Geschichtlicher Überblick. Der dritte Abschnitt, die Zeit von 1648–1739 umfassend, zeitigte bis zum Frieden von Utrecht[6] fünf große Seekriege. Ihr letzter, der Spanische Erbfolgekrieg 1702–1713, hatte England zum Gebieter der Meere gemacht. Die Zeit von 1713–1739[7] brachte infolge der Friedenspolitik der Minister Walpole in England und Fleury in Frankreich keine großen Seekriege, obgleich Zündstoff für Zusammenstöße der Großstaaten am Weltmeere genügend vorhanden war: Zwischen Spanien-Frankreich einerseits und England-Holland anderseits schärften sich seit Erhebung der Bourbonen auf den spanischen Thron die handelspolitischen Gegensätze bedenklich.

Die im Frieden von Utrecht zwischen Spanien und England über den Handel in Westindien und Spanisch-Amerika geschlossenen Verträge waren auf die Dauer unhaltbar. Die Zugeständnisse, die Spanien gemacht hatte (Assientovertrag), konnten England nicht genügen; sie riefen bald eine unrechtmäßige Ausnutzung seitens der Engländer — einen weitgehenden Schmuggelhandel — und dadurch ebenso ungesetzliche Gewaltmaßregeln der Spanier hervor. Diese Reibungen bildeten eine stete Bedrohung des Friedens. Anderseits hatte Spanien 1733 auch Frankreich große Vorteile im Handelsverkehr gewährt. In Frankreich wuchs die Einsicht von der Notwendigkeit maritimer Ausdehnung. Während der Friedensjahre nahm der französische Seehandel schnell zu und die Kolonien blühten auf; in Westindien erlangten sie das Übergewicht über die englischen und in Ostindien bildete sich ein französisch-indisches Reich, ähnlich dem jetzigen englischen. Das englische Volk aber war gewillt, jede Nebenbuhlerschaft auf der See und über der See zu unterdrücken. Zwischen Frankreich und England harrte ferner der Streit um die Vormacht in Nordamerika des Austrages; nicht einmal die Grenzen zwischen den beiderseitigen Kolonien waren hier endgültig festgesetzt und auch über den Besitz des nördlichen Teiles von Neu-Braunschweig war noch keine Entscheidung getroffen. Spanien sowohl wie Frankreich mußte es endlich ein Dorn im Auge sein, Gibraltar und Minorka als Stützpunkte zur Beherrschung des Mittelmeeres und seines Ausganges im Besitze Englands zu sehen.

Anlässe zum Kriege waren also zur Genüge vorhanden, und wir wissen (vgl. Band I, Seite [598]), daß sich Frankreich und Spanien in einem geheimen Defensivbündnisse verständigt hatten, bei geeigneter Gelegenheit gemeinsam gegen England vorzugehen; 1735 hatten diese Staaten ja bereits das Königreich Beider Sizilien unter bourbonischen Einfluß gebracht. So zeigt uns denn der vierte Abschnitt in dem kurzen Zeitraum von 43 Jahren drei große Seekriege. In diesen treten sich als Hauptgegner England und Frankreich gegenüber, Spanien sowie Holland spielen eine Nebenrolle: Hollands Seestreitkräfte waren sehr zurückgegangen, und auch die Spaniens, die zwar unter den Bourbonen (besonders unter Karl III. 1759–1788) wieder an Stärke gewannen, erreichten nicht die Bedeutung der französischen und englischen Seegeltung.

Die Reibungen in den westindischen Gewässern führten 1739 zu einem Kriege zwischen England und Spanien und eröffneten die großen Kämpfe zur See, die sich wie die letzten Kriege des vorigen Abschnittes an große Landkriege anschlossen.

Um das Jahr 1740 befand sich Europa in einem politischen Zustande, der bedeutende Umwälzungen ahnen ließ. Seit dem Spanischen Erbfolgekriege lag die Summe der politischen Weisheit in der Erhaltung des europäischen Gleichgewichtes zwischen den Großmächten Österreich, England, Frankreich, Holland, und nach dem Utrechter Frieden waren diese Staaten bestrebt, den seitdem geschaffenen Zustand zu erhalten; diese Sorge führte dann aber gerade zwei große europäische Kriege herbei. Neben den Fragen maritimer Bedeutung bedrohten auch andere, für die allgemeinen Interessen noch wichtigere das so ängstlich gehütete Gleichgewicht und damit den Frieden. Frankreichs Bestreben war weiter auf die Erwerbung der österreichischen Niederlande (Belgien) und auf die Sicherung Lothringens gerichtet, auf das es schon durch einen Erbschaftsvertrag mit König Stanislaus Leszczynski Beschlag gelegt hatte, und stieß so mit den Interessen Deutschlands, besonders Österreichs, durch die Absicht auf Belgien aber auch mit denen Hollands, ja sogar Englands, zusammen. In Deutschland hatte sich ferner eine immer schärfere Spannung zwischen Österreich und Preußen herausgebildet, und im Osten erhob sich drohend die anschwellende russische Macht; das polnische Reich war im Verfall, und die Türkei wurde immer schwächer.

