1746 vertreiben die Österreicher ihre Gegner aus Italien und bedrohen sogar die Provence; allerdings hatten sie durch den Frieden mit Preußen freiere Hand gewonnen, aber auch die englische Flotte trat in diesem Jahre wesentlich verstärkt auf. In den meisten Schilderungen des Krieges wird der Einfluß der englischen Seemacht nur in Hinsicht auf das Verhalten Sardiniens und Neapels gewürdigt; es dürfte jedoch wohl kein Zufall sein, daß die Kriegslage überhaupt stets dann für Österreich günstiger stand, wenn die englische Flotte die See beherrschte. Wir wollen jedoch nicht behaupten, daß der Einfluß der Seemacht hierbei den Ausschlag gegeben habe.
Der mittelbare Einfluß des Seekrieges auf den großen europäischen Landkrieg ist bedeutend gewesen. Alles in allem wurde Frankreich durch den Mangel an einer starken und leistungsfähigen Marine gezwungen, die im Landkriege errungenen Vorteile aufzugeben, während England seine Stellung mit Hilfe der Seemacht rettete, obgleich es nicht einmal den besten Gebrauch von ihr machte. Um dies zu erweisen, müssen wir zunächst auf die Verhältnisse Frankreichs vor dem Kriege eingehen. In der langen Friedenszeit hatte dieser Staat aufs neue begonnen, seinen Seehandel und seinen Kolonialbesitz zu heben. Man behielt aber stets eine europäische Gebietserweiterung im Auge und ließ sich dadurch bei der ersten geeigneten Gelegenheit in einen Festlandskrieg verwickeln, obschon ein gleichzeitiger Seekrieg mit England vorauszusehen war. Bei Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges spielte schon der Kampf auf dem Meere zwischen England und Spanien, und Frankreich war durch Vertrag gebunden, Spanien zu decken, außerdem bedrohte die Eifersucht zwischen den englischen und den französischen Kolonien stets den Frieden. Der große Landkrieg sog dann die Hilfsquellen des Landes auf; man hatte aber, um England nicht zu reizen, die Marine verfallen lassen und damit den Seehandel und die Kolonien, die Haupthilfsquellen, des Schutzes beraubt. Während des Krieges war man nicht imstande — auch wohl aus Mangel an Einsicht für die Bedeutung des Seekrieges kaum geneigt —, die Marine zu stärken; diese brach schließlich zusammen.
Da ist es kein Wunder, daß der Seekrieg für Frankreich so ungünstig verlief, daß die Vernichtung des Handels und die dadurch beschleunigte Erschöpfung des Landes sowie endlich der drohende Verlust der Kolonien wesentlich zu einem Friedensschluß beitrugen, der bei den Erfolgen im Landkriege eigentlich demütigend war. Hätte Frankreich eine Marine besessen, die der englischen entgegentreten konnte, wenn sie dieser auch nicht gewachsen war, so würde es dank seiner Gewalt über die österreichischen Niederlande und über Maastricht günstigere Friedensbedingungen haben durchsetzen können.
Die Kriegführung Frankreichs zur See entsprach der Schwäche seiner Marine; sie mußte sich auf die Verteidigung beschränken. So finden wir denn auch nur zwei ernstliche Versuche, zum Angriff überzugehen: das eine Mal, als man noch vor der Kriegserklärung beabsichtigte, überraschend in England einzufallen (1744), das andere Mal, als die starke Expedition nach Nordamerika entsandt wurde (1746). Die Vorbereitung zu einem Einfall in England (1745), um die Erhebung Schottlands zu unterstützen, ist wahrscheinlich mehr als eine Demonstration anzusehen. Die Marine beschränkte sich darauf, den eigenen Handel zu schützen, den englischen zu schädigen und den Kolonien Verstärkungen zuzuführen. Selbst wenn die Regierung der Seemacht höhere Aufgaben gestellt hätte und Führer von hoher Begabung vorhanden gewesen wären, würde ein Kampf um die Seeherrschaft kaum Erfolge erzielt haben, die von größerem Einfluß auf den Krieg im allgemeinen sein konnten; wahrscheinlich wäre nur der Zusammenbruch der Marine beschleunigt worden. Die untergeordneten Aufgaben hat sie aber einige Jahre hindurch nahezu gelöst.
