„En avant...“

Die Schritte der Ablösung verhallten.

„Nu durchs Fenster. Herz in die Hand! Um die Ecke!.. Die Stangen hoch ... so ... man fixing damit an die Mauer! Igitt ... igitt!... Der Hof ist ja leer...“

„Wo ist er denn?“

„Drin im Pförtnerhäuschen, bei so’ner lütten Deern!... Lacht nur, Kinnings... Immer ruhig daran vorbei. Sprechen Sie ’mal recht laut Französisch — — nich?... So — das machen Sie ja wunderschön... Sie hätten Volksredner werden sollen... Uff...“

Sie waren im Freien. Es schien Hugo Martius wie ein Traum, daß sie durch das schwüle Abendgrauen der Gassen hingingen, auf einmal auf einer Schwebebrücke hoch durch die Luft über dem Eingang zum alten Hafen hinschwammen, sich drüben im Ameisengewimmel und Mastengewirr der Joliette verloren.

„Ich kenn’ mich doch in so ’nem Hafen aus!“ sagte der Seemann. „Sie haben Geld bei sich? Geben Sie mir ’mal!“

Er handelte in einem abenteuerlichen Spanisch Wurst, Brot und ein paar Flaschen Wein ein und steckte sie sich in die Taschen. Hier fiel keine Sprache außer der deutschen auf. Der Turmbau von Babel wogte durcheinander. Die indischen Söldner Asiens schritten hochmütig an den bewaffneten Negern Afrikas vorüber. Kanadische Offiziere Amerikas erwiderten kaum den lallenden Gruß betrunkener Quartiermacher der australischen Miliz. Die Mittelmeermenschen Europas schrieen dazwischen, und hoch oben von ihrem Hügel schaute als riesenhafter goldener Schatten die Heilige Jungfrau, Notre Dame de la Garde, auf diese Anglikaner und Buddhisten, diese Moslim und Hindus und Fetischdiener, diese weißen, gelben, braunen und schwarzen Menschen in Tropenhelm und Turban, in Käppi und Panama, die einander nie gesehen hatten, nicht kannten, nicht ansprechen konnten, einander haßten und fürchteten, sich vor einander ekelten und nur in dem Einen einig waren, Deutschland aus der Reihe der Christenheit auszurotten.

„Hier muß es doch irgendwo sein!“ sagte der von der Wasserkante. „Ich hab’ doch gute Augen. Ich hab’ es bei Tag deutlich von drüben gesehen... Aha ... da!“

Im bläulichen elektrischen Licht der Bogenlampen, dem Pfeifen der Hafenbahn, dem Rasseln der Kranenketten lag am Lazaret-Kai ein großes Handelsfahrzeug schon unter Dampfgekräusel aus den gelben Schloten. Der lange blaue Heimatwimpel spielte in der lauen Nacht. Die grün-weiß-roten Querstreifen der italienischen Handelsflagge, die tagsüber daneben geweht, waren eingezogen. Aber der Name des Dampfers an der Bordwand: „Città di Ravenna“ zeigte den neutralen Boden dieser Schiffsplanken, die der Bremer Seemann über eine Laufbrücke bestieg, als ob sich das von selbst verstünde.