Nie war Deutschland so arbeitsfreudig, so festefroh gewesen. Feiern und Reden überall im neuen Reich. Aus den Fenstern Wiesbadens grüßten die Fahnen. Es tagte wieder ein Kongreß in der Bäderstadt. Aber die Flaggen hingen schwer und unbewegt zu Boden, wie erschöpft von der bleiernen Schwüle, der unheimlichen Stille des Mittags, die nur vom Kurpark her das Jauchzen spielender Kinder unterbrach.
Gegenüber, in der Sonnebergerstraße, saß der Geheimrat Tillesen nach Tisch mit seinem Schwiegersohn, dem Großindustriellen Martius, im Schatten der Veranda. Der Reichstagsabgeordnete hielt die glimmende Havannah schräg in dem mächtigen, rotbraunen Vollbart. Ein großer, schöner Mann zu Anfang der Vierzig, hatte er die starke Stimme und die ungestümen Bewegungen des Volksredners.
„Nee, Schwiegervater — ich bin doch auch nicht gerade ein Waisenknabe — nicht wahr? Ich stehe doch mitten im praktischen Leben. Ich bin, wie ich da geh’ und steh’, täglich fünfhundert Aktionären, zweitausend Arbeitern und fünfzigtausend Reichstagswählern Rechenschaft für mein Tun und Lassen schuldig! Auch ’n Vergnügen, besonders das Letztere! Na — was tut der Mensch schließlich nicht Alles freiwillig, wenn er muß?“
„Wer zwingt Dich denn?“
„Ich mich selber! Ich brauche Umtrieb um mich! Wo ich hinkomm’, da kriegen die Leute Beine! Das ist komisch!“
Er lachte tief und stark, mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, dem das Leben durch Erfolge über Erfolge, im Hause wie auf dem Markt, Recht gab.
„Die Phila, die jammert auch immer, daß ich mich wieder hab’ wählen lassen! Das sei so roh — unsere innere Politik! Ich sag’ ihr: Zum Deubel auch! Teures Weib: Ich muß mich ’rumschlagen, das bin ich meiner Gesundheit schuldig!“
Exzellenz Tillesen lächelte einen Augenblick. Dann wurde sein stilles, graubärtiges Gelehrtengesicht wieder tiefernst. Er hatte die Brille abgenommen. Goldene Sonnenlichter spielten durch das Buchenlaub auf seiner mächtigen, hochgewölbten Stirne. Er unterbrach den Schwiegersohn nicht. Er wußte: der hörte lieber sich selber reden als Andere.
„Kampf war, ist, wird immer sein! Die Menschen sind nu ’mal eine verwünschte Rasse! Das hat der alte Fritz schon richtig erkannt! Aber die Mittel, wie sie sich verkeilen, wechseln. Heutzutage führt man den Krieg im Frieden. Es braucht doch nicht ewig der olle Schießprügel zu sein, um zu ermitteln, wer der Stärkere ist. Der synthetische Indigo tut’s unter Kulturmenschen schließlich auch.“
„Also glaubst Du wirklich nicht an die Möglichkeit eines Weltkriegs, Hugo?“