„Ach — sprich es nicht aus. Es ist so furchtbar. Es kommt immer wieder über Einen...“

„Ich weiß nicht, was Du meinst!“

„Ihr denkt auch immer daran, auch wenn Ihr davon still seid.“

Jerôme K. Higgins verstummte. Über die deutsche Gefahr sprach man nach Tisch, wenn man die Damen in den Drawing-Room hinaufgeführt hatte, beim Glase Portwein unter den Herren. Er stand in einem Gastzimmer im Hause seines Bruders in Mayfair vor dem Spiegel und knüpfte sich die weiße Binde zum Abendanzug. Unten fuhren schon fortgesetzt Automobile vor, kamen Ladies und Gentlemen in Gesellschaftskleidern nachbarlich über die Straße. Bei dem ehrenwerten Sir William Higgins war heute einer der großen Empfänge der Season. Er und seine Frau standen auf der Schwelle und begrüßten liebenswürdig jeden Ankommenden mit einem Händedruck und der herzlichen Freude, grade ihn zu sehen. Sie wiederholten das ein paar hundertmal. Das Haus des Londoner Zeitungsherrschers und Parlamentsabgeordneten war größer als sonst die Absteigequartiere des Landadels. Aber geladen waren nach Londoner Brauch doppelt so viel Leute, als darin Platz hatten.

Machte nichts! Heute war Sir William Higgins nicht der eisige Geschäftsmann der City bei Tag, der nüchterne Unterhaus-Debatter von Westminster bei Nacht. Jetzt war er ein jolly good fellow... alle Geister schalkhaften Britentums und trockenen Humors um die dünnen Lippen. Nichts konnte freimütiger sein als deren Lächeln, nichts vertraulicher als seine dargebotene Rechte. Nur in den Augen blieb etwas, das nicht zu der Unschuldsmiene stimmte. Sie überflogen immer wieder das Dienerspalier im Hausflur. Sie suchten. Seine Schwägerin Hannah, die ihn von innen aus dem Menschengedränge heraus beobachtete, wußte, was das hieß. Es fehlte noch etwas: der Löwe des Abends. Irgend ein Tüpfelchen auf dem I der Society-Eitelkeit.

Dann ein freundlicher Schein auf seinen pergamentenen Zügen. Er streckte die Arme aus und ging einem Gast drei Schritte entgegen. Das war das Höchste, was er tun konnte. Der Neuangekommene überragte ihn, trotz seiner lässigen Haltung, mit den abfallenden Schultern seiner hageren aristokratischen Gestalt. Sein Frackschnitt und Hosensitz hätte den ersten Schneider Londons mit Neid erfüllt. Auf seinem lebhaften und länglichen Gesicht mit den grauen klugen Augen war ein geschmeidiges Lächeln. Neben ihm seine schöne junge Frau. Eine Vollblut-Pariserin, dachte sich Hannah Higgins. Man sah es schon an dem spielerisch treffsicheren Wunder ihrer Toilette gegenüber den barbarisch bunten, an Indiens Grellheit erinnernden Kleidern der Engländerinnen.

„La belle Madame de Schjelting!“ sagte Jemand neben Hannah. Es schien ihr ein vornehmer Rumäne zu sein. Neben ihm, auf Englisch, ein säbelbeiniger Japanese.

„Und ihr Mann? Ein Russe?“

„Ein Petersburger de pur sang!“

„Sehen Sie doch, wie man sich um ihn drängt. Oh — der Herzog von Woodford selbst steht auf und tritt auf ihn zu!“