Zwei neuere französische Marineschriftsteller äußern sich sehr verschieden hierüber: Lacour-Gayet schreibt (Seite 189): „Was fehlte, um die Führer von Verdienst und die tapfern Schiffsbesatzungen zum Erfolge zu führen? Der feste Wille der Regierung, die Marine ihren Teil an der großen Politik nehmen zu lassen! Man benutzte sie zu zwar bemerkenswerten, aber untergeordneten Unternehmungen, wie die Kreuzfahrten nach Westindien. Für die entscheidenden Kriegshandlungen aber, wie den Einfall in England, die Wiedereroberung von Louisbourg, die Kämpfe in Ostindien,[111] schien man sie nur widerwillig heranzuziehen; hier bewilligte man nur so ungenügende Mittel, daß das Mißlingen vorauszusehen war.“
Chabaud-Arnault sagt dagegen (Seite 158; hier gekürzt): „Die meisten unserer Geschichtschreiber verurteilen den Minister, der die Verwendung der Marine leitete. Sie gehen viel zu weit! Unsere Marine war infolge der schändlichen Politik Fleurys völlig ungenügend für ihre wichtige Aufgabe. Sie konnte nicht um die Seeherrschaft kämpfen und widmete sich deshalb der einzig möglichen Kriegführung: der Begleitung von Konvois und der Störung des feindlichen Handels. Hierbei ging sie zugrunde, aber sie hatte Erfolge, die nicht zu verkennen sind. England wollte uns die Kolonien nehmen; es ist ihm nicht gelungen und sein Handel ist zum Teil vernichtet.“ Die Auffassung Chabaud-Arnaults dürfte unserem Erachten nach den Verhältnissen entsprechender sein.
Die Kriegführung Spaniens war durchaus schwächlich. In den europäischen Gewässern verlautet mit Ausnahme der Truppenüberführung 1741 nach Italien und der Schlacht vor Toulon 1744 nichts von spanischen Flotten oder Geschwadern. Der Zustand der Marine muß trostlos gewesen sein. Welch eine lange Zeit gebrauchte die Flotte in Toulon, um segelfertig zu werden, obgleich die Franzosen sie mit Material, Mannschaften, ja selbst Offizieren unterstützten! In Westindien stand es ähnlich. Von den nicht unbedeutenden Kräften (18 Linienschiffe), die hier 1740 versammelt waren, wurde nur ein Drittel dazu bestimmt, die bedrohten Besitzungen in Mittelamerika zu decken; diese Schiffe (6) gingen in Cartagena verloren. Der Rest lag fast tatenlos, sich gewissermaßen an die Franzosen in Haiti anlehnend, in Havanna, nur auf den Schutz dieser Stadt und wohl auch auf den eigenen bedacht. Von hier aus scheinen sie, wie das Zusammentreffen mit den Engländern (1748) zeigt, in nächster Nähe gekreuzt zu haben, aber sie machten nicht einmal den Versuch, einzugreifen, als der Feind vor Santiago de Cuba stand. Infolge der Fehler der Engländer war Spanien längere Zeit erfolgreich im Kleinen Kriege durch Freibeuter und auch, besonders in den europäischen Gewässern, durch einzelne Kriegsschiffe; von diesen fielen jedoch manche den Engländern zum Opfer. In mehreren dieser Einzelgefechte haben sich übrigens spanische Schiffe tapfer geschlagen, so auch das Geschwader vor Havanna.
Die Kriegführung Englands entsprach nicht seiner Überlegenheit zur See. Die englische Marine war 1739 fast dreimal so stark als die spanische. Trotzdem hatten die Angriffe auf spanische Niederlassungen in Westindien — sonst richtig als die geeignetste Maßregel gegen Spanien ins Auge gefaßt — keine durchschlagenden Erfolge, im Mittelmeer wurde die Verbindung Spaniens mit Italien nicht völlig abgeschnitten und selbst im Kleinen Kriege war England nicht im Vorteil. Überall und besonders in Westindien hätte man mit stärkeren Streitkräften auftreten müssen, um so mehr, als man doch damit rechnen konnte und auch tatsächlich rechnete, daß die Franzosen eingreifen würden. Als der Krieg mit Frankreich dann wirklich ausbrach, war die Überlegenheit auf seiten Englands zwar nicht mehr so groß, aber immer noch vorhanden und wuchs fortlaufend beträchtlich; England trat aber auch weiterhin außerhalb des Kanals nur selten mit genügender Kraft auf, und so währte es lange, bis die englische Marine die See beherrschte. Erst im letzten Jahre des Krieges vermochte England die französische Marine lahmzulegen, die Gegner von ihren Kolonien sowie von Italien völlig abzuschließen und den Vorteil im Kleinen Kriege ganz auf seine Seite zu bringen.
