Aber auch die Marine selber war nach der langen Friedenszeit nicht in der Verfassung, in der sie hätte sein sollen. Die Verwaltung stand nicht auf der Höhe. Die Zahl der Schiffe ist zwar ungemein groß und wird immer größer, aber mehrfach zeigt sich, daß für die fernen Gewässer bestimmte Geschwader weit später auslaufen, als ursprünglich geplant war. — Englische Quellen fügen oft hinzu: „wie gewöhnlich“ — und auch in den heimischen Meeren scheinen die Flotten nicht immer rechtzeitig bereit gewesen zu sein, so z. B. als im Jahre 1745 ein Einfall der Franzosen drohte. Ferner war der Nachrichtendienst mangelhaft, und so konnten französische Geschwader unbelästigt, ja öfters unbemerkt auslaufen. Auch die anfängliche Überschätzung der Gegner beruhte wohl hierauf. Die Franzosen waren stets weit besser unterrichtet, wie schon unter Ludwig XIV. wohl durch die Anhänger der Stuarts in England. Endlich fehlten im Offizierkorps zu dieser Zeit vielfach der frische Geist und Schneid, die militärische Vorbildung für den Krieg, ja sogar teilweise die Disziplin. Beweise hierfür liefern die Kriegsgerichte über Admiral Lestock und die Kommandanten nach der Schlacht vor Toulon, über Kommodore Peyton nach dem Gefecht bei Negapatam und sein Verhalten nach diesem, sowie über Admiral Knowles nach der Schlacht vor Havanna; ein ähnlicher Fall wie der Peytons ereignete sich noch 1746 in Westindien, wo ein Kommodore (Mitchel) dem Kampfe mit einem schwächeren französischen Geschwader auswich.

Über diese Schwächen im englischen Offizierkorps haben wir uns schon früher (vgl. Seite [80] ff.) näher ausgelassen und gleichfalls mehrfach darauf hingewiesen, daß bei dem englischen Seeoffizier lange Zeit im 18. Jahrhundert das Interesse für die seemännische Seite seines Berufes die für die militärische überwog; gerade für die Zeit unmittelbar nach den langen Friedensjahren trifft dies ganz besonders zu. Diese Mängel haben sicher nicht nur in einzelnen Fällen ihre Wirkung gezeigt, sondern auch im allgemeinen die Durchführung der Aufgaben der Marine gelähmt, denn bessere Zustände in der Marine und infolgedessen bessere Leistungen würden wohl auch die Tätigkeit des Ministeriums dahin beeinflußt haben, die Seemacht richtiger und kräftiger auszunutzen. Ein Läuterungsprozeß begann vor der Schlacht vor Toulon; seit 1747 ist ja auch schon ein Fortschritt zu erkennen, sein Endergebnis kam jedoch diesem Kriege nicht mehr zugute.

Für die Geschichte der Entwicklung der Taktik (vgl. Seite [36] ff.) bringt dieser Krieg noch nicht viel Bemerkenswertes; nur zwei rangierte Schlachten wurden geschlagen: Toulon 1744, Havanna 1748. Diese zeigen uns aber die beschränkte Auffassung der Taktik in der englischen Marine, nach beiden werden die Führer kriegsgerichtlich verurteilt, weil sie gegen den Buchstaben der Vorschrift verstoßen haben. — Die zwei Schlachten bei Finisterre gereichen beiden Gegnern zur Ehre. Die englischen Führer nutzen ihre Überlegenheit richtig dadurch aus, daß sie ohne Ordnung so schnell wie möglich angreifen und die Melee herbeiführen; die französischen Admirale halten mit eigener Aufopferung den Gegner fest, um den ihnen anvertrauten Konvois die Möglichkeit der Rettung zu geben.

Angriffe auf die feindliche Küste fanden in diesem Kriege vielfach statt und bestätigen die strategischen und taktischen Lehren, die sich aus den früheren Kriegen ergeben haben[67].

Zu erfolgreichen Unternehmungen gegen die Seegrenze des Gegners ist stets die Beherrschung des Meeres nötig. Der letztbesprochene Krieg bringt 1744 wieder einen Versuch Frankreichs, ein Heer nach England überzuführen und hierzu durch die Flotte den Weg freimachen zu lassen. Als ein vollwertiges Unternehmen, die Seeherrschaft vor der Überführung zu erringen, kann jedoch dieser Fall nicht gelten; Colomb sagt bezeichnend: »Es war nicht ein Fall von „Naval warfare“, sondern von „Naval gambling«.“ Denn wenn auch England nicht gerade eine Flotte in Spithead versammelt hatte und auch nicht genau über den französischen Plan unterrichtet war, so durfte Frankreich doch nicht annehmen, daß der Gegner, der schon im Kriege mit Spanien und vor einem solchen mit Frankreich stand, seine Küsten völlig unbewacht und unbeschützt gelassen hätte. Zu einem ernsten Kampfe um die Seeherrschaft war aber die französische Marine zu schwach, und selbst wenn man durch überraschendes Auftreten Teile der noch nicht zusammengezogenen englischen Streitkräfte vernichtet hätte, wäre der Erfolg eines Einfalles nicht gesichert gewesen, da England im Winter vorher zu Wasser und zu Lande stark gerüstet hatte. Tatsächlich trat ja auch eine überlegene Flotte der französischen entgegen, und diese konnte von Glück sagen, daß sie heil davonkam, durch die Witterungsverhältnisse begünstigt. Im Jahre 1745 wurde der gleiche Plan gar nicht ins Werk gesetzt, weil England die See beherrschte; dieses dagegen unternahm 1746 den aus anderen Gründen erfolglosen Angriff auf Lorient ganz richtig, als die französische Atlantikflotte zur Wiedereroberung Louisbourgs abwesend war. — In den Kolonien ging man gegen Küstenstädte nur vor, wenn der Angreifer sich vor feindlichen Seestreitkräften sicher wußte. So nahm Vernon 1739/40 Puerto Belo sowie Chagres und beschoß Cartagena, gab aber derartige Unternehmungen auf, sobald er Kenntnis vom Eintreffen spanischer und französischer Geschwader in Westindien erhielt.

