„Dem Prinzen Karl Eduard war von einflußreichen Personen gesagt, wenn er in Schottland gelandet sei, so könne der König nicht umhin, ihn zu unterstützen. Der Marschall de Noailles erklärte dem Könige, wenn er in London wirklich die Messe lesen lassen wolle, so müsse er jetzt 30000 Mann hinübersenden. — Gegen 30000 Mann waren unter dem Herzog von Richelieu bei Calais versammelt und man traf Vorbereitungen zur Überführung, ja es scheint einige Male schon mit der Einschiffung begonnen zu sein; Voltaire hatte einen Aufruf an das englische Volk entworfen. — Während 72 Stunden, vom 31. Dezember 1745 bis zum 3. Januar 1746, wehte SSO-Wind, den Weg freimachend von der englischen Flotte und der Überfahrt günstig; Vernon schrieb in jener Zeit an den Kommandanten von Deal, er würde nicht imstande sein, unter diesen Umständen die Überfahrt der Franzosen zu hindern. Jetzt hatte aber weder der König, noch die Minister, noch Richelieu mehr Interesse für den Plan, und im Februar erklärte Moritz von Sachsen, daß Richelieu ihm von unüberwindlichen Hindernissen berichtet und ihm die für das Unternehmen bestimmten Truppen zurückgesandt habe.“
Lacour schließt mit der Bemerkung, man höre in den Aufzeichnungen jener Zeit das Echo der allgemeinen Entrüstung in Frankreich über das Aufgeben des Planes. Nun, so ganz leicht wäre die Ausführung doch wohl nicht gewesen und im Winter 1745/46 war es sicher schon zu spät. Um diese Zeit hatte man in England die Verteidigung planmäßig geordnet; die Hauptflotte lag in den Downs und je ein Geschwader in Plymouth, in der Themsemündung sowie vor der schottischen Küste, abgezweigte Divisionen und einzelne Kreuzer schwärmten auf See.
Im Jahre 1746 stand der Krieg in Flandern für England schlecht; die Franzosen hatten sich Belgiens bemächtigt und bedrohten Holland; dabei hatte man von diesem Kriegsschauplatze Truppen gegen die Schotten abberufen müssen. Man beabsichtigte deshalb, durch einen Vorstoß gegen die französische Küste (gegen Lorient) französische Truppen aus Flandern wegzuziehen und so gleichzeitig der öffentlichen Meinung Rechnung zu tragen. Schon früher waren Vorbereitungen getroffen, den Kolonisten in Amerika eine ansehnliche Hilfstruppe zu einem Angriff auf Quebec zu senden. Frankreich erhielt hiervon Kenntnis und traf die gleiche Maßregel, sandte zur Wiedereroberung Louisbourgs von Brest Ende Juni 11 Linienschiffe unter dem Duc d'Anville nebst einem Truppentransport ab, während die englische Expedition unterblieb. Um die dadurch in England hervorgerufene Entrüstung zu besänftigen, erklärte die Regierung, daß die für die Kolonie gesammelten Kräfte jetzt gegen Frankreich selber verwendet werden würden.
Nach einigen englischen Quellen ist es bis jetzt nicht aufgeklärt, weshalb die Unterstützung für Amerika nicht entsendet wurde; andere führen an, die Expedition sei zunächst durch „gewisse Umstände“ verzögert und später wegen zu weit vorgeschrittener Jahreszeit aufgegeben. Es ist möglich, daß man zu Anfang des Jahres 1746, ehe der schottische Aufstand niedergeschlagen war, Schiffe und Truppen der Heimat nicht zu entziehen wagte, aber im April war Karl Eduards Sache durch die Niederlage bei Culloden bereits völlig verloren und Frankreich hatte den Einfall in England schon früher aufgegeben. Da ist es verwunderlich, daß die Expedition nicht abging, ja daß man nicht einmal versuchte, die französische Unternehmung zu verhindern, die doch ein Gegenstoß gegen die beabsichtigte eigene sein sollte. Aber es wurde nichts Ernstliches gegen das Sammeln der feindlichen Kriegsschiffe und Transporter getan, die in verschiedenen Häfen ausgerüstet werden mußten. Nur durch ein Blockieren von St. Malo ist ihr Zusammentritt um einige Wochen verzögert, gegen das Auslaufen der großen Flotte im Juni wurde nicht vorgegangen. Daß England hierzu nicht imstande gewesen wäre, kann man bei der Überlegenheit seiner Marine kaum annehmen. Colomb („naval warfare“) erblickt hierin wohl mit Recht einen strategischen Fehler. Mit dem Vorstoß gegen Lorient wollte man nun diesen einigermaßen wieder gut machen.
