Am Ende unseres Abschnittes war gegen die Zeit des Westfälischen Friedens eine völlige Umgestaltung Europas abgeschlossen. Das kolonienreiche Spanien, die Militärmacht Schweden und das seemächtige Holland waren aus der Reihe der maßgebenden Staaten gestrichen; zwei neue Mächte, Preußen und Rußland, waren schnell aufgestiegen und bildeten jetzt mit den alten, England, Frankreich und Österreich, die Vorherrschaft der fünf Großmächte, von denen die Politik des Weltteils abhing. — England begann sich zu einem außereuropäischen Weltreich auszudehnen und die Vereinigten Staaten von Nordamerika waren als eine anglo-germanische und protestantische Macht entstanden.
Nebenkriege, wie wir weiter die Seekriege nennen wollen, die nicht von ausschlaggebender Bedeutung für die allgemeine Weltgeschichte und für die Entwicklung des Seekriegswesens waren, sind im vierten Abschnitt folgende:
Der Russisch-Schwedische Krieg 1741–1743, der im Zusammenhange mit dem Österreichischen Erbfolgekriege steht; die Beteiligung der schwedischen sowie der russischen Seestreitkräfte am Siebenjährigen Kriege; die Russisch-Türkischen Kriege von 1768–1774 und von 1787–1792; der Russisch-Schwedische Krieg 1788–1790.
Diese Nebenkriege werden im Kapitel VI besprochen.
Bedeutung des Abschnittes für die Seekriegsgeschichte und für die Entwicklung des Seekriegswesens. Die großen Seekriege dieses Abschnittes haben eine bezeichnende Eigenschaft, die sie von den früheren unterscheidet. Bisher[9] hatten die Kämpfe in den Gewässern der Kolonien nur den Charakter des Kleinen Krieges. Sie bestanden in Angriffen auf die Niederlassungen und den Handel dort behufs Schädigung des Feindes sowie eigener Bereicherung; die dazu verwendeten Seestreitkräfte waren nur gering. Von nun an aber, und in den Kriegen dieses Abschnittes ganz besonders, bleiben die Ereignisse in den fernen Meeren nicht mehr nur Ausläufer des in Europa und seinen Gewässern ausgefochtenen Entscheidungskampfes; die Weltgeschichte ist nicht mehr die Geschichte Europas, sondern die der atlantischen Welt.
Die Kolonien hatten eine höhere und stetig wachsende Bedeutung für die europäischen Staaten gewonnen, sie bildeten einen Teil der Gesamtstaaten, von dem die Vermehrung des Nationalwohlstandes abhing. Sie erzeugten in regelmäßigem Anbau Produkte, die der europäische Markt nicht mehr missen konnte und waren als Abnehmer heimischer Erzeugnisse unentbehrlich geworden; es wurde aus diesem Grunde notwendig, den Verkehr zwischen ihnen und dem Mutterlande auch im Kriege zu behaupten. Deshalb schließen sich an den Hauptkriegsschauplatz in den europäischen Gewässern überseeische Schauplätze an, ja diese werden zuweilen die wichtigeren, und zwischen beiden muß die Verbindung aufrechterhalten werden, da von der Kraftquelle in der Heimat die Leistungen draußen abhängen. Alle diese Gründe rufen den Kampf um die Seeherrschaft im weitesten Sinne hervor und der Strategie zur See wird damit ein größerer Spielraum angewiesen.