Als die englischen Seestreitkräfte wesentlich verstärkt waren und die Franzosen die Station verlassen hatten, folgen in den Jahren 1741–1743 neue Angriffe auf Küstenstädte, dann aber sehen die Engländer wieder bis 1748 (Angriffe auf Port Louis und auf Santiago de Cuba) davon ab, da sie während dieser Zeit den Gegnern zur See nicht überlegen waren. Die Ereignisse auf den andern Kriegsschauplätzen liefern gleiche Beispiele. Die Engländer nehmen (1745) unter dem Schutz eines starken Geschwaders Louisbourg in Nordamerika. Wäre eine französische Entsatzflotte während der langdauernden Berennung herangekommen, so würde aus der belagernden englischen Flotte eine belagerte geworden sein oder sie hätte die gelandeten Truppen im Stich lassen müssen; die Franzosen wurden aber durch Blockade in den Heimatshäfen festgehalten. In Ostindien überwältigen die Franzosen (1746) Madras, weil das englische Geschwader unter Peyton das Feld räumt — schon wenn es nur in der Nähe geblieben wäre, würde es den Angriff verhindert haben, sie müssen das Vorgehen gegen St. David (1747) aufgeben, als der Gegner wider Erwarten zur See auftritt; die Engländer greifen Pondichery an (1748), nachdem die Franzosen die ostindischen Gewässer völlig geräumt hatten.

Bei der Eroberung von Küstenstädten fällt die Hauptaufgabe den Landstreitkräften zu; die Flotte deckt, versorgt und unterstützt diese. Nach der Zusammenstellung Colombs haben Angriffe durch Seestreitkräfte allein nur in Ausnahmefällen zur Übergabe eines Platzes geführt, so in diesem Kriege bei Puerto Belo (1739), Chagres (1739) und Port Louis (1748). Dabei lagen aber die Verhältnisse besonders günstig für den Angreifer. Im ersten war die Besatzung schwach und entmutigt, in den beiden andern konnten die Schiffe auf ganz nahe Entfernung an die Befestigungen herangehen; in einer solchen Lage hatten aber zu jener Zeit die Schiffe wegen der ungeheuren Überzahl an Geschützen den Befestigungen gegenüber einen großen Vorteil. Die Angriffe auf La Guayra (1743), Puerto Cabello (1743) und Port Louis (1748) durch die Flotte allein führten nicht zur Übergabe. — Beispiele eines gemeinsamen Angriffes von Land- und Seestreitkräften sind die Berennungen von Cartagena (1741), Santiago de Cuba (1741), Pondichery, Louisbourg und Madras. Besonders in den beiden zuletzt genannten Fällen nahmen Flotte und Heer die ihnen zukommende Aufgabe wahr und erzielten einen Erfolg. Wenn solcher in den anderen Fällen ausblieb, so lag dies an Fehlern oder an mangelnder Tatkraft bei der Berennung vom Lande her; Uneinigkeit zwischen den einander gleichgestellten Führern der beiden Waffen sowie ungünstige Klimaverhältnisse traten hinzu. Das Unternehmen der Engländer gegen Lorient kann hier nicht herangezogen werden; es war schon in seiner Anlage verfehlt und ermangelte jeder Energie.

Ein bemerkenswerter Ausspruch Colombs sei noch angeführt. Er sagt (Seite 359 ff., hier kurz zusammengefaßt): „Dieser Krieg bringt uns den Anfang jener höheren Strategie, nicht an Ort und Stelle und unmittelbar unsere (Englands) fernen Besitzungen zu schützen und unsere Flotten in den fernen Meeren zu stärken, sondern mittelbar und in den heimischen Gewässern dadurch, daß man die wichtigen europäischen Häfen des Gegners bewacht und diesen hindert, Verstärkungen hinauszusenden. Von 1747 an geschah dies und mit Erfolg; man hatte wohl eine Lehre aus dem Fehler gezogen, den man 1746 begangen, indem man die große französische nach Nordamerika auslaufen ließ “.