„Wer?“
„Vae victis“, sagte Nicolai Schjelting wegwerfend. Einen Augenblick erschien es über den Köpfen der steinern dastehenden Diener, zwischen den alten Meistern im Goldrahmen, wie eine Flammenschrift an der Wand. Die Gesichter wurden besorgt. Es war eine Stille. Nun gewiß: man sprach davon... Jeder verlangte von dem Andern bei passender Gelegenheit die große Geste. Man spielte damit. Aber Spiel war doch nicht Ernst...
Nicolai Schjelting spuckte aus, als er draußen wieder im Wagen saß. Päh — dies Paris! Er spritzte sich etwas Kölnisch Wasser auf sein Tuch. Dies Paris war eine Kloake. Sogar eine altmodische Kloake. Die schmutzigen, papierübersäeten Boulevards, durch die er fuhr, wirkten mit ihren Bierhäusern und Schundbazaren wie eine verstaubte Atrappe von vorgestern, Theaterplunder, in dem die Fremden einander selbst Komödie vorspielten. Briten und Yankees überall. Im Hotel Ritz, vor dem sein Wagen zwischen hundert Luxuslimousinen hielt, hörte man jetzt zur Teestunde durch das Fiedeln der Zigeuner mehr Englisch als Französisch. Die Blüte der Londoner Gesellschaft wohnte hier und nebenan im Bristol. Als ängstliche Schülerinnen saßen die Dollarprinzessinnen mit ihren Eltern und äfften ehrfurchtsvoll die Frauen und Töchter der Lords nach. Schjelting kümmerte sich nicht um dies New-York-Herald-Treiben. Er fuhr in den ersten Stock hinauf und hatte dabei doch, in dieser angelsächsischen Insel zu Füßen Napoleons, die Gewißheit: Nun bin ich nahe den Nerven, die die Welt bewegen! Am Mittelpunkt aller Dinge.
Wie eine Kreuzspinne saß inmitten dieses Netzes, oben an seinem Schreibtisch, Sir William Higgins, Mitglied des Unterhauses und einer der Zeitungskönige der City. Glatt rasiert, hager, mit scharfen Zügen. Schwer zu sagen, ob er dreißig oder fünfzig war. Hier gab es keine gallischen Phrasen. Hier war alles Ruhe. Geschäft. Das größte Geschäft, das je in der Weltgeschichte gemacht wurde und Weltkrieg hieß. Und hoffentlich auch das beste.
Der ehrenwerte Higgins verfügte über ein herzliches Lächeln und einen Händedruck, daß die Knochen krachten. Aber Nicolai kannte diese Frische, diesen Freimut, der anscheinend gar keinen Zweifel aufkommen ließ. Er schaute dem Andern kühl in die eisigen Augen.
„Also Ihr macht wirklich mit?“
„Ja.“
„Ihr laßt uns nicht im letzten Augenblick im Stich?“
William Higgins hatte für Alles eine Methode, wie der Franzose eine Formel.
„Es giebt verschiedene Methoden zu leben!“ sagte er. „Unsere heißt: wir sind zum Herrschen da! Die deutsche: wir sind zum Arbeiten da! Sie befolgen sie so gründlich, daß auch wir arbeiten müßten, statt zu herrschen. So zwingen sie uns zur rauhesten aller Arbeiten: dem Krieg!“