Durch den Tod des Kaisers Karl VI. (Oktober 1740) kamen die Ereignisse ins Rollen. Zwar hatten fast alle Staaten die „Pragmatische Sanktion“ (vgl. Band I, Seite [594] ff.) anerkannt, durch die dem Hause Habsburg — der Kaisertochter Maria Theresia — der Bestand seiner sämtlichen Lande gesichert war, aber nach dem Tode des Kaisers traten dennoch verschiedene Mächte mit Erbansprüchen hervor. So entbrannte der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748), in dem Österreich mit England, Holland und Spanien gegen Bayern, Preußen (Erster und Zweiter Schlesischer Krieg) und Frankreich focht; auch die anderen Staaten schlossen sich einer der Parteien an, und der schon begonnene Seekrieg zwischen Spanien und England lief weiter. Der Kampf um das Gleichgewicht fand dann seine Fortsetzung und seinen Höhepunkt im Siebenjährigen Kriege 1756–1763, in dem jedoch die Gruppierung der Staaten eine ganz andere war. Die Eifersucht auf das zu Bedeutung gelangte Preußen führte jetzt Rußland sowie auch Frankreich (hier hatten allerdings noch andere Umstände ebenso großen Einfluß) auf die Seite Österreichs, um dem Werden eines kraftvollen Staates im wiederaufstrebenden Deutschland rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben, während England durch den jetzt zur endgültigen Entscheidung drängenden Kampf seiner Kolonien in Nordamerika mit den französischen, sowie durch des Königs Interesse an Hannover auf die Seite Preußens getrieben wurde; wiederum beteiligten sich auch andere Staaten am Kriege[8]. In diesen beiden Kriegen war England bestrebt, die Kräfte Frankreichs an den Festlandskrieg zu fesseln, indem es dessen Gegnern die Mittel zum Kampfe lieferte, und diesen Umstand sowie die Schwäche der französischen Marine zu benutzen, die eigene Seeherrschaft zu festigen und seinen Kolonialbesitz zu erweitern.

Im Österreichischen Erbfolgekriege fügte England den feindlichen Seestreitkräften empfindliche Verluste zu und errang auch Vorteile in Nordamerika, während Frankreich in Ostindien glücklicher war; die englische Seemacht wurde aber in diesem Kriege durch verschiedene Umstände an der Entfaltung ihrer ganzen Kraft behindert. Im Siebenjährigen Kriege hatte England dagegen vollen Erfolg mit seinen Plänen. Dieser Krieg brachte ihm die Herrschaft über Kanada unter Verdrängung Frankreichs aus Nordamerika, sowie Erweiterung seines Besitzes in Westindien; den großen Unternehmungen Frankreichs in Ostindien wurde ein Ende gemacht; die französischen Seestreitkräfte waren vernichtend geschlagen. Spanien, das verspätet Frankreich Hilfe zu bringen versuchte, wurde in dessen Sturz hineingezogen. Gleichzeitig hatte im Landkriege Friedrich der Große Preußens Stellung als Großmacht gefestigt; die beiden germanisch-protestantischen Mächte behaupteten den Sieg.

Der dritte große Seekrieg unseres vierten Abschnittes schließt sich an den Nordamerikanischen Freiheitskrieg 1775–1783 an, in dem Frankreich sowie Spanien auf die Seite der aufständischen Kolonien traten und in dem Holland durch England selbst zu den Gegnern gedrängt wurde. Der Krieg wurde so ein Seekrieg in allen Meeren, es handelte sich für England nicht nur um die Herrschaft über seine Kolonien, sondern auch um die Erhaltung seiner Obmacht zur See.

Frankreichs Kraft war jetzt nicht durch einen Landkrieg in Europa abgelenkt, England selber mußte einen solchen in Amerika führen, und dabei waren die Marinen Frankreichs sowie Spaniens wesentlich erstarkt. Dieser Krieg war denn auch für England sehr gefahrdrohend und brachte ihm keine Erfolge. Zwar hielten seine Seestreitkräfte den vereinten feindlichen das Gegengewicht, blieben eigentlich die überlegenen, und ein letzter Versuch der Franzosen, in Ostindien wieder die Übermacht zu gewinnen, wurde vereitelt, aber die nordamerikanischen Kolonien erlangten ihre Unabhängigkeit (hauptsächlich durch die Unterstützung der französischen Flotte) und Minorka ging verloren. Die Tatsache endlich, daß die französische Flotte in diesem Kriege die See gehalten hatte, war von großer Bedeutung. Das französische Volk wandte sich mit lebhafterem Interesse dem Seewesen zu; Aufschwung des Seehandels, der Kolonien, sowie Pflege der Marine waren die Folge. In der Marine herrschten Selbstvertrauen und Streben; sie würde in einem neuen Seekriege eine wuchtige Waffe geworden sein, wenn nicht die Revolution gerade für sie die verhängnisvollsten Folgen gehabt hätte.