Sein Herz jubelte, als er, in Eile durch Koffer und Wäsche-Ankauf neu ausgerüstet, am Fenster seines Hotels am Brandenburger Tor auf die Linden hinausschaute. Da unten war endlich das Volk! Das wirkliche deutsche Volk. Ein Meer von Köpfen und Hüten. Eine unabsehbare schwarze Masse. Nicht mehr nach Tausenden, nur noch nach Zehntausenden zu zählen, vom Brandenburger Tor bis zur Spreebrücke. Es grollte und rauschte unheimlich aus diesen Tiefen wie der Donner zürnender Brandung. Auf Nicolai Schjeltings abgespannte Züge kehrte die lächelnde Ironie zurück. Er eilte hinunter, das Sternenbannerchen im Knopfloch. Hier im Hotel war alles voll Yankees und reisefertiger Briten. Der Krieg von England noch nicht erklärt. Er fühlte sich wieder ganz sicher inmitten der guten Deutschen. Er trat Unter den Linden auf einen Schutzmann zu, dem dienstfertige deutsche Gastfreundschaft das englische Dolmetscher-Zeichen verliehen, und frug:

„Wohin wollen diese Bürger Alle?“

„Zum Kaiser!“

Der Schutzmann wies nach dem fernen Grau des Hohenzollernschlosses. Ein kaum sichtbares Blinken von Uniformpünktchen war da auf einem Balkon. Helle Damenkleider. Eine Stille. Dann ein Brausen, wie wenn der Sturm über die Meeresfläche fegte. Das Auffliegen von Tausenden von Hüten und weißen Tüchern gleich den Schaumspritzern über den Wellen. Hoch oben von den Dächern wie Flaggenflattern am Schiffsmast die Reichsbanner mit dem Eisernen Kriegskreuz, der schmetternde Pariser Einzugsmarsch vor der verlassen daliegenden französischen Botschaft. Und dann weiterhin, die Linden hinauf, das Sturmlied von Blut und Eisen: „Ich bin ein Preuße! Kennt Ihr meine Farben?“ Tausende sangen es mit. Schjelting wandte sich wieder zu einem Schutzmann:

„Wo sind denn nun die Unzufriedenen?“

„Was für Unzufriedene?“

„Giebt es denn keine?“

„Höchstens als wie ich!“ sagte der Schutzmann Nr. 20103. „Daß ich nicht mit ’raus darf! Unabkömmlich! Aber ich werd’ denen was husten! Ich komm’ schon noch mit!“

Nicolai Schjelting stand wieder im Hotel. Er befahl geistesabwesend:

„Eine Fahrkarte. Zum nächsten Zug nach Kopenhagen!“