Hierdurch wurde nun allerdings Frankreich zum Frieden bestimmt, aber auch England wünschte ihn, da es seinen Verbündeten, Holland, arg gefährdet sah und weil der Krieg schon bedeutende Kosten verursacht hatte; das Geld begann knapp zu werden und jetzt versuchte sogar Holland bei ihm zu borgen. England hatte in dem langen Kampfe den Handel und die Marinen der Gegner für den Augenblick vernichtet; es mußte sich aber mit einem Frieden begnügen, der ihm keine Gebietserweiterungen brachte, ja der sogar die Hauptursachen des Krieges — die Entlastung seiner Schiffahrt von spanischem Drucke in Westindien, die Grenz- und Machtfragen zwischen seinen und den französischen Kolonien in Nordamerika und in Ostindien — unerledigt ließ. Bei seiner Überlegenheit zur See hätte man erwarten können, daß es England gelungen wäre, den eigenen Handel vor größeren Verlusten zu schützen, den Kampf in Nordamerika und Ostindien zu einem günstigen Austrag zu bringen, sowie den Gegnern wichtige Besitzungen in Westindien abzunehmen und mit diesen als Pfand einen schnelleren, jedenfalls aber vorteilhafteren Friedensschluß zu erzwingen. England machte jedoch unter einer schwachen Regierung von seiner Seemacht nicht den richtigen Gebrauch. Weder nach einem klaren strategischen Plane noch mit voller Kraft wurde die Marine eingesetzt; eine mittelbare Bestätigung dieser Behauptung wird uns der nächste Krieg bringen, in dem man unter William Pitts Leitung den richtigen Weg einschlug. Hierzu kam, daß auch die Leistungsfähigkeit der englischen Marine derzeit zu wünschen übrig ließ.
Die Gründe für die Lähmung der englischen Marine sind also in ihrer mangelhaften Verwendung und in ihrer derzeitigen geringeren Leistungsfähigkeit zu suchen; hierüber noch einige Worte. Es zeigte sich, daß England auf allen auswärtigen Kriegsschauplätzen mit ungenügenden Kräften auftrat. Dies ist wohl für die ersten Jahre neben der Abneigung Walpoles gegen den Krieg den unsicheren Zuständen in England zuzuschreiben. Die Sache der Stuarts war noch lebendig und man wagte nicht, die Heimat zu sehr von Truppen und Schiffen zu entblößen. Hierbei sprach wahrscheinlich noch eine falsche Einschätzung der spanischen und vor allem der französischen Marine mit, gegründet auf die zahlenmäßige Stärke dieser ohne Rücksicht auf ihren geringen inneren Wert. Bekannt ist Walpoles Erklärung vor dem Ausbruch des Krieges 1739, England sei dem vereinigten Spanien und Frankreich nicht gewachsen. Außerdem stand für den König Hannover und damit der Landkrieg im Vordergrund; sein dienstwilliges und schwaches Ministerium fügte sich hierin, anstatt den Seekrieg in richtige Bahnen zu lenken und ihn im richtigen Geist zu führen, selbst nicht, nachdem man die Schwäche der feindlichen Marinen erkannt hatte. William Pitts Auftreten schon in dieser Zeit zugunsten der wahren Interessen Englands gegen die hannoversche Politik gab den Anlaß, daß der König so lange zögerte, ihm eine leitende Stellung anzuvertrauen, obgleich die öffentliche Meinung dies forderte. Seine Neigung, das Augenmerk vorzugsweise auf den Landkrieg zu richten, wurde dann dadurch bestärkt, daß Frankreich (seit 1745) den Hauptkriegsschauplatz in die österreichischen Niederlande verlegte[113] und Holland bedrohte; Länder, die England ihm seines eigenen Handels wegen unter keinen Umständen preisgeben wollte. Man erkannte nicht, daß gegen die Erfolge Frankreichs hier gerade das beste Gegengewicht zu gewinnen war, wenn man ihm wertvolle auswärtige Besitzungen als Pfand abgenommen hätte.