Aber wäre der Angriff auch wirklich mit Erfolg gekrönt worden, so würde es doch nur ein Ausgleich gegen etwa von den Franzosen in Amerika errungene Vorteile gewesen sein, nur ein geringer Gewinn für die überlegene Seemacht. Man wählte Lorient als geeignetsten Angriffspunkt, da die Stadt einerseits nur schwach befestigt war und anderseits als Hauptstapelplatz der französisch-ostindischen Kompagnie reiche Beute versprach; man hoffte ferner, daß man von hier aus in der Bretagne den protestantischen Teil der Bevölkerung (besonders in La Rochelle) zum Aufstand bringen und dann, von der See her stets unterstützt, weiter in die Provinz eindringen könne. Nicht genügend vorbereitet und mangelhaft durchgeführt, schlug das Unternehmen völlig fehl.
Der englische Angriff auf Lorient 1746. In Portsmouth wurden auf 40 Fahrzeugen 7000–8000 Mann unter Generalleutnant St. Clair eingeschifft; Admiral Lestock deckte den Transport mit einem Teil der Kanalflotte, sandte einige Schiffe zur Erkundung der Küste voraus und folgte Mitte August mit dem Transport; er erreichte aber widriger Winde halber erst Ende September die Insel de Groix. Nach französischen Angaben hätte er leicht in die Bucht von Lorient einlaufen können, da die Orte Port Louis und Lorient kaum befestigt und nur von wenigen Kompagnien Küstenwache (Miliz) besetzt waren. Seestreitkräfte waren gar nicht zur Stelle, in Brest scheint man weder das Passieren der Erkundungsdivision, noch das der 50 Segel starken Flotte bemerkt zu haben; die englischen Führer scheinen aber auch hiervon weder durch ihre Behörden daheim noch durch Erkundung Kenntnis gehabt zu haben. Man versuchte gar kein gewaltsames Eindringen, sondern landete am 1. Oktober etwa 15 Kilometer westlich von Lorient an der Mündung des Quimperlé. Der Kommandant der bedrohten Stadt bot in Eile alle erreichbaren, wenn auch kaum regelrecht bewaffneten Milizen auf und verstärkte die Befestigungen, war aber doch zur Übergabe geneigt, wenn der Gegner vom Beutemachen absehen wollte. Die Engländer gingen hierauf nicht ein, sondern rückten auf Lorient vor; sie kamen jedoch wegen ungünstigen Geländes nur langsam vorwärts, und der Angriff stockte vor der Stadt, weil jegliches Belagerungsmaterial fehlte. Am 7. Oktober gaben sie die Berennung auf und schifften die Truppen wieder ein; wie französische Angaben sagen, zum Erstaunen des Kommandanten, der gerade beschlossen habe, die Stadt auf jede Bedingung hin zu übergeben. Als Beispiel der mangelhaften Ausrüstung der englischen Expedition sei erwähnt, daß der General auf seine Bitte um eine Karte der Bretagne durch Eilboten eine solche der Gascogne erhielt.
Darauf landeten die Engländer bei Quiberon, gaben aber auch hier nach wenigen Tagen die Operationen auf, nur die Inseln Houat und Hoedik wurden gebrandschatzt und ihre Befestigungen zerstört. Am 23. Oktober ging die Flotte nach England zurück.