Es erscheint nun auffällig, daß erst in dem letzten der drei Seekriege große Flotten auftreten; dies war hauptsächlich eine Folge der Schwäche der französischen Marine. In Frankreich war zwar der Aufschwung des Seehandels und der Kolonien während der Friedensjahre seit 1713 volkstümlich, aber die Regierung stand ihm kalt und mißtrauisch gegenüber. Sie ließ die Marine mehr und mehr verfallen, ja noch während der beiden ersten Kriege wurde wenig für sie getan; der Landkrieg sog die Hilfsquellen auf. Die vorhandenen Seestreitkräfte wurden außerdem zersplittert, Frankreich führte diese Seekriege lau und ohne strategisches Verständnis für ihre Wichtigkeit. Erst nach den maritimen Niederlagen und Verlusten im Siebenjährigen Kriege hob man auf Drängen des Volkes die Marine und sie trat nun im letzten großen Kriege, im Verein mit der gleichfalls erstarkten spanischen, mächtiger und tatkräftiger auf als je zuvor. Dieser Krieg wurde zwischen den europäischen Gegnern zu einem reinen Seekriege mit großen Flotten in allen Meeren.
Die Bedeutung der Kolonien. Im ersten Bande (Kapitel XII) ist eine kurze Geschichte der Kolonien gegeben, um deren Umfang, ihren Wert für die Besitzer und ihre innere Kraft um 1740 zu veranschaulichen; die Weiterentwicklung ihrer Verhältnisse[8] wird bei jedem der nun folgenden Kriege berührt werden. Bei der Wichtigkeit, die die Kolonien für sie haben, soll hier nochmals die Stellung der Gegner außerhalb Europas vor Augen geführt werden; der Einfluß der Kolonien auf die Strategie ergibt sich daraus.
In Nord-Amerika besaß England 13 Kolonien, die späteren „Vereinigten Staaten“: Die vier nördlichen oder Neuengland-Staaten: Newhampshire, Massachusetts mit Maine, Connecticut, Rhode-Island; die fünf mittleren: New York, New Jersey, Delaware, Pennsylvanien, Maryland; die vier südlichen: Virginien, Nord- und Südcarolina, Georgia. Diese Kolonien hatten 1740 schon eine Bevölkerung von etwa 1200000 Weißen und 200000 Negern, die schnell weiter zunahm (1760: 1385000 Weiße, 310000 Neger; 1770 insgesamt 2312000 und 1780 2943000 Seelen). Die Einwohner waren Ackerbauer, Kaufleute, sowie Seeleute und hingen noch mit Begeisterung am Mutterlande, wenn sie auch im wesentlichen auf sich angewiesen waren und sich selbst regierten. An einer solchen Bevölkerung, die außerdem auf die Franzosen sowie die Kanadier sehr eifersüchtig war, und an einem in jeder Beziehung ertragsfähigen Lande mit langer Seeküste und guten Häfen, in dem schon viel für die Entwicklung des Seewesens getan war (für Kriegsflotten voll leistungsfähige Werften gab es allerdings noch nicht), hatte England in den beiden ersten Kriegen eine sichere Basis auf der westlichen Halbkugel.
Frankreich besaß Kanada und Louisiana, worin das ganze Ohio- und Mississippi-Tal als notwendiges Glied zwischen dem St. Lorenz-Strom und dem Golf von Mexiko einbegriffen war. Dieses Zwischengebiet war jedoch nur schwach besetzt, und England erkannte Frankreichs Anspruch darauf nicht an. Die Stärke der französischen Stellung lag in Kanada, das 1740 etwa 50000 Weiße zählte (1760 etwa 80000). Die Ansiedler beschäftigten sich hier nur soweit mit Handel und Landwirtschaft, wie es für ihre unmittelbaren Bedürfnisse nötig war, in erster Linie lebten sie von der Jagd und dem Waffendienst. Eine militärische und mönchische Regierung hemmte Unternehmungslust sowie freie Verbindung zu gemeinsamen Zielen; selbst die für die Schiffahrt im Innern nötigen Fahrzeuge mußte man größerenteils in den englischen Kolonien kaufen. Kanada bot so und auch infolge der weiteren Entfernung von Westindien sowie seines rauhen Winterklimas vom militärisch-seemännischen Standpunkte aus für Frankreich weit weniger Nutzen als die englischen Kolonien für England; ein Vorteil Kanadas war wohl, daß es unter einheitlicher Verwaltung stand, während die englischen Provinzen nur lose zusammenhingen und nicht immer einig waren.