Im April war er zuletzt in Paris gewesen. Es war noch nicht ein halbes Jahr her und schien doch eine Ewigkeit. In weiter Ferne lag das Bild des Einzugs des Britenkönigs an der Seine und, im Sechsspänner hinter ihm, des eitel lächelnden Präsidenten der Republik. Ein Menschenalter war vergangen, seit damals die Frühlingssonne ihre goldenen Lichter durch das Grün der Elysäischen Felder auf jubelnde Menschenmassen geworfen. Nicolai von Schjelting hatte Zeit genug, daran zu denken. Die Züge in Frankreich fuhren noch langsam und unregelmäßig, mit langem Aufenthalt auf den Knotenpunkten, dann wieder, auf anderen Strecken, in wilder Hast, daß die Stationen wie Farbenflecken vorüberflogen, mit ihrem bunten soldatischen Gewimmel, den roßschweifbesetzten Stahlhelmen, den verschnürten schwarzen Attilas, den schiefen graublauen Tellermützen der Alpenjäger, dem schreienden Krepprot der Käppis und Hosen, ein Stück malerisches Theater für den, der draußen schon das eintönige feldgraue und feldbraune Gewimmel der deutschen und russischen Millionen gesehen.

Dann dämmerte es wieder. Die Lichter im Zug wurden gelöscht. „Warum?“ — — — „Ah — le ‚Taube‘, monsieur!“ Die kleine französische Offiziersfrau neben Nicolai Schjelting steckte seufzend den Liebes-Socken ein, an dem sie bisher, ohne aufzusehen, gestrickt, und saß stumm, die Hände im Schoß. Der dicke belgische Major gegenüber klappte sein „Dressage de l’infanterie française“ zu, in dem er bisher stirnerunzelnd gelesen, der junge südfranzösische Rekrut ihm gegenüber zündete sich, ohne sich viel um ihn zu kümmern, eine neue Zigarette an. Paris... Endlich Paris... Eine zögernde Einfahrt in tiefer Dunkelheit ... immer nur neben den Scheiben das rote Kreuz in weißem Feld. Der Verwundetenzug, der da auf den Schienen hielt, nahm kein Ende. Innen rührte sich nichts. Rote-Kreuz-Damen und ein Arzt schritten die Wagenreihe entlang. Ihre Tritte und Stimmen waren das Einzige, was in dem Todesschweigen unter der mächtig gähnenden, menschenleeren Riesenwölbung des Bahnhofs wiederhallte.

Paris... War das noch Paris — diese Stadt ohne Licht, mit gelöschten Bogenlampen, schwachem Schimmer durch festverschlossene Läden, flüchtigen, zuckenden Mondscheinbahnen der zeppelinsuchenden Scheinwerfer am düsteren Herbsthimmel? Nicolai Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen, während er durch die sonderbar fremdartigen Straßen zum Hotel am Vendômeplatz fuhr. Es war beinahe das einzige, das nach der Flucht der Regierung noch offen war. Ein Manager begrüßte den Stammgast. „Ah, c’est triste, monsieur!“ Das Wort klang überall. Es lag auf allen Lippen. Es raunte aus der Brettervernagelung der Juwelierläden in der Rue de la Paix. Es raschelte aus den Zeitungsblättern, die, statt der Menschenfluten, jetzt, um neun Uhr Abends, im Wind über den verödeten Boulevard des Italiens dahinflogen, es war, als murmelte selbst der kleine Korporal da oben auf seiner Säule ein: ‚c’est triste!‘

Eine Hoffnung nur... Der Manager plauderte sie aus und schwatzte... Jetzt waren ja nur wenig Gäste im Haus, Engländer im Dienst und in Geschäften, ein paar vorwitzige Amerikaner mit ihren Ladies, die ihren Generalkonsul so lange plagten, bis sie einen Passierschein für ihre Autos vor die Bannmeile hinaus bekamen, so weit, daß man den Kanonendonner vom Oisethal her hören konnte. Aber das waren ja nur die ersten Schwalben. Im Frühjahr, wenn die Deutschen endgiltig vertrieben waren, würde halb Amerika herüberkommen, um die Spuren der Barbaren und ihrer Schlachtfelder zu sehen. Oh — die Saison 1915 — die würde die glanzvollste seit lange werden. Die Welt ohne Boches! Ein Jubel auf der ganzen Erde!

„Also, Ihr werdet die Deutschen verjagen?“

„Wir halten hier aus, mein Herr, bis diese unwiderstehlichen russischen Millionen Berlin besetzt haben...“

Nicolai von Schjelting schloß nervös die Augen, erwiderte nichts und suchte sein Zimmer und die Ruhe. Aber am nächsten Morgen sagte ihm der greise General de Rigolet de Mezeyrac das Gleiche. Er stand mit ihm, nahe seiner Wohnung in einer der Querstraßen des Sterns, am Eingang des Bois de Boulogne. Wenn das noch das Boulogner Gehölz war — diese Weidefläche für Tausende von Rindern und Hammeln da, wo sonst, auf der Fahrt zu den Rennen von Auteuil, der letzte Luxus der Erde seine höchsten Blüten getrieben. Gefällte Bäume vor den schimmernden Seeflächen, ein breiter Schützengraben quer über das aufgerissene Pflaster der Avenue du Bois de Boulogne, ihre Häuser zu beiden Seiten, so weit man sah, tot, mit geschlossenen Läden, auf der Promenade keine phantastischen Hüte und Trotteurkleider mehr, keine zweibeinigen Modejournale von Stutzern, keine Schoßhündchen, keine Halbwelt, keine Arche Noah von Fremden aller Völker ... nur ab und zu Frauen... Viele in Schwarz ... immer nur Frauen oder ganz alte Männer wie der General de Rigolet.

Der kleine dicke Achtzigjährige mit dem schneeweißen Knebelbart und den feurigen Augen trug wieder die französische Generalsuniform. Er hatte darauf bestanden, sich irgendwie im Kriegsministerium nützlich zu machen. Von seiner Tochter in Brüssel und von seiner Enkelin Ghislaine hatte er seit dem Kriegsausbruch nur Weniges und Unbestimmtes auf dem Umwege über England erfahren. Er wußte noch nichts von dem endgiltigen Bruch der Schjelting’schen Ehe.