„Also schön! Ich bin großmütig! Sagen wir fünfundzwanzig Sekunden! Kommen Sie, Hellfried! Mit Euch Bräutigamen muß man aufpassen! Ihr seid nicht ganz zurechnungsfähig!“

Der späte Augustabend webte im Dämmergrün des Maximilianplatzes. In ihm das Gewirr von Tausenden von Stimmen, das Glühen der Luft, das Zittern der Seelen. Ein plötzliches Anschwellen des Menschenbrausens da zu den feierlichen Klängen der „Wacht am Rhein“, dort zu wildem Getümmel, geschwungenen Stöcken, Schutzmannshelmen im Gewühl um einen neu ertappten Spion. Hurrah, erhobene Hüte und wehende Tücher beim Anblick von Generalen und von Offizieren in polizeiwidrig sausenden Autos. Isebrink und Inge gingen im Strom dieser Massen. In ihnen und dem Zwielicht verschwand sein Feldgrau, wurde nicht mehr so beachtet. Sie waren ungestört und schwiegen eine Weile, wie Menschen, die sich zu viel zu sagen haben. Oder nichts mehr. Es lag ja alles hinter Einem. Die Flammen dieses August löschten überall, was an Irrtümern und Mißverständnissen in der Vergangenheit aufgestapelt lag, im Großen wie im Kleinen. Es war nicht der Mühe wert, davon noch zu reden, und Inge Tillesen sagte schließlich nur:

„Ja. Du brauchst nicht umzulernen. Du hast Recht behalten. In Allem!“

Dann fiel ihr wieder ein, was ihr die junge Hauptmannsbraut kameradschaftlich zum Abschied gesagt. „Gottseidank! Unsere künftigen Männer sind im Generalstab lange nicht so exponiert wie die ganz da vorn in der Front!“ Da dachte sie doch wieder mitten im Donnergang der Zeit an ihr eigenes bischen Schicksal. Sie merkte jetzt, an der Angst um ihn, wie lieb sie ihn hatte. Und wie sie ihn schon früher hätte haben können. Und sie sagte, sich fest an seinen Arm schmiegend:

„Ja! Ich war dumm!“

Er lachte.

„Du Schlaukopf — Du?“

„Aber wir waren’s Alle! Es ging uns zu gut! Wir haben nicht mehr gewußt, was uns nottat!“

Sie schritten Arm in Arm weiter, umbrandet und umbraust von dem Rauschen eines uferlosen Meeres. Tausend Töne lebten darin, Gesang und Geschrei, Lachen und Grollen, und es war doch nur ein einziger unermeßlicher Gleichklang, das Atmen einer einzigen Brust. Alle Gesichter umher schienen einander ähnlich, leuchtende Blicke in unerschütterlich ernsten Mienen, ein großes Geheimnis über Jedem und Allem, eine trunkene und doch feierlich erhobene Stimmung, wie das letzte Abendrot dort über den Dächern oder wie das Morgenrot des kommenden, ungeheuren Tags.

Inge blieb stehen.