„Zu meinen Eltern reise ich, nach Berlin. Um adieu zu sagen. Morgen werd’ ich in Zittau eingekleidet!“

„Nanu! Ich denk’, Sie hat man nicht brauchen können, voriges Jahr bei der Musterung!“

„Jetzt hab’ ich mich aber doch als Kriegsfreiwilliger durchgeschmuggelt!“ sagte der blasse junge Handelsbeflissene triumphierend. „Mein Vetter Sally auch! Und der kleine Lesser von Boas und Kompagnie, wenn Sie den kennen!“

Das wurde hinter Nicolai Schjelting gesprochen. Vor ihm sagte im Gedränge ein Achtzehnjähriger aus gutem Hause zu einem weißhaarigen Herrn:

„Es wird fein! Unsere halbe Prima geht ’raus mit dem Ordinarius zusammen!“

„Nun, Gott mit Euch Allen!“

„Ach, auf uns junge Leute kommt’s ja nicht so an! Besser wir fallen, als die Verheirateten!“

Wieder dachte sich Nicolai Schjelting: Die Deutschen fiebern! Sie lachen, aber sie sehen sich dabei an, als hätte Jeder über Nacht Ehrfurcht vor dem Andern bekommen. Einer wächst durch den Nächsten! Irgend etwas trägt sie empor. Sie verlieren den Boden unter den Füßen. Sie schweben über den Dingen. Das sind Symptome, die sich nicht so rasch analysieren lassen... Nun: wir nähern uns Berlin! Voilà le revers de la médaille!

Er hatte sich angewöhnt gehabt, in seinen Petersburger Damenzirkeln im Salon Ignatjeff an der Newa, von Berlin nachlässig im Ton eines höheren Nachtasyls zu sprechen. Schlecht angezogene Leute und Dollar-Jagd bei Tag, Vergnügungstaumel, die Friedrichstraße bei Nacht, halb Chikago, halb Babel. Jetzt schätzte er es in seinen Gedanken höher ein. Es war die ragende Hochburg der Verneinung für ganz Deutschland. In der Spree floß nicht Wasser, sondern Lauge. Die geschmacklosen Zinspaläste an ihren Ufern waren die steingewordene Unzufriedenheit der preußischen Bürgerseele. Ah, nun würden die Steine reden! Die Steine von